Fortsetzungsroman
Mühlstraßenbande: Teil 8

Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Spannende Geschichten von Franz Strasser
  • Foto: Verlag Bibliothek d. Provinz
  • hochgeladen von Sara Handl

Fortsetzungsroman: Franz Strasser erzählt in "Die Mühlstraßenbande" von seiner Kindheit nach dem Krieg.

Die Hundsvirginier

Der Joseph, Kürtl, Erich, Tschiegerl und ich spielten – wie so oft – wieder einmal auf einer »geraden Leiten« Fußball. Zu diesem Zweck wickelten wir eine Dose in einen Stofffetzen, bauten uns aus Holzbalken Tore und teilten uns in zwei Mannschaften auf. Zwischendurch tauschten wir auch die Teampartner aus und so hatten wir eine unterhaltsame Beschäftigung.
Da kamen zwei Ybbsitzer Buben des Weges. Hubert und Hermann, so hießen sie, wohnten meist bei ihrem Großvater, einem bekannten Tabakhändler am »Unteren Stadtplatz«. Nun hatten wir neue Mitspieler und die Sache wurde immer interessanter. Wir spielten noch eine gute Stunde und dann hatte einer der beiden Ybbsitzer Buben eine hervorragende Idee. Diese beiden kamen an so ziemlich alles heran, was ihr Großvater in seinem Laden veräußerte. Mal ließen sie Zigaretten, mal Tabak mitgehen – und diesmal Zigarren. Es waren Virginier, lange, braune Zigarren, mit einem Strohhalm in der Mitte.
So, meinten die Brüder, jetzt sei endlich der Zeitpunkt gekommen, um sich dem gemütlichen Teil des Tages, dem Rauchen, zuzuwenden. Wir anderen Buben waren erst etwas verblüfft, aber man wollte sich ja schließlich keine Blöße geben. Wir Waidhofner Buben standen den Ybbsitzern in nichts nach. Wir hatten alle schon einmal an einer Zigarette gezogen, da würde uns eine Zigarre auch nicht gleich umhauen. Zu diesem Zweck gingen wir Richtung Krautbergkreuz und setzten uns dort auf eine große Haselnussstaude, die wir schon seit einiger Zeit als Hochsitz und Aufenthaltsort nutzten. Jeder bekam eine Zigarre, und wir begannen genüsslich daran zu ziehen. Wir bemühten uns, Kringel zu blasen und eine gute Figur dabei zu machen. Auf Zunge und Gaumen legte sich allmählich ein bitterer Geschmack und der Mundraum fühlte sich unangenehm pelzig an. Doch keiner von uns verzog nur ansatzweise das Gesicht. Ab und zu musste sich einer räuspern, was er dann aber möglichst unauffällig erledigte. Das ging eine Zeit lang gut. Ich schaute von meinem Platz aus in die Stadt hinunter und versuchte mich abzulenken. Jedoch dauerte es nicht lange, da fing einer nach dem anderen an, über Kopf- und Bauchschmerzen zu klagen. Das war allerdings noch nicht alles. Bald schon ging dem ersten von uns, dem Tschiegerl, sozusagen hinten die Sicherung durch. Das gab ein lautes Gelächter und eine herrliche »Gaudi«, die sich aber fortsetzte und noch größer wurde, nachdem auch ich die Kontrolle über mich verlor.
Ich hatte ein ziemlich unangenehmes, warm-feuchtes Gefühl in meiner Hose und traute mich kaum noch, einen Schritt zu machen. Langsam kroch ein äußerst unschöner Geruch an mir empor, der mir eine unglaubliche Röte in das Gesicht steigen ließ. Was war da zu tun? Wir hatten als Unterhosen die berühmten »Klothosen« an. Dieses praktische Kleidungsstück war eine schwarze Stoffunterhose aus einem besonderen, seidigen Material, sehr angenehm zu tragen – und die hieß es jetzt zu reinigen. Bei den Haselsträuchern ging selten ein Mensch vorüber, und so konnten wir uns wenigstens in dieser delikaten Situation ungestört und ungeniert entkleiden. Vorsichtig und darauf bedacht, es nicht noch schlimmer zu machen, zogen wir zuerst einmal unsere beschmutzten Unterhosen aus, säuberten sie notdürftig mit Gras und Blättern und schlüpften eilig in unsere noch unversehrten Beinkleider, um nicht noch zusätzlich für Spott zu sorgen. Es war wirklich eine extrem unangenehme Situation.
Die Beneidenswerten, die nicht Opfer dieser unseligen Angelegenheit wurden, hielten sich in sicherer Entfernung demonstrativ ihre Nasen zu und grunzten vor Lachen. Es war ein erniedrigender Zustand, aber da mussten der Tschiegerl und ich unabänderlich durch. Anschließend wickelten wir die Unterhosen zusammen und gingen eilig zum nahe liegenden Schwarzbach hinunter, um unsere Wäsche erst einmal richtig auszu¬waschen. Zu diesem Zweck hielten wir uns unter einer Holzbrücke auf, wo uns niemand beobachten konnte. Anschließend hängten wir die Klothosen zum Trocknen an einen Zaun und spielten fröhlich weiter.
Nach Hause gingen wir wegen solch eines kleinen Malheurs natürlich noch nicht, denn auch ohne Unterhosen konnten wir weiter munter umherlaufen. Aber eins war sicher – die Virginier wollten wir nie mehr wieder rauchen.

Die Luftmatratzenfahrt

Wie jeden Sommer – das wurde wirklich schon zur Tradition – machten wir auch in diesem Sommer wieder eine Luftmatratzenfahrt. Es war herrliches Wetter und schon in den frühen Mittagsstunden war das Quecksilber im Thermostat bereits über 30 Grad gestiegen. Damit wir eine schöne und lange Strecke herunter treiben konnten, musste uns unser Vater mit dem Auto nach Hohenlehen befördern. Dort stiegen wir aus, bliesen unsere Luftmatratzen auf und ließen sie zu Wasser.
Dieses Mal waren mein Onkel Karl-Willi aus Deutschland und seine beiden Kinder, Thomas und Martina, mit von der Partie. Zuerst ging es nur schleppend voran, doch dann tauchten immer wieder aus dem Nichts Strömungen auf, die uns so manches Mal sogar von den Matratzen ins Wasser rissen. Das machte einen Heidenspaß. Nach einer Weile näherten wir uns einer Brücke.
Plötzlich, völlig unerwartet, beugte sich ein Mann mit einer Schrotflinte über die Brüstung dieser Brücke und schrie uns an: »Schauts, dass ihr aus dem Wasser kommt’s, sonst schieß ich euch ein paar Löcher in die Luftmatratzen. Hier beginnt das Fischlaichgebiet und da habt’s ihr nichts zu suchen!« Doch mein Onkel antwortete nur unbeeindruckt und gelassen: »Ist das die so hochgelobte, höfliche Art, wie Sie Ihre Urlaubsgäste begrüßen? Sollten Sie den Kindern nur ein Haar krümmen, stecke ich Ihnen Ihr Gewehr sonstwo hin.«
Das verblüffte Gesicht des Mannes sprach Bände, doch ehe er noch etwas antworten konnte, trieben wir schon unter der Brücke hindurch, und der selbsternannte Flusswächter schaute nur noch verdutzt hinter uns her. Ich muss ehrlich sagen, das hat uns Kindern schon einen gewissen Schreck versetzt, aber es ging noch ungefähr eine Stunde weiter flussabwärts und da konnten wir immer mehr über diesen kuriosen Vorfall lachen.
Eines konnten wir jedoch nach diesem langen Aufenthalt im Wasser nicht so einfach vergessen – den mächtigen Sonnenbrand auf Rücken und Beinen, den wir alle hatten, und der uns noch lange zu schaffen machte..

Mühlstraßenbande:

Erzählungen, Franz Strasser
Verlag Bibliothek der Provinz
ISBN 978-3-99028-383-7
19 x 12 cm, 100 S., € 13,00

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