Long-Covid-Patientin
"Das ist einfach keine Lebensqualität"

Die sonst energiegeladene Oberösterreicherin Lisa Stallinger erkrankte im September 2020 an Corona. Long Covid hat ihr Leben komplett verändert.
  • Die sonst energiegeladene Oberösterreicherin Lisa Stallinger erkrankte im September 2020 an Corona. Long Covid hat ihr Leben komplett verändert.
  • Foto: Stallinger
  • hochgeladen von Marlene Mülleder

Die 28-jährige Linzerin Lisa Stallinger erkrankte im September des Vorjahres an Corona. Nach einer vermeintlichen Genesung bekam sie Erschöpfungszustände und immer wiederkehrendes Kopfweh und Fieber. Diagnose: Long Covid.  Die BezirksRundschau hat nachgefragt, wie sich das Leben der jungen Frau seit ihrer Erkrankung verändert hat.

Sie sind ja noch sehr jung und leiden trotzdem an den Folgen ihrer Covid-Erkrankung? Wie macht sich das bemerkbar?
Stallinger: Ich überanstrenge mich schnell, als Folge bekomme ich starkes Kopfweh und Fieber. Zusätzlich bin ich fast dauerhaft sehr müde und abgeschlagen.

Was hat sich in Ihrem Lebensalltag am meisten verändert? 
Wenn ich nach meinem Arbeitstag nach Hause komme, kann ich meist noch eine Aufgabe erledigen. Eine Aufgabe ist für mich duschen, Essen kochen oder essen mit Abräumen. Das sind alles Tätigkeiten der Grundversorgung eines jeden Menschen. Ich muss mich entscheiden, weil das Energie-Level so begrenzt ist. Die Tage sind sehr unterschiedlich. An schlechten Tagen gehe ich um 18 Uhr schlafen, an anderen um 20 Uhr.  Den Haushalt kann ich nur am Wochenende machen, da ich so auf meinen Körper hören kann und aufhören kann, wenn ich merke, dass ich Kopfweh oder Fieber bekomme. Auch Gliederschmerzen habe ich starke, die von Zeit zu Zeit einfach auftauchen. Telefonieren oder mit Freunden und Familie online Kontakt zu halten, ist für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit, da es unfassbar kräfteraubend ist. Ich bekomme dann schnell Kopfweh oder Fieber. 

Enorme psychische Belastung

Wie sieht momentan Ihr Alltag aus?
Mein Tagesablauf ist akribisch durchgeplant, weil das sehr hilft, meine mir vorhandenen Energie-Ressourcen einzuteilen. Diese sind leider derzeit sehr stark eingeschränkt. Mit spontanen Dingen umzugehen ist sehr schwer. Bei Überanstrengung bekomme ich schnell die Rechnung dafür. Ich fange an zu fiebern oder bekomme Kopfweh. Spätestens beim Aufstehen am nächsten Tag habe ich dann so starke Schmerzen, dass ich nicht aus dem Bett komme. Vor Corona hatte ich nie Kopfweh. Dass sechs Monate mit heftigen Körperbeschwerden auch eine enorme psychische Belastung sind, ist klar. Das ist einfach keine Lebensqualität.

Hatten Sie zuvor Angst vor einer Corona-Erkrankung? Hätten Sie geglaubt, dass es Sie so schlimm erwischt?
Ich habe von Anfang an das Thema sehr ernst genommen und selbst nach meiner Rückkehr aus dem Ausland keine Menschen getroffen. Ich bin 28 Jahre alt, habe keine Vorerkrankungen und bin ein sehr gesunder Mensch. Sorgen habe ich mir nie um mich gemacht. Ich habe an meinen Eltern und Verwandten gedacht, die ich schützen wollte. Ich hätte nie gedacht, dass es mich so treffen könnte.

Wie lange ist Ihre Erkrankung her? Wissen Sie, wo sie sich angesteckt haben?
Ich habe mich Ende September 2020 bei einem Freund, der sich in der Arbeit angesteckt hat, selbst infiziert. Meine sozialen Kontakte waren seit meiner Rückkehr von einem längeren Indien-Aufenthalt drastisch eingeschränkt. Nach meinem Besuch bekam ich am nächsten Tag die Info, dass der Kollege meines Freundes positiv ist, mit dem er mehrere Tage in der vergangen Woche Kontakt in der Arbeit – ohne Maske – hatte. Ich habe mich darauf in Quarantäne begeben und gehandelt als wäre ich positiv, um mein Umfeld zu schützen.

Corona-Infektion griff Herz an

Wie war Ihr Verlauf?
Ich war lange asymptomatisch, sodass ich selbst glaubte, es nicht zu haben. Erst am zwölften Tag nach der Infektion wurde ich endlich getestet – zu meiner Überraschung positiv. Der folgende Verlauf war annehmbar: Fieber, Gliederschmerzen, leichter Schnupfen und Husten und eine enorme Müdigkeit. Ich brauchte drei Wochen, um mich zu erholen. Ich kann mich noch erinnern, wie es vorbei war, dachte ich: Okay, es ist geschafft. Ich war drei Wochen gesund und hatte das Gefühl, dass es bergauf geht. Auf meinem Heimweg war ich nach ein paar Stufen richtig außer Atem. Auch eine halbe Stunde danach spürte ich noch die Kurzatmigkeit. Da ich wusste, dass Corona die Lunge angreift, bin ich sofort zum Lungenfacharzt, der mir bestätigte, dass ich aufgrund meiner Corona-Infektion eine schwache Lungenfunktion habe. Darauf folgte eine Vielzahl von Symptomen: unglaubliche Erschöpfung, Muskelkrämpfe, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Übelkeit, Fieber und vieles mehr. Später wurde auch ein Problem beim Herz festgestellt.

Welche Prognose gibt es für ihren derzeitigen Gesundheitszustand? Werden Sie auch in Zukunft mit diesen Langzeitfolgen leben müssen?
Ich hoffe nicht! Prognosen stellt kein Mediziner, da noch zu wenig bekannt ist und es kaum wissenschaftliche Daten gibt. Mir wurde nahegelegt, eine Reha zu beantragen. In meinem Alter hat man natürlich andere Ambitionen, aber man muss auf den Körper hören.

Müssen Sie derzeit Medikamente nehmen?
Leider gibt es keine Wunderpille für die Langzeit-Covid-Symptome. Ich nehme Magnesium wegen der Muskelkrämpfe. Eine Zeit lang verwendete ich einen Spray für die Lungenbeschwerden.

Langzeitfolgen bei 10 % der Erkrankten

Was möchten Sie Menschen mitgeben, die noch immer glauben, dass Corona nur eine harmlose Grippe sei?
Ich hätte mir nie gedacht, dass es mich als junger Mensch ohne Vorerkrankungen so treffen kann. Die Krankheit war überstanden, ich war nicht vorbereitet auf das, was auf mich zukam. Ich habe nun sechs Monate mit Schmerzen und ständig wechselnden Symptomen hinter mir und es ist keine Besserung in Sicht. Ich wünsche das wirklich keinem. Nach jetzigem Wissensstand bekommen zehn Prozent der Covid-Erkrankten Langzeitfolgen. In der öffentlichen Diskussion konzentriert man sich auf Infektions- und Todeszahlen. Ich bin aktuell unter den „Genesenen“ geführt, da es kein System gibt Covid-Langzeit-Patienten einzuordnen. Bei 500.000 Corona-Fällen in Österreich gibt es um die 50.000 Menschen alleine in unserem Land mit Langzeitfolgen, die möglicherweise noch gar nicht wissen, warum sie ständig müde sind oder sie plötzlich große Einschränkungen im Alltag erleben. Das Thema wird uns noch lange begleiten. Diese Menschen brauchen eine entsprechende Behandlung und müssen im Gesundheitssystem anerkannt werden.

Mittlerweile hat sich eine Long-Covid-Selbsthilfegruppe auf Facebook gebildet? Warum ist es so wichtig mit anderen Betroffenen Kontakt zu halten?
Die Gruppe wurde Anfang des Jahres gegründet, um Betroffenen und deren Umfeld einen sicheren Raum zum Austausch zu schaffen. Das Umfeld ist für Patienten so wichtig, da man im Alltag nicht nur Verständnis, sondern auch sehr viel Hilfe von Familie und Freunden benötigt. Da auch großes Interesse von medizinischem Fachpersonal besteht, wurde nun eine Website als Anlaufstelle angelegt. Die Krankheit ist noch wenig erforscht und das macht Erfahrungsberichte der Betroffenen sehr bedeutsam. Derzeit hat die Gruppe fast 400 Mitglieder aus Österreich und es werden täglich um 30 Personen mehr.

Anteil junger Betroffener hoch

Unter welchen Nachwirkungen leiden andere Long-Covid-Betroffene?
Es gibt eine Liste von fast 100 Symptomen. Diese sind so vielschichtig, dass sie auch Ärzte vor große Rätsel stellen. Bei einer Umfrage in der Gruppe waren Erschöpfung – auch als Fatigue bezeichnet – Konzentrationsprobleme, Kurzatmigkeit, Kreislaufstörungen, Schlafstörungen, Herzrasen und Vergesslichkeit unter den häufigsten Symptomen. Trotz der Masse an Symptomen sind die Krankheitsgeschichten doch sehr ähnlich und es hilft einem, nicht alleine mit diesen Beschwerden zu sein. Auch probieren wir ja alle viel, damit es uns besser geht. Wir wollen wieder zurück in ein normales Leben. Es tut gut zu hören, wenn jemand eine Besserung bemerkt hat und teilt, was geholfen hat, um anderen zu helfen. Nicht jeder teilt aktiv in der Gruppe seine Krankengeschichte, ich habe das nicht gemacht. Mir war am Anfang vor allem wichtig, mich zu informieren. Der Austausch kam später.

Wie ist der Altersschnitt in dieser Gruppe?
Das Alter der Betroffenen ist sehr breit gefächert. Als ich Anfang des Jahres in die Gruppe eingestiegen bin, ist mir schnell aufgefallen, dass viele Leidensgenossen in meinem Alter sind. Die, die ihre Geschichte geteilt haben, sind Menschen, die Mitten im Leben standen. Sie waren in der Bildung oder in der Medizin tätig, bis es durch Long Covid nicht mehr möglich war.

Hier geht es zur Long-Covid-Gruppe auf Facebook

Nähere Informationen: long-covid.at


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