Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 3

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Der Fattinger Heinerl war ein richtiges Unikum, er hatte jede Menge Hunde, welche er auch zuweilen für die Gewinnung von Hundeschmalz opferte, das ja bekanntlich zur Heilung von Lungenkrankheiten von großem Nutzen seien sollte. Außerdem besaß er Katzen, viel Kleinvieh und vor allen Dingen Flöhe in rauen Mengen. Doch das Wichtigste war, er wusste stets Rat und hatte für alle ein offenes Ohr. Seine wilde Behausung, in welcher sich ein merkwürdiger Geruch auftat, war ständig von Kindern und Studenten belagert. Diese waren vom Fattinger Heinerl und seiner Art, Dinge anzugehen und zu lösen, so angetan, dass er sich ihrer Bewunderung sicher sein konnte. Mich hatte er immer den »Brantner Hundsbuben« genannt, aber er konnte mich gut leiden und sagte das nur zum Spaß. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe, denn er brachte uns zum Lachen und konnte tolle Geschichten erzählen. Dabei saß er immer zwischen uns auf einem großen Stuhl, thronend wie ein Monarch. Darum war es auch für mich immer ein Erlebnis, ihn zu besuchen und Neues zu erfahren. Seine Regale waren voll mit Tuben, Dosen und Gläsern, gefüllt mit Pasten, Cremes, Kräutern und Salben. So gab der Fattinger Heinerl dem Schurl eine Salbe, die er mehrmals täglich auf die Wunde auftragen sollte. Zuversichtlich und zufrieden zog der Schurl wieder von dannen. Immer wieder rieb er den Vorderschenkel des Pferdes ein, massierte ihn und wickelte einen frischen Verband um die Verletzung, wobei er stets beruhigend auf das Tier einredete. Und tatsächlich – in kürzester Zeit heilte die Wunde zu. Jedes Mal, wenn der Schurl die Remise betrat, kam ihm der Hengst zutraulich und hoch erhobenen Hauptes entgegen, ließ sich tätscheln und mit Vorliebe striegeln. Dementsprechend glänzte sein Fell so herrlich schwarz, dass es eine echte Augenweide war.
Der Schurl war überglücklich und stolz ritt er – immer ohne Sattel – in der Mühlstraße hin und her. Auch auf der Au und dem Krautberg war er unterwegs. Voller Stolz präsentierte er jedem, den er kannte, sein Pferd. So dann und wann durften wir anderen Buben natürlich auch auf dem Pferderücken unser Glück suchen, wobei ich, ganz ehrlich gesagt, meines lieber auf dem Boden fand. Schurl hegte und pflegte sein Pferd tagtäglich mit Hingabe. So sorgte er ständig für frisches Trinkwasser und organisierte stets gutes Futter. Er brachte dem Hengst Möhren und trockenes Brot, das ihm seine Mutter aus der Wirtsküche zur Verfügung stellte, und wir holten gemeinsam mit dem Pritschenwagen Heu und Stroh von nahe liegenden Bauernhöfen, sodass es dem Tier an nichts fehlte. Wenn der Schurl mal aufgrund häuslicher Pflichten keine Zeit hatte, in den Mittagsstunden nach dem Rechten zu sehen, dann sprang ich gerne für ihn ein. Meine Großmutter gab mir dann etwas, woran sich das Pferd laben konnte, und so war wirklich für alles gesorgt. Ab und zu organisierten wir auch Äpfel – natürlich unter Einsatz unseres Lebens – oder etwas Zucker und bald hatte der Schurl ein prachtvolles Tier in der Remise stehen, um das ihn alle beneideten.
Eines Tages, als der Schurl wieder sein Pferd holen wollte, kam er wütend und völlig aufgelöst zu uns in die Wohnung und jammerte, man hätte ihm sein Pferd aus der Remise gestohlen. Ich trommelte alle verfüg¬baren Buben zusammen und wir machten uns gemeinsam auf die Suche. Sämtlichen Spuren gingen wir nach. Wir kundschafteten alle Winkel aus, spähten in alte Scheunen, Schober, Ställe und Hütten und streiften von einer Weide zur anderen. Doch alle Mühe war umsonst. Wer das Pferd entwendet hatte, haben wir nie herausgefunden. Doch wir gingen davon aus, dass es niemand aus der näheren Umgebung sein konnte, denn hier hatten wir wirklich alles durchforstet. Vielleicht war es ein durchziehender Soldat, der uns beobachtet hatte, oder irgendein Vagabund – es blieb für uns ein unlösbares Rätsel. So kam der Schurl also um seinen ganzen Stolz und war lange Zeit sehr traurig und niedergeschlagen. Immer wieder, wenn wir zusammen spielten, schaute er in der Gegend umher, ob er nicht doch noch irgendwo einen Hinweis auf das Verschwinden seines heiß geliebten Pferdes fände. Doch wir Buben ließen nichts unversucht, um ihn wieder aufzumuntern, was uns dann letztendlich auch gelang, indem wir zum Beispiel viele Streiche mit ihm machten, bei denen besonders sein Einfallsreichtum gefordert war.
Später wurde noch einige Male in unsere Remise eingebrochen und es wurden mehrere Dinge entwendet, aber davon erzähle ich euch ein anders Mal.

Eine Wanderung in die Sulz

Mein Vater war ein hervorragender Organisator und so waren auch stets eine Meute Freunde beisammen, wenn es hieß, wir machen eine Wandertour. Egal, ob Windstärke sechs und Regengüsse wie aus Eimern, wir hatten mit ihm immer viel Spaß und da war selbst eine Wanderung von dreißig Kilometern keine Tortur.
So ging es an einem schönen Tag den Schnabelberg hinauf, Richtung Sulz, und es war wieder eine große Gruppe mit von der Partie. Nach einem ordentlichen Anstieg über Viehwiesen und schmale Waldwege erreichten wir auf 958 Metern das Gipfelkreuz des Schnabelbergs. Dort gab es eine kleine Erfrischung und anschließend überquerten wir die Hahnelreithwiese, bis wir einen Nadelwald erreichten. Von nun an ging es nur noch bergab, einen schmalen Pfad entlang, über Wurzelwerk und gut duftenden Waldboden, bis zu einem etwas steileren Stück, auf welches uns mein Vater, der vorausging, extra aufmerksam machte, da es besonders feucht und matschig war.
Doch plötzlich und unvermittelt – ehe er seinen Satz noch beenden konnte – riss es ihm die Beine weg und mit einem ordentlichen Platscher lag er mitten in einer Schlammkuhle. Ich muss ja nicht groß erklären, wie laut da das Gelächter der anderen war. Aber auch mein Vater, der seine heiß geliebte Lederhose trug, die jetzt wie ein paniertes Schnitzel aussah, kriegte sich vor Lachen kaum noch ein. Nichts konnte ihn aus der Fassung bringen, er war über jeden Spott erhaben. Nein, ganz im Gegenteil, wenn es etwas zum Lachen gab, auch über sich selbst, war mein Vater nicht zu überhören. Mir hingegen stieg die Zornesröte ins Gesicht, weil ich es so gar nicht ertragen konnte, wenn jemand über meinen geliebten Vater lachte. Nachdem sich alle Gemüter wieder beruhigt hatten, ging es endlich ohne sonstige nennenswerte Vorfälle wieder weiter. Mein Vater legte jetzt einen etwas eigenartigen, speziellen Gehstil an den Tag und je trockener der Schlamm an seiner »Ledernen« wurde, desto steifer ging er daher...

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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