Corona-Herbst
„Der Scheinwerfer muss gedimmt werden“

Ziegler, Niedermoser, Apfalter, Allerberger, Gattringer, Sprenger, Weiss (v. l.).
  • Ziegler, Niedermoser, Apfalter, Allerberger, Gattringer, Sprenger, Weiss (v. l.).
  • Foto: ÄKOÖ
  • hochgeladen von Ingo Till

Renommierte Experten plädierten am Freitag in Linz für mehr Sachlichkeit und vor allem Verhältnismäßigkeit in der Corona-Krise.

LINZ. „Ja, Covid-19 ist eine Krankheit an der man sterben kann und ja, es sind gesundheitliche Folgen möglich“, sagt Ärztekammer OÖ (ÄK OÖ)-Präsident Peter Niedermoser – aber es sei an der Zeit einen pragmatischen Zugang zu finden und eine gewisse Verhältnismäßigkeit einkehren zu lassen. Schließlich gebe es auch andere Krankheiten auf die das genannte zutreffe.  „Wir wollen Covid-19 keinesfalls bagatellisieren“, so Niedermoser, „aber wir wollen versuchen ein wenig die Angst herauszunehmen, die Schockstarre zu beenden“. Wichtig sei es dabei auch einen breiten öffentlichen Diskurs zuzulassen und die Thematik nicht „Schwarz-Weiß“ zu betrachten – genauso müsse man aber auch immer kritisch bleiben, denn „auch hochintelligente Leute können falsche Ansichten vertreten“.

Ein weiterer Winterinfekt

„Das Corona-Virus wird sich zu anderen Erregern hinzugesellen und aus der Krankheit wird ein weiterer 'Winter-Infekt' werden“, sagt dazu etwa AGES-Experte und Infektiologe Franz Allerberger und kritisiert dabei indirekt auch den Kurs der Bundesregierung, der auf eine für ihn mittlerweile sehr unwahrscheinlich gewordene „Ausrottung“ des Virus abzielt. So sei Covid-19 zwar durchaus gefährlicher als eine normale Grippe und weise auch eine höhere Sterblichkeit auf – dennoch würde das Gesundheitssystem damit gut zurechtkommen.

Neue Professionalität

Was dazu zweifelsohne nötig sei, ist eine, wie Allerberger sagt, „neue Professionalität“ – gemeint ist damit eine Rückkehr zum medizinischen Alltag, gepaart mit den Lehren, die bisher aus der Krise gezogen wurden, wie etwa dem gesteigerten Hygienebewusstsein. Ohne diese Rückkehr zum Alltag sei die Gefahr von Kollateralschäden aufgrund unbehandelter anderer Krankheiten und gesundheitlicher Probleme zu groß und zudem unverantwortlich.

Gut aufgestellt

Dass man in dieser Hinsicht in Oberösterreich „gut aufgestellt“ ist bestätigt auch Rainer Gattringer, Leiter des Instituts für Hygiene und klinische Mikrobiologie am Klinikum Wels-Grieskirchen: „Man muss sich nicht davor fürchten ins Krankenhaus zu gehen“ – ganz im Gegenteil, warnt auch Public Health-Experte Martin Sprenger davor andere Krankheiten zu vernachlässigen. Im Frühjahr sei das bereits passiert, medizinische Prinzipien seien in vielerlei Hinsicht verletzt worden. Die Gefahr, dass dies in der aktuellen Stimmung im kommenden Herbst und Winter wieder passieren könnte sei groß, so Sprenger. Der sprichwörtliche „Scheinwerfer“ auf das allgegenwärtige Corona-Thema müsse dringend „gedimmt werden“.

Verhältnismäßigkeit in Medizin und Politik

Verhältnismäßigkeit als eines der Grundprinzipien der Medizin, müsse auch in die Entscheidungen der Politik wieder einziehen, so Sprenger, der dabei Rückendeckung von der international anerkannten Infektionskrankheiten-Spezialistin Petra Apfalter erhält. Was derzeit auf uns zukomme sei nicht die vielzitierte zweite Welle, sondern ein „technischer Labor-Tsunami“, so die Leiterin des Instituts für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin am Ordensklinikum Linz. So sei es komplett falsch, alle Maßnahmen und Entscheidungen an Anzahl der Neuinfizierten fest zu machen: „Die Sache ist viel komplexer“. Wichtig sei es auch endlich damit aufzuhören „kreuz und quer“ auf Verdacht zu Testen.

Screenings nicht sinnvoll

Dass groß angelegte Screenings nicht besonders sinnvoll sind, davon ist auch Günter Weiss, Direktor des Departments für Innere Medizin an der Med-Uni Innsbruck mit Spezialisierung unter anderem auf Infektiologie und Tropenmedizin, überzeugt. Gängige PCR-Testungen im großen Stil seien vor allem nicht dafür geeignet „um zu schauen, ob jemand gesund ist“, dieser Zugang sei „medizinischer Unfug“. Gleichzeitig bedeute ein positiver Test auch nicht automatisch, dass jemand wirklich krank sei, so Apfalter, die dafür plädiert, dass in erster Linie Fachleute, sprich Mediziner, für Diagnosen zuständig sein sollen.

Hausarzt statt 1450

Auch die Entscheidung, ob jemand einem PCR-Test unterzogen werden soll, solle ausschließlich ein Arzt treffen – am besten der Hausarzt, der den Patienten und seine Krankheitsgeschichte kennt und eine Corona-Test nur dann andordnet wenn es fachlich gerechtfertigt ist, so Wolfgang Ziegler, Kurienobmann-Stellvertreter der niedergelassenen Ärzte in der ÄK OÖ. Entgegen der Empfehlungen aus dem vergangenen Frühling, bei Corona-Verdacht zu allererst die Gesundheitsnummer 1450 zu wählen, sagt er heute: „Rufen sie nicht 1450 an, sondern ihren Hausarzt“ – dieser würde alles weitere abklären, gegebenenfalls auch Hausbesuche machen und, wenn nötig, einen PCR-Test veranlassen.

„Jeder wird jemanden kennen ..."

„Bei Symptomen, die auf andere Viren als das Corona-Virus hindeuten ist es sinnvoller, nicht zu testen“, sagt Ziegler klar. So sei es umgekehrt auch garnicht notwendig, jeden einzelnen Corona-Fall zu finden, weil diese ohnehin vielfach ohne Symptome vorübergehen. „Jeder wird bald jemanden kennen, der Corona hatte“, sagt Ziegler in Anspielung auf Bundeskanzler Kurz' dramatische Aussage im ORF-Interview am bisherigen Höhepunkt der Pandemie – und an seiner Miene kann man ablesen, dass das aus seiner Sicht garnicht so schlimm sein dürfte.

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