Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 18

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Wir sollten doch alle mit ihm kommen. Wir Buben waren natürlich sehr gespannt und neugierig, was der Schurl uns wohl Interessantes zeigen würde, darum ließen wir uns nicht zweimal bitten und marschierten ihm aufgeregt hinterher. Nacheinander stapften wir die Treppe zum Dachboden hinauf. Hier oben roch es muffig und einige große Spinnengewebe hingen von den Dachbalken herunter. Überall standen alte Schränke, Kisten und Schachteln. Gespannt schauten wir Buben umher. So ein Dachboden hatte schon etwas Gespenstisches an sich, besonders, wenn es plötzlich hier und da anfing zu knarren und zu säuseln.
Zielstrebig ging der Schurl in eine Ecke des Estrichs, holte aus einer uralten Truhe ein in Decken gewickeltes, riesiges Vorderlader-Gewehr hervor und aus einer verstaubten Kiste einen riesigen Böller. Verdutzt starrten wir ihn an und bekamen vor Staunen unsere Münder nicht mehr zu. Dies beobachtete der Schurl mit einer gewissen Befriedigung und erzählte nun lässig und etwas lausbübisch, er habe schon mit dem Gewehr geschossen und das sei überhaupt kein Problem. Nur den Böller, den habe er noch nicht ausprobiert. Dies sollten wir lieber gemeinsam auf dem Krautberg versuchen, da er ja die Wirkung nicht kenne. Das klang für uns Buben plausibel und so wollten wir gemeinsam eine Sache nach der anderen angehen. Demgemäß nahm der Schurl sich zuerst einmal den Vorderlader und meinte, dass er geschnitzte Holzkeile habe, die er, nachdem er das »Pulverstangerl« von der 8,8 cm-Kanone angezündet und in den Lauf gesteckt hätte, mit einem »Maurerfäustel« draufhauen würde. Wie auch immer er sich das vorstellte, jetzt sollte die Theorie in die Tat umgesetzt werden.
Voller Erwartung stiegen wir auf das Dach hinaus. Der Wind pfiff uns um die Ohren, und große Spannung lag in der Luft. Ja, es knisterte förmlich im Gebälk, und uns umgab eine andächtige Grabesstille. Jedem von uns war ein bisschen mulmig zumute, aber das hätte keiner von uns jemals zugegeben. Zwischen den Häusern waren damals sehr breite Dachrinnen, da sie aufgrund der riesigen Dächer sehr viel Wasser aufnehmen mussten, und so konnte uns von der Straße aus niemand ent¬decken und beobachten. Wir standen also da und harrten aufgeregt der Dinge, die da auf uns zukamen. Der Schurl brach das Schweigen und rief: »Ihr werdet staunen, wie weit ich schieße, ich werde eine besondere Ladung fertig machen!« Er ging hinter einen Schornstein und hantierte eine Weile herum. Gespannt warteten wir ab. Hin und wieder schaute die Sonne zwischen den Wolken hindurch, als ob sie uns bei unserem Treiben argwöhnisch beobachten wollte.
Plötzlich schrie der Schurl aus Leibeskräften: »Gleich geht’s los! Haut’s euch in Deckung!« Der Vorderlauf zielte auf einen Schornstein beim Nachbarn. Wir schauten aus sicherer Entfernung auf den Lauf, doch es tat sich nichts. Sicherheitshalber blieben wir dennoch in Deckung, denn es konnte ja jeden Moment losgehen. Und alsbald schien es auch wieder so weit zu sein. Der Schurl rief ein weiteres Mal »Augenblick noch!«, doch plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall sowie eine dicke Nebelwolke und der Schurl schrie laut auf. In dem Moment, in dem er uns zurief, hielt er wahrscheinlich das Gewehr nicht ganz fest und der Rückstoß versetzte ihm einen Schlag, der sich »gewaschen« hatte. Aus Mund und Nase blutend kam er hervorgekrochen und fluchte fürchterlich. Zuerst versetzte uns sein Anblick einen fürchterlichen Schreck. Doch nachdem wir mit geschultem Blick feststellten, dass ihm »eh« nicht allzu viel passiert war, und es eigentlich nur schlimmer aussah, als es in Wirklichkeit war, fingen wir allesamt höllisch an zu lachen. Dann stiegen wir schnell vom Dachboden herunter, organisierten einen alten Lappen, feuchteten ihn ein wenig an, sodass der Schurl sein blutiges Gesicht abwischen konnte, ohne von jemand anderem in diesem blutverschmierten Zustand gesehen zu werden. Hätten ihn seine Eltern so verunstaltet vorgefunden, wäre mit Sicherheit eine ordentlich Standpauke und eine noch ordentlichere Strafe die Folge gewesen, denn einen derartigen Leichtsinn konnte man ja nicht so einfach ignorieren. Doch glücklicherweise konnten wir unbemerkt durch das Haus schleichen und unser Tun hatte keine Folgen. Der Schurl war ein harter Bursche und hatte das Missgeschick auch bald wieder vergessen. Ein paar Blessuren ließen sich vor seinen Eltern nicht verheimlichen, aber da hatte sich der Schurl schon eine vernünftige Ausrede einfallen lassen.
Den Böller rührten wir aber sicherheitshalber nicht mehr an. Wer weiß, was uns ansonsten noch widerfahren wäre. Mit dem Vorderlader haben wir allerdings noch oft geschossen, nur die Ladung haben wir reduziert. Wir hatten einen riesigen Spaß beim Schießen, da es ja sehr laut knallte und die Nachbarn sich immer besonders wunderten, wo dieses Getöse herkäme, denn auf dem Dach vermutete uns ja keiner.

Die letzten Tage und die letzte Geschichte

Das Schlimmste an Ferien ist immer das Ende, besonders, wenn man den Ort verlassen muss, der die zweite Heimat ist. Und das ist und war für uns immer unumwunden unser Waidhofen an der Ybbs. Menschen, die das Glück haben, in einem historisch und auch architektonisch so einmaligen Städtchen leben zu dürfen, werden es manchmal gar nicht so sehr zu schätzen wissen, wie die, die es beizeiten verlassen müssen, so wie einst mein Vater, dessen Schicksal ihn nach Deutschland brachte. Doch er verstand es, durch seinen Frohsinn stets in allem auch etwas Positives zu sehen. Ursprünglich waren seine großen Pläne, als junger Mann eine Ingenieursschule in Österreich zu besuchen. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Tod seines Großvaters konnte er dieses Ziel trotz bereits bestandener Vorprüfung nicht mehr verwirklichen. Es war wieder einmal eine sehr schwere Zeit für meinen Vater. Oft erzählte er uns von der großen Zuneigung zu seinem Großvater, der für ihn stets ein ebenbürtiger Vaterersatz war und immer nur das Beste für ihn wollte. Er berichtete von diesem alten Mann, der herrisch und auch teilweise autokratisch sein konnte, dessen Herz der kleine Franzl jedoch zu erobern verstand, sodass es ihm, dem elternlosen Bub, nie an Liebe und Zuneigung bei seinen Großeltern mangelte. Als dann der Tag kam, an dem der Großvater meines Vaters seinen letzten Atemzug tat, streichelte er ihm, seinem Lieblingsenkel, noch einmal zärtlich über die Wangen und sprach mit ungebrochener Stimme: ..

Mühlstraßenbande

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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