Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 6

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
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Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

...Wieder zurück in seiner Behausung, heizte er seinen Ofen an und erhitze in einem alten Kupfer¬kessel etwas Suppe. Er verteilte ein paar Tassen und füllte jedem von uns mit einer großen Kelle etwas von der heißen Flüssigkeit ein. Anschließend kramte er aus einer Ecke der Höhle eine alte Blechdose hervor, in der sich Brot befand, und schnitt uns Buben jeweils ein ordentliches Stück ab. Es schmeckte wunderbar. Wir schlürften die heiß dampfende Suppe und bissen danach kräftig in das Brot, dessen Rinde knusprig und resch war. Trotzdem der Moltaschl von der Hand in den Mund lebte, teilte er mit uns das Wenige, das er hatte, und das war für uns Buben etwas ganz Besonderes. Er erzählte uns, dass er von dem Bauern, der ihm die Höhle zur Verfügung stellte, oft Lebensmittel für geleistete Dienste, wie Viehhüten oder Landarbeiten, bekäme. In besonders harten Wintern durfte er auch im Bauernhaus nächtigen und wurde zum Mitspeisen eingeladen.
Nachdem wir Buben uns unserer leeren Tassen ent¬ledigt hatten, erzählte er uns, dass nicht alle seine Besucher ihm immer gut gesonnen waren. Da gab es auch Buben aus dem Tal, die ihm seine ganze Schmuck- und Glassammlung zerstört hatten. Dann aber zeigte der Kesselflicker uns, wie er mit Handwerkzeug und altem ¬Kupfer die schadhaften Stellen des Kochgeschirrs ausbesserte. Er dichtete zum Beispiel Innen- und Außenseite der löchrigen Pfannen und Kessel mit Kupferscheiben ab und nietete sie zusammen, doppelte abgenützte Böden auf und verzinnte die Innenwand der Töpfe wieder neu. Wir staunten über seine unglaubliche Geschicklichkeit und Fingerfertigkeit. Danach durften wir uns einige Uhrwerke anschauen und betrachteten seinen schönen selbst¬gemachten Glasschmuck.
Als es langsam zu dämmern begann, mussten wir uns schweren Herzens vom Kesselflicker verabschieden, bedankten uns noch einmal herzlich bei ihm für seine Gastfreundlichkeit und machten uns wieder auf den Weg zurück ins Tal. Als ich heimkam, fragte mich meine Großmutter sogleich, wo ich denn die ganze Zeit geblieben sei, und ich erzählte ihr von meinem Erlebnis. Aufmerksam hörte mir meine Großmutter zu, weil sie zuvor nicht gewusst hatte, wo und wie genau der Moltaschl wohnte.
Für uns war es ein großes Abenteuer, wir lernten Neues und Interessantes dazu und freuten uns jedes Mal, wenn der Kesselflicker wieder bei uns in der Stadt war.
Von der Bäuerin des Bauernhofs, auf dem der Moltaschl stets umsorgt wurde, erfuhr ich, dass er neunzehn Jahre in der Höhle verbracht hatte. Als er jedoch schon alt und etwas verwirrt war, kam der Moltaschl nach Mauer in ein Sanatorium, wo er bis zu seinem Lebensende betreut wurde.

Ein Tag an der Ybbs

Was kann es für uns Stadtmenschen Schöneres geben, als in einem sauberen Fluss mit Trinkwasserqualität zu baden. Und so war die herrliche Ybbs mit ihren Forellen, Felsen und ständig frisch fließendem Wasser für uns Kinder das reinste Paradies.
Mein Vater holte beim Fleischer schon frühmorgens Knacker, beim Bäcker Semmeln, packte die Luftmatratzen ins Auto, und sobald wir mit dem Frühstück fertig waren, ging es auch schon los Richtung Ybbstal, wo wir hinter Opponitz einen herrlichen Badeplatz ausfindig gemacht hatten. Allerdings mussten wir, um diesen zu erreichen, zuerst einmal die Ybbs mit ihrer nicht zu unterschätzenden Strömung überqueren.
Da unser Großmütterlein mit ihren dünnen Beinen nicht mehr so standfest war, hatte meine Mutter die glorreiche Idee, sie über die Eisenbahnbrücke zu hieven, um ihr das Wasserwaten zu ersparen. Als Unterstützung begleitete ich die beiden. Bis zur Mitte der Brücke lief auch alles reibungslos, doch plötzlich vernahmen wir hinter uns ein lautes Pfeifen. Wir drehten uns alle drei um und erstarrten fast vor Schreck. Es war die Ybbstal-Bahn, die sich uns bedrohlich näherte. Nach kurzer Überlegung packte meine Mutter ihre Mutter voller Panik an der Hand und zog sie mit aller Gewalt in Windeseile über das Brückengleis hinter sich her. Immer wieder wagten wir einen flüchtigen Blick nach hinten, wobei wir feststellen mussten, dass uns das »Dreiäugige Ungetüm« dampfend und schnaufend immer mehr auf die Pelle rückte. Es fühlte sich an, als wäre die Eisenbahnbrücke endlos lang, doch ehe Großmutters Kraft versagte, erreichten wir gemeinsam das Ende der Brücke und sprangen wie gescheuchte Hühner hinter dem Brückengeländer nach rechts in einen Graben. Ich glaube, so schnell habe ich meine Großmutter nie wieder laufen sehen. Als sie wieder bei Atem war, protestierte sie lauthals: »Marianne, was machst du nur mit mir, willst du mich umbringen?« Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte, aber am meisten regte sie sich über unser unnötiges und albernes Gelächter auf.
In der Mittagszeit trugen mein Bruder und ich an unserem Badeplatz trockenes Treibholz zusammen. Mein Vater machte mit größeren Steinen eine Umrandung für eine Feuerstelle und bald hatten wir ein schönes, behaglich knisterndes Lagerfeuer. Als das Holz allmählich heruntergebrannt war und sich eine prächtige Glut entwickelt hatte, spießten wir unsere Knacker auf dünne Haselnussstecken und ließen sie langsam über dem Feuer vor sich hin brutzeln.
Während der Zeit des Wartens schwelgte unser Vater in Erinnerungen an einen Leckerbissen aus seiner Bubenzeit. Man konnte förmlich sehen, wie ihm das Wasser bei dieser Vorstellung im Munde zusammen lief.

Die beste "Blunzen" der Welt

Es war im Winter 1944, ein herrlicher Tag, und ich hatte wieder einmal keine rechte Lust, in die Schule zu gehen. So erzählte ich frühmorgens meiner Großmutter, dass ich unter Asthma leiden würde und wenig Luft bekäme. Selbstverständlich erlaubte mir die gutmütige alte Dame gleich, daheim zu bleiben, um mich zu -schonen und auszukurieren. Doch zu fortgeschrittener Stunde wurde mein Gesundheitszustand, wie gewöhnlich, wieder besser. Und so war es gegen zehn oder elf Uhr – so genau will ich mich nicht festlegen – soweit, dass ich unbedingt hinaus musste, allein »der guten Luft wegen«. Also bat ich die Großmutter um ihre Erlaubnis und sie willigte liebenswürdig ein, mit der besorgten Bemerkung, ich solle jedoch keine kalte Luft einatmen, mich nur ja nicht anstrengen und zum Mittagessen wieder zu Hause sein. Meine Großmutter war eine echte »Perle«, zufrieden, lieb und voller Güte bemutterte sie mich rund um die Uhr... 

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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