Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 2

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

Der Schurl, seine Pferde und der Fattinger Heinerl

Der Schurl war der Sohn von Wirtsleuten eines bekannten und gut geführten Wirtshauses in der Unteren Stadt.
All seine Leidenschaft galt den Pferden, und er wollte Kutscher werden. So träumte er stets davon, einmal mit einem richtigen Pferdegespann durch die Waidhofner Innenstadt zu kutschieren. Für den Betrieb der Gastwirtschaft war ein kleiner Pritschenwagen vonnöten. Hiermit wurden »Kracherl«, wie zum Beispiel Himbeersprudel, und Eis geholt. Außerdem war er für den Holztransport von großer Wichtigkeit. Doch da für den Betrieb keine Zugtiere vorhanden waren, ließ sich der Schurl etwas anderes einfallen. Er delegierte vier von uns Buben zu seinen Ersatzpferden, machte aus einer dicken Schnur ein Geschirr und spannte uns vor seinen Wagen. Durch eine Kinderlähmung war er leicht gehbehindert, und da waren wir Freunde immer sofort zur Stelle, wenn es hieß, ihm hilfreich zur Seite zu stehen. War es Zeit zum Eisholen, bat er uns, mal zwei oder auch mal vier Buben, ihm zu helfen. Das machte uns sehr viel Spaß, da wir von seiner Mutter immer eine Jause oder ein paar Groschen dafür bekamen. So wurden wir, wie schon erwähnt, mit der Schnur eingespannt, zwei an der Schubstange und zwei davor, wenn er, wie dieses Mal, das Glück hatte, vier von uns zu erwischen. Dann ging die Post ab. Der Schurl saß auf dem Wagen, schnalzte mit seiner herrlichen Peitsche und wir Buben rannten los. Auf dem Hinweg, wenn der Pritschenwagen noch ungeladen war, war es ein Leichtes, dahinzugaloppieren, doch auf dem Rückweg, mit der schweren Fuhre, kamen wir schon so manches Mal ziemlich aus der Puste. In der Unter-Burg war das Bierlager. Hier luden wir die Getränke sowie Eis in großen Säcken auf. Kühlschränke oder Eismaschinen gab es damals ja noch nicht. So musste man sich anders helfen und verwendete Natureis.
Dieses wurde im Winter aus der Ybbs geschnitten und im Eiskeller bis zur Verwertung aufbewahrt. Diese Kellerräume waren tief in den Berg gegraben und mit dicken Türen sowie Stroh verschlossen, sodass sich dort die Eisschollen lange halten konnten.
Manchmal bekamen wir nach dem Aufladen noch ein Erfrischungsgetränk, was wir alle besonders genossen. Es lief kühl und prickelnd in unseren Kehlen hinunter und war ein echtes Labsal. Nach der Stärkung ging es wieder im Laufschritt Richtung Wirtshaus. Der Schurl schnalzte tüchtig mit der Peitsche und rief immer laut: »Hüa, hüa, gema, gema!«, als ob er richtige Pferde eingespannt hätte.
Wir schwitzten und schnauften, doch wir gaben nie klein bei. Nach Erreichen unseres Ziels wurde schnell abgeladen. Die Wirtin hatte dann schon immer die Jause – Schmalzbrote, Bratlfettbrote oder einen Gugelhupf – hergerichtet, sodass sich unsere Mühen stets bezahlt machten. Schurls Vater überreichte uns Buben dann einige Groschen und unsere Freude war groß.
Lustig war es auch, wenn Holz geschnitten wurde. Das Holz wurde vom Bauern in Meterscheiten geliefert und vor dem Wirtshaus abgeladen. Dann kam ein gewisser »Spreizer« mit seinem riesigen Sägegefährt, das derart dampfte und einen so »mordsmäßigen« Krach machte, dass man glaubte, jeden Moment würde sich die Erde auftun. Dieses Teil, Marke Eigenbau, war jedoch eine geniale Konstruktion. Es wurde von einem Ein-Zylinder-Diesel angetrieben, hatte vier Räder und war über die Vorderachse lenkbar. Hinten war eine Bandsäge montiert, die ebenfalls vom Dieselmotor angetrieben wurde. Die Holzscheite wurden hinten auf einen Metalltisch gelegt und in kurze Stücke geschnitten. Wir luden sie auf den Pritschenwagen und Schubkarren auf und transportierten sie zum Holzschuppen, der sich hinten im Lichthof befand.
Voller Elan rannten wir hin und her und arbeiteten Hand in Hand. Im Holzschuppen schlichteten wir Buben dann die Holzstücke fein säuberlich auf. Dabei hatten wir immer eine »Mordsgaudi«, denn nahmen wir es einmal doch nicht ganz so genau mit dem Aufschichten, so kam uns das Ganze wieder entgegen. Und sprangen wir dann nicht schnell genug beiseite, so wurden wir auch schon mal unter dem Holz begraben. Doch war die Arbeit schließlich zur Zufriedenheit verrichtet worden, gab es immer reichlich zu essen, mittags meistens »Blunzen« oder »Beuscherl«, manchmal aber auch Marillen- oder Zwetschgenknödel, je nachdem, was halt so da- und übriggeblieben war aus dem Gastronomiebetrieb. Da saßen wir Buben dann, zufrieden über unser Durchhaltevermögen, rund um einen großen Holztisch und futterten das gute und reichliche Essen genussvoll in uns hinein. Wir fühlten uns äußert erwachsen, denn wir waren ja auch unentbehrlich. Nachdem wir schließlich gesättigt waren, plauderten wir noch eine Weile munter und gingen dann wieder gestärkt und ausgeruht an die Arbeit. Zur Nachmittagsjause bekamen wir Gugelhupf oder, je nach Wunsch, ein Stück saftigen Apfelstrudel. Mit so einem Haufen Buben kam immer mächtig Freude auf. In der heutigen Zeit können sich die Kinder so etwas als Spaßfaktor leider nicht mehr vorstellen. Doch für uns Buben, die keinen Fernseher oder Computer kannten, waren solche Tätigkeiten eine willkommene Abwechslung. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der Schurl endlich sein heiß geliebtes Pferd. Auf der Flucht vor der Roten Armee ließen die Ungarn und die Soldaten der deutschen Wehrmacht sehr viel zurück. Auch einzelne Pferde liefen herum, und eines dieser Pferde, einen wunderbaren schwarzen Hengst mit einer Wunde an seinem rechten Vorderschenkel, fing der Schurl ein. Das war wohl einer der glücklichsten Momente seines Lebens. Nachdem er das Tier eingefangen hatte, stellte sich zuerst einmal die Frage, wo er es am besten unterbringen könnte. Nach einigen Überlegungen machte ich ihm den Vorschlag, meine Großmutter zu fragen, ob er es in unserer Remise unterstellen dürfe. Meine Großmutter willigte selbstverständlich sofort ein, da eine der Remisen so gut wie ausgeräumt und somit genug Platz vorhanden war. Man muss dazu aber ergänzen, dass meine Großmutter für mich und meine Freunde das Unmöglichste möglich gemacht hätte, nur um mir eine Freude zu bereiten. So hatte der Schurl dieses Problem schon einmal aus der Welt geschafft. Doch die Verletzung des Tieres machte ihm ebenso Kopfzerbrechen. Das Pferd lahmte sehr stark und man konnte erkennen, dass es starke Schmerzen erleiden musste.
So ging der Schurl aufgrund der großen Risswunde zum Fattinger Heinerl, in der Hoffnung, dieser könnte ihm weiterhelfen...

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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