Impfmythen
Gibt es mehr Herzinfarkte seit Beginn der Impfkampagne?

Mehr Herzinfarkte durch Corona? Karl Zwiauer, Mitglied des Nationalen Impfgremiums, beantwortet diese Frage.
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NÖ. Karl Zwiauer, Mitglied des Nationalen Impfgremiums, beantwortet Fragen und klärt über Impfmythen auf.

Stimmt es, dass es seit Beginn der Impfkampagne mehr Herzinfarkte gab?
Recht schnell nach Beginn der Corona Pandemie ist klar geworden, dass im Rahmen der SARS-CoV-2 Infektion und der COVID-19 Erkrankung Erkrankungen des Herzens ein Risikofaktor für die Erkrankung darstellen. Dass die COVID-19 Infektion selbst ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Herzmuskelschädigungen darstellt ist im Laufe der zunehmenden Erfahrungen mit der Erkrankung bald offensichtlich geworden.
Dass es seit Beginn der Impfkampagne insgesamt zu mehr Herzinfarkten bei der geimpften Bevölkerung gekommen wäre, ist durch Studiendaten nicht belegbar. Natürlich gibt es Einzelberichte, die zeigen, dass es innerhalb von einigen Tagen nach Verabreichung der Impfung zu einem Herzinfarkt gekommen ist, allerdings ist das ja auch nicht anders zu erwarten, denn auch ohne Impfung kommt es in der Bevölkerung permanent, ohne dass geimpft wird, zu solchen Ereignissen. Dieses Phänomen wird Hintergrundmorbidität genannt. Unter Hintergrundmorbidität versteht man das übliche Maß an Krankheiten, die in einer Bevölkerung vorkommen. Die Hintergrundmorbidität wird aber nicht durch Interventionen, wie z.B. Impfung verursacht, sondern ist dann ein Ereignis, das zwar zeitlich mit der Impfung in Zusammenhang steht, nicht aber ursächlich. Es handelt sich dabei dann um ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen. Dass es aber zu einer statistisch erhöhten und ursächlich hervorgerufenen Häufigkeit von Herzinfarkten bei Geimpften käme, dafür gibt es derzeit absolut keine Hinweise.

"Stimmt es, dass wir alle Versuchskaninchen sind?"
Die von der EU zugelassenen mRNA und Vektor Impfstoffe gegen COVID- 19 wurden in rekordverdächtig kurzer Zeit entwickelt. In einer gemeinsamen weltweiten wissenschaftlichen Anstrengung und Zusammenarbeit wurden sie entwickelt und zur Zulassung gebracht. Dennoch haben sie alle für Impfstoffe vorgeschriebenen Phasen der Entwicklung und Testung durchlaufen. Insbesondere die Zulassungsstudien wurden mit so vielen Personen durchgeführt, wie es bei kaum anderen Impfungen der Fall war: es wurden die Studien mit 30.000 bis 40.000 freiwilligen Studienteilnehmern zur Sicherheit und Wirksamkeit gemacht.
Alle für die Zulassung notwendigen Anforderungen wurden erfüllt und die Impfungen wurden von den Zulassungsbehörden als sicher und wirksam erklärt. Abgesehen davon wurden nach der Zulassung in der EU von den beiden Impfstofftypen bisher allein in der EU mehr als 600 Millionen Impfdosen verabreicht. Weltweit wurden von den mehr als 9,5 Milliarden Impfdosen über 5 Milliarden mit mRNA oder Vektorimpfstoffen verabreicht, ohne dass es bisher zu Nebenwirkungen gekommen wäre, die eine Neubewertung der Zulassungen notwendig gemacht hätten. Wir sind also keine Versuchskaninchen, wenn wir uns gegen COVID-19 mit mRNA oder Vektorimpfungen impfen, sondern verlassen uns auf sichere und wirksame Impfstoffe.

Karl Zwiauer, Mitglied des Nationalen Impfgremiums klärt auf: "Wir sind keine Versuchskaninchen".
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Stimmt es, dass man besser auf einen Totimpfstoff warten soll?
Mit dem Impfstoff der Firma Novavax wurde in der EU am 20. Dezember 2021 der erste Protein-Impfstoff zugelassen. Die Studiendaten zeigen, dass der Corona-Impfstoff des US-Pharmaherstellers Novavax gut verträglich und hochwirksam – auch bei der Delta-Virusvariante ist. Es ist der erste Corona-Impfstoff seiner Art. In der klinischen Studie wurden rund 30.000 Teilnehmer in den USA und Mexiko beobachtet. Davon erhielten zwei Drittel zwei Dosen des Impfstoffs im Abstand von drei Wochen, ein Drittel erhielt ein Placebo. Das Ergebnis: Es kam insgesamt zu 77 Corona-Fällen, darunter 63 in der Placebogruppe und 14 in der Vakzingruppe. Das entspricht einer Schutzwirkung von rund 90 Prozent. Die Studienergebnisse bestätigen die Wirksamkeit, Sicherheit und Immunogenität des proteinbasierten Impfstoffs bei Erwachsenen. Einschränkend ist zu sagen, dass die Studie in einer Zeit durchgeführt wurde (Dezember 2020 bis Februar 2021) zu der die Alpha-Variante vorherrschte. Daten über die Wirksamkeit gegenüber der Omikron-Variante gibt es daher noch keine.
Der Impfstoff, der von der EU gemeinsam bestellt worden ist, wird voraussichtlich in den nächsten Wochen auch in Österreich verfügbar sein. Bekannte und bewährte Impfstoffe, die in Österreich seit vielen Jahren verwendet werden (Impfstoff gegen HPV, Hepatitis B u.a.), sind ebenfalls proteinbasierte Impfstoffe.
Es ist zu hoffen, dass sich damit viele Personen, die auf einen Impfstoff warten, der auf einer älteren Impfstofftechnologie beruht, impfen lassen werden.

Stimmt es, dass es häufig zu Impfnebenwirkungen kommt?

In den Zulassungsstudien zu den in der EU freigegebenen Impfstoffen konnten bei den COVID-19 Impfstoffen neben den Lokalreaktionen, wie z.B. Rötung, Schwellung und Druckschmerzhaftigkeit auch systemische Reaktionen, wie z.B. Müdigkeit, Kopfschmerzen, Glieder- und Gelenksschmerzen und Fieber beobachtet werden. Diese Reaktionen auf die COVID-19 Impfungen sind ähnlich, wie sie auch bei anderen bekannten Impfungen auftreten.
Schädliche und unerwartete Reaktionen auf die COVID-19 Impfungen werden als Impfnebenwirkung bezeichnet. Für Gesundheitsberufe besteht in Österreich eine gesetzliche Meldepflicht für vermutete Nebenwirkungen. Die Überwachungssysteme in Österreich, Europa und den USA überwachen laufend die von Ärzten und auch geimpften Personen gemeldeten Nebenwirkungen. In diesen Überwachungssystemen sind Nebenwirkungen gemeldet worden, die zeigen, dass z.B.: Thrombosen mit Verminderung von Blutplättchen etwas häufiger bei mit Vektorimpfstoffen geimpften Personen als üblich aufgetreten (ca. bei 1 Person von 100.000 geimpften). Auch das Risiko für eine Herzmuskelentzündung für junge Männern nach der 2. mRNA Impfung zeigte sich, dass es leicht erhöht ist. Diese extrem seltenen Nebenwirkungen konnten nur deshalb gefunden werden, weil ungeheuer viele COVID-19 Impfungen in kurzer Zeit verabreicht wurden und solche seltenen Ereignisse auch den Meldesystemen gemeldet wurden. Dies weist darauf hin, dass die etablierten und verpflichtenden Meldesysteme in Österreich (der EU (EudraVigilance- Datenbank bei der EMA) und anderen Ländern sehr gut funktionieren. COVID-19 Impfungen können daher als sehr sicher bezeichnet werden und Impfnebenwirkungen werden sehr selten berichtet.

Stimmt es, dass der mRNA-Impfstoff in das menschliche Gen eingreift?
mRNA Impfstoffe gegen COVID-19 bestehen aus zwei Bestandteilen: Der Boten-Ribonukleinsäure (messenger RNA, mRNA), die die Information für die Bildung des SARS-CoV-2 Spike Proteins trägt und quasi der Bauplan ist für den Bestandteil der Impfung, gegen den dann die Abwehrkräfte gebildet werden (Antikörper) und dem Trägermaterial, quasi dem Vehikel, das die mRNA unversehrt in das Innere der Zelle bringen soll. In den menschlichen Zellen wird dann vom Stoffwechsel der Zelle mit der Information, die mit der mRNA eingebracht worden ist, das Spike Protein gebildet, das dann die Immunantwort hervorruft. Die mRNA befindet sich daher wohl in den menschlichen Zellen aber außerhalb des Zellkerns, dies ist wichtig zu bedenken. Es ist eine physiologische Gegebenheit, dass ein Einbau der mRNA in die menschliche Erbsubstanz (Genom), das sich im Zellkern befindet, unmöglich ist. Die Möglichkeit, dass neue Information in das menschliche Genom eingebaut wird, würde die Anwesenheit bestimmter Enzyme voraussetzen, die weder der Mensch noch das SARS-CoV-2 Virus oder die COVID-19 Impfungen besitzen. Überhaupt befinden sich ca. 200.000 mRNA in der Zelle, die unterschiedliche Eiweiße für den Stoffwechsel aufbauen und auch nicht in den Zellkern eingebaut werden können.
Aus all diesen Gründen ist der Einbau von mRNA oder anderem genetischen Material in das Genom des Menschen nicht möglich. Ängste und Befürchtungen in dieser Hinsicht sind daher unbegründet, werden aber immer wieder von Impfgegnern genutzt um zu verunsichern und Menschen von der Impfung abzuhalten.

Stimmt es, dass man Kinder nicht zu impfen braucht, weil das Virus keine Gefahr ist?
Kinder und Jugendliche erkranken im Vergleich zu Erwachsenen seltener und wenn sie erkranken dann weniger schwer an COVID-19. Wenngleich das akute COVID-19 Krankheitsbild bei Kindern selten schwer verläuft, sind vor allem schwere Krankheitsverläufe im Rahmen des Multisystem-Inflammationssyndrom (MIS-C) eine schwere Belastung für Kinder. Auch in Österreich gab es bei der 3. Welle zahlreiche Kinder, die am MIS-C erkrankt waren. Dieses Hyperinflammationssyndrom geht mit schweren Entzündungszeichen und mit Beteiligung vieler Organsysteme (Herz, Lunge, Magen-Darm-Trakt, Gerinnungsstörungen u.a.) einher und wurde mit einer Häufigkeit von 1:1000 Kindern und Jugendlichen mit bestätigter Infektion beschrieben. Oft war sogar eine Behandlung auf der Intensivstation notwendig.
Neben diesem Krankheitsbild das üblicherweise 3-6 Wochen nach einer Infektion auftritt, mehren sich Hinweise, dass auch Kinder und Jugendliche nach milden oder asymptomatischen Verläufen langfristig unter den Folgen einer COVID-19-Erkrankung („Long COVID“) leiden können.
Kinder und Jugendliche sind zudem am allgemeinen Infektionsgeschehen mitbeteiligt. In den Wochen der 4. Welle waren es auch vor allem diese Altersgruppen, in denen sehr häufig Infektionen gefunden werden konnten. Durch die Impfung von Kindern und Jugendlichen können Infektionen vermieden werden damit auch einschränkende Maßnahmen, die Kinder in den letzten Monaten besonders getroffen haben, wie z.B. Schulschließungen, Einschränkungen im sozialen Leben u.a., vermieden werden.

Stimmt es, dass die Impfung nicht so gut wirkt und man trotzdem erkrankt?
Nicht nur in klinischen Studien, sondern auch in epidemiologischen Studien aus vielen Ländern, konnte eindeutig belegt werden, dass die in der EU zugelassenen COVID-19 Impfungen eine hohe Schutzwirkung gegenüber Covid-19 bieten. Die Impfung schützt geimpfte Personen nicht immer vor Infektionen, wohl aber vor schweren Verläufen der COVID-19 Erkrankung, vor Hospitalisation und Aufenthalten auf Intensivstationen sowie vor einem tödlichen Verlauf der Erkrankung. Wenn es dennoch zu einer Erkrankung kommt, dann ist in der Regel mit einem milden Krankheitsverlauf zu rechnen.
Die Daten der AGES zeigen, dass die Wirksamkeit der Covid-19 Impfungen in Österreich sehr gut ist, aber erwartungsgemäß nicht 100 % beträgt. Bei etwas mehr als 5,4 Millionen vollständig geimpften ÖsterreicherInnen konnten bisher 66.014 Fälle von Impfdurchbrüchen dokumentiert werden. Auf 1000 vollständig geimpfte Personen kommen somit zwölf Personen, bei denen die Impfung nicht gewirkt hat und bei denen es trotz vollständiger Impfung zu einer symptomatischen COVID-19 Infektion gekommen ist. Diese Zahlen zeigen aber klar die hohe Wirksamkeit der Impfung auch gegen die derzeit in Österreich vorkommende Delta-Variante des SARS-CoV-2 Virus. Berechnungen der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) nach wurden im Zeitraum von Februar 2021 bis Anfang November 2021 in Österreich circa 19.200 Krankenhausaufenthalte, mehr als 6250 Aufenthalte in Intensivstationen und über 6100 Todesfälle durch die Impfung vermieden.

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