Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 1

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
  • hochgeladen von Sara Handl

Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

Prolog: Fahrt nach Waidhofen

Vorsichtig klopfte unsere Mutter an die Kinderzimmertüren und flüsterte: »Kommt Kinder, steht auf. Es ist schon halb zwei. Der Wagen ist gepackt und Papa möchte gleich losfahren.« Also krochen wir, mein Bruder Andreas und ich, mühsam aus unseren warmen Betten, kleideten uns an und taumelten schlaftrunken die Treppe zum Esszimmer hinunter. Dort wartete bereits unsere Großmutter mit zwei heißen dampfenden Tassen Tee und tröstete uns mit den Worten: »Im Auto könnt ihr ja gleich weiterschlafen.« Das taten wir dann auch. Sobald sich unser Wagen in Bewegung setzte, und wir das monotone Brummen des Motors vernahmen, schliefen wir sofort wieder ein. Es lag eine lange Fahrt von ungefähr 900 Kilometern vor uns, und da taten wir gut daran, die Zeit mit etwas Schlaf zu überbrücken.
Doch dieses Mal wurden wir plötzlich durch ein unsanftes Rucken geweckt. Es fing schon an zu dämmern und wir hörten meine Mutter schimpfen: »Ach, Franz, du immer mit deinen Experimenten.« Dann rollte unser Wagen stockend mit letztem Schwung auf einen Autobahnparkplatz und verstummte danach endgültig. »Ich wollte ja nur nicht durchs Tanken die Kinder wecken«, versuchte sich unser Vater aus der Misere zu ziehen. Aber meine Mutter wusste es besser. Papa wollte mal wieder testen, wie weit er mit einer Tankfüllung kommt. Da standen wir nun, »fern jeglicher Zivilisation, dem Hungertod nahe« und ich sah mich schon in den letzten Zügen. Was macht man als Kind in so einer aussichtslosen Situation? Weinen. Das bekam ein Lkw-Fahrer mit, der weiter vorne parkte, und kam sogleich auf uns zu. »Na, kein Benzin mehr?«, fragte er etwas spöttisch. Sichtlich echauffiert über diese peinliche Situation, musste mein Vater dies bejahen und bat um Hilfe. Sofort kramte der Mann einen Schlauch und einen alten metallenen Topf – ich glaube es war ein »Nachtscherben«– aus seinem Führerhäuschen hervor und bot meinem Vater an, sich mit diesen Hilfsmitteln etwas Benzin aus seinem Lkw-Tank abzuzapfen. »Das mache ich jetzt für Ihre Kinder. Eigentlich müssten Sie ja für Ihre Dummheit bis zur nächsten Tankstelle laufen«, sagte er in einem etwas schroffen und süffisanten Ton. Das hatte gesessen, aber egal, mein Vater war erleichtert, füllte etwas Treibstoff um und bedankte sich mit einem kleinen Obolus bei unserem Retter. Mein Vater war ein äußerst lustiger und schmissiger Mensch und ob diese Lektion eine wirklich nachhaltige Wirkung auf sein zukünftiges Verhalten auslöste, will ich dahingestellt lassen.
Die Fahrt ging – Gott sei Dank ohne sonstige irreguläre Unterbrechungen – weiter und nach ungefähr vierzehn Stunden konnten wir endlich das Wahrzeichen von Waidhofen an der Ybbs, das alte, um 1400 erbaute Schloss, sowie den barockisierten Kirchturm der spätgotischen Pfarrkirche erspähen. Überglücklich passierten wir die Mühlstraße, bogen kurz danach rechts in eine Seitengasse ein und waren am Ziel.
Vor uns befand sich die Gründerzeitvilla der Familie meines Vaters, in der er seine Kindheit verbracht hatte, und zu unserer Rechten war das Haus von unserem guten alten Freund, dem Schustermeister Neumüller, in dem wir stets unsere Ferien verbrachten. Als er uns hörte, kam er auch sogleich herausgelaufen, um uns zu begrüßen und beim Tragen des Gepäcks zu helfen. Eine schöne alte knarrende Holztreppe führte uns hinauf in den ersten Stock, wo unsere Zimmer lagen. Ausgestattet mit einem alten grünen verzierten Kachelofen, dunklen Holzmöbeln, teilweise noch aus der Biedermeierzeit, und antiken Heiligenbildern über den Ehebetten, überkam uns beim Eintreten gleich ein heimisches Gefühl. Es roch ein wenig nach altem Holz und Mottenkugeln, da dieser Trakt des Hauses ansonsten nie genutzt wurde. Der alte Kronleuchter strahlte ein anheimelndes warmes, gelbliches Licht aus. Wir waren wieder angekommen in unserer »zweiten Heimat« und überglücklich. Nachdem wir von der Mitzi, der Hausangestellten vom Neumüller Sepp, den obligatorischen Obstkuchen serviert bekommen hatten, der, wie immer, der beste der Welt war, brachte mein Vater unsere Großmutter in ihre Pension in der Oehlberggasse und fuhr anschließend bei Verwandten und Freunden vorbei. Diese traditionelle Begrüßungsaktion nannte er das »Zubischauen«. Anders, als bei uns zu Hause in Essen, war unser Feriendomizil fernsehfreie Zone. So verbrachten wir gemütliche Abendstunden mit Lesen oder wir lauschten gespannt den Jungendgeschichten meines Vaters:

Gebiet der Mühlstraßenbande

Die Mühlstraßenbande war nicht sehr groß, aber umso agiler und beweglicher. Uns gehörte das Herz der Stadt, der Untere Stadtplatz, sowie der Freisinger Berg, der Hohe Markt mit den Durchhäusern und seinen versteckten Gassen, die Au, die Mühlstraße und vor allem der Krautberg am Blaimschein und Kienholz.
Der Untere Stadtplatz ist bis heute das Herz der Stadt. Es gibt noch einige Geschäfte und Gasthäuser aus der damaligen Zeit, nur haben bei den meisten die Besitzer gewechselt.
Jeder von uns Buben hatte das gleiche Sagen und die gleichen Rechte. Wenn einer von uns in Not war, dann konnte er gewiss sein, dass wir gleich zur Stelle waren und zu ihm standen. Unsere Bande hielt über viele Jahre und auch später, obwohl es uns in viele Windrichtungen verschlug, blieben wir weiterhin Freunde, trafen uns so oft es ging, mal hier, mal da, und sprachen über die »gute alte Zeit«. Da war nichts, außer dem Tod, der so manchen von uns zu früh ereilte, was uns für immer hätte auseinanderbringen können. Es gab keinen Standesdünkel und keinen Neid, jeder wurde so akzeptiert, wie er war, und das machte unsere Verbindung aus. Den Kern unserer Bande bildeten der O. Sepp, der R. Sepp, Fritz, Tschiegerl, Schurl, S. Franz und ich, der Strasser Franz, der jedoch hauptsächlich als Brantner Franz bei Alt und Jung bekannt war. Aber da waren noch andere anständige Buben, wie der Helmut, Zusch und der Rudi, mit denen wir gerne zusammen spielten und Spaß hatten.
Wir hatten in der Nachkriegszeit unter einigen Entbehrungen zu leiden, selbst das Nötigste, wie Lebensmittel und Kleidung, war rar, von Spielzeug ganz zu schweigen. Aber gerade das Letztere vermissten wir so gut wie nie, denn durch unsere große Fantasie und unseren Ideenreichtum machten wir alles wett und kannten keine Langeweile. Wir waren viel an der frischen Luft und selbst schlechtes Wetter konnte uns nichts anhaben. Die Kindheitserinnerungen, ob gute oder schlechte, begleiten uns das ganze Leben lang. Darum sind mir auch im Alter noch viele schöne Erlebnisse im Gedächtnis geblieben, von denen ich euch gerne berichten möchte.

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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