Gedanken zur Corona-Krise
Ex-ÖIAG-Chef Michaelis: Chance, wieder mehr zur Selbstbesinnung zu kommen

Peter Michaelis: "In der erst noch am Anfang stehenden Diskussion über die Einschränkung unserer Freiheitsrechte sehe ich eine große Chance für die Zukunft."
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  • Peter Michaelis: "In der erst noch am Anfang stehenden Diskussion über die Einschränkung unserer Freiheitsrechte sehe ich eine große Chance für die Zukunft."
  • Foto: Plasser & Theurer
  • hochgeladen von Thomas Winkler, Mag.

Das Ausbreiten des Corona-Virus und der Kampf dagegen haben weltweit dazu geführt, dass für das öffentliche Leben die Pause-Taste gedrückt wurde. Die damit verbundene Vollbremsung der Wirtschaft wird nicht nur gravierende ökonomische sondern auch gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen – immer wieder ist von einer "neuen Normalität" nach Corona die Rede. Die BezirksRundschau hat deshalb Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher gebeten, ihre Gedanken zur Corona-Krise und dem Leben danach öffentlich zu teilen.
Der folgende Text stammt von Peter Michaelis (74), gebürtiger Schwanenstädter, der von 2001 bis Mitte 2011 die damalige ÖIAG, die heutige ÖBAG, leitete. Diese verwaltet die staatlichen Beteiligungen an börsenotierten Unternehmen. Michaelis zeichnete während seines ÖIAG-Vorsitzes für die Privatisierung der Austrian Airlines verantwortlich. Davor war er viele Jahre lang in führender Position beim deutschen Konzern Mannesmann tätig. Aktuell ist Michaelis Aufsichtsratschef des Linzer Maschinen- und Gleisbauunternehmens Plasser & Theurer – seine Gedanken zur Corona-Krise:

Krise ist große Chance,
wieder mehr zur Selbstbesinnung zu kommen

Nachdem ich fast vierzig Jahre meines Lebens in Deutschland zugebracht habe, kann man davon ausgehen, dass ich die deutschen Verhältnisse gut kenne. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass sich das deutsche politische Management in Krisenzeiten oftmals bewährt hat und einen gewissen Vorzeigecharakter hatte.

Nach Allem, was ich bisher in Sachen Corona-Krisen-Bewältigung gesehen habe, bin ich geradezu froh und sogar richtig stolz darauf, was die Regierung meines Heimatlandes Österreich bisher in Sachen Krisen-Bewältigungsmaßnahmen gezeigt hat. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat mit seiner jungen, unverbrauchten Mannschaft und einem kompetenten Beraterstab früh die Tragweite und Virulenz dieser Krise richtig eingeschätzt und hat durch klare, für jeden nachvollziehbare Maßnahmen unser Land auf diese äußerst herausfordernden Zeiten weitblickend eingestimmt.
Ich bin geradezu erleichtert, zu diesem Zeitpunkt wieder in Österreich zu leben und mich nicht den föderalistisch verbrämten Unwägbarkeiten Deutschlands ausgesetzt zu sehen.

Jeder ist in einer Demokratie bereit Entbehrungen, disziplinarisch herausfordernde Maßnahmen und Einschränkungen seiner Freiheitsrechte zu akzeptieren, wenn deren Notwendigkeiten in einer klaren und für jedermann nachvollziehbaren Form von der Regierung eingefordert werden. Dies ist in Österreich der Regierung in vorbildlicher Form bisher gelungen.

Kein Abwägen von Menschenleben gegen Wirtschaft!

Ich bin zu diesem Zeitpunkt nicht bereit in die Diskussion einer Güterabwägung einzutreten, die sich damit beschäftigt, ob die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in einem vertretbaren Verhältnis zu ihren wirtschaftlichen Folgen steht. Bitte daher keine Abwägung von Menschenleben gegen wirtschaftliche Funktionalität! Wir müssen die Dinge der Reihe nach abarbeiten.

Wir wissen zu wenig über die Unwägbarkeiten dieser Pandemie. Von scheinbar beherrschbaren Verläufen, wie in Südkorea oder Singapur bis hin zu völlig außer Kontrolle geratenen Verläufen, wie in Italien oder Spanien und mit großer Wahrscheinlichkeit auch in den USA, haben wir schon alle Ausprägungen dieser schlimmen Epidemie mitverfolgen können. Ich bin daher bereit, den von unserer Regierung überzeugend und eindringlich vorgetragenen Weg mitzugehen , mit allen ihren Einschränkungen und wirtschaftlichen Folgen, wenn dadurch Menschenleben gerettet werden und der Krankheitsverlauf im Einklang mit den vorhandenen Kapazitäten unseres Gesundheitswesens steht. Irgendwann wird es auch eine bessere therapeutische Medikamentierung geben, wenngleich ein durchgetesteter Impfstoff seine Zeit noch brauchen wird.

Es sieht bis dato so aus, dass die bisher getroffenen Maßnahmen tatsächlich zu der gewünschten Abflachung des Kurvenverlaufs führen werden. Jetzt gilt es mit Augenmaß und vor allem mit allen uns gebotenen gesundheitlichen Vorsichtsmaßnahmen sukzessive unser wirtschaftliches Leben wieder hochzufahren. Diese Krise wird uns noch einige Zeit begleiten. Das Wiederaufflackern der Krise in Regionen, die geglaubt haben das Schlimmste schon hinter sich gelassen zu haben, wie zum Beispiel Singapur oder Wuhan, muss uns darin bestärken, nicht zu früh die erfolgreichen Maßnahmen unkontrolliert zu lockern.

Unternehmen nehmen Herausforderung an

Mit großer Freude habe ich erlebt, wie in unserem Unternehmen die Krisenstäbe kreativ über Wege und Möglichkeiten nachgedacht haben, mit intelligenten Lösungen einen gewissen Leistungsgrad aufrechtzuerhalten, ohne dabei die Gesundheit der Mitarbeiter zu gefährden – angefangen vom redundanten Zwei-Schichtbetrieb, über die rechtzeitige Sicherung der Supply-Chain inklusive der erforderlichen Logistik, bis hin zu entsprechenden Schutzmaßnahmen und der Einführung von Sicherheitsbeauftragten, die nichts anders zu tun haben, als zu gewährleiten, dass die vorgeschriebenen Maßnahmen im Produktionsbetrieb auch tatsächlich eingehalten werden. Ich kann nur sagen, dass die Begeisterung und Zustimmung zu all diesen Maßnahmen bei den Mitarbeitern im Betrieb sehr groß war und es allen Mut gemacht hat, dass es weiter geht.
Es gibt in vielen Industriebereichen nach wie vor vielfältige Wege und Möglichkeiten einen gewissen Leistungsgrad aufrechtzuerhalten, der dann die Basis bildet, aus der heraus sukzessive die Wirtschaftsleistung wieder hochgefahren werden kann. Das alles kombiniert mit dem ermutigenden Modell der Regierung, über Kurzarbeit Arbeitsplätze zu erhalten, um unsere bisher effizient arbeitenden Wirtschaftsstrukturen für die Zeit der Krise einigermaßen zu konservieren.

Diskussion über Freiheitsrechte als große Chance

In der erst noch am Anfang stehenden Diskussion über die Einschränkung unserer Freiheitsrechte sehe ich eine große Chance für die Zukunft – für die Phase nach der Corona-Krise:
Die Zeit in der wir uns gerade befinden, ist auch eine Zeit der Besinnung. Meine Gedanken stehen da noch am Anfang. Ich habe aber diese Gedanken bereits in einem Internat, der Schule Schloss Salem am Bodensee, mal als eine Projekt-Idee eingebracht, da ich sie für besonders wichtig im Rahmen der Erziehung unserer Kinder erachte.
Ich lese dazu gerade das zuletzt von Carlo Strenger erschienene Essay "Abenteuer Freiheit". Er greift darin den nicht neuen Gedanken auf, dass unsere Konsumgesellschaft dem Untergang geweiht ist, und er versucht mit seinem Essay eine Diagnose dieser Malaise abzugeben. Er führt aus, dass unserer Verwöhn- und Konsummentalität das Resultat einer höchst unwahrscheinlichen historischen Periode ist und fährt fort, dass der Westen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Jahrzehnte des wirtschaftlichen Wachstums und des Technischen Fortschritts genoss, wie es sie in der menschlichen Geschichte nie zuvor gegeben hatte.

"Freiheit und Glück sind keine Geburtsrechte"

In dieser Zeit sind drei Genrationen herangewachsen, deren Angehörige die freiheitliche Ordnung als gegeben voraussetzen. Glück halten sie für etwas, auf das jeder Einzelne ein Anrecht hat. Freiheit und Glück sind aber keine Geburtsrechte – wirkliche Freiheit sei bestenfalls eine Errungenschaft, die nur durch harte Arbeit errungen werden könne. Persönliche und politische Freiheit sind überaus komplexe kulturelle Schöpfungen, die an die Mitglieder freier Gesellschaften hohe Ansprüche stellen. Die Dynamik des Erwachsenwerdens bestehe darin, dass wir für uns selbst immer mehr Verantwortung übernehmen müssen und dass uns immer seltener, wenn überhaupt, vorgeschrieben wird, was wir zu tun haben, so dass unsere Freiheit zunimmt. Freiheit ist auch in liberalen Gesellschaften kein selbstverständliches Geschenk, sondern sie setzt permanente geistige und existentielle Arbeit voraus.

Strenger schreibt selbst, dass das alles keine neuen Thesen seien, er aber dafür plädiert, dass sich jede Generation selbst vergegenwärtigen muss, was es heißt frei zu sein und wie schwierig Freiheit ist. Er schließt seine Einleitung mit den Worten: "Der Mythos , wir seien frei geboren, führt dazu, dass immer mehr Bewohner der westlichen Welt nicht begreifen, dass wir uns mit einem langen Prozess, der freiheitliche Ordnung möglich gemacht hat, auseinandersetzen müssen, wenn wir die Freiheit wirklich schätzen und bewahren wollen."

Große Chance, wieder mehr zur Selbstbesinnung zu kommen

Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere derzeitige Krise die große Chance in sich trägt, wieder mehr zur Selbstbesinnung zu kommen. Gerade jetzt, wo wir im Interesse unserer gesamten Gesellschaft auf Freiheitsrechte verzichten und auch dazu bereit sind, gibt uns dies die Möglichkeit, uns darauf zu besinnen, dass nur durch die frei gewählte Disziplin eines jeden Einzelnen unsere Freiheit gewährleistet werden kann.
Peter Michaelis

Überblick über alle Beiträge oberösterreichischer Persönlichkeiten zum Thema "Lehren aus Corona für die Neue Normalität"

Peter Michaelis: "In der erst noch am Anfang stehenden Diskussion über die Einschränkung unserer Freiheitsrechte sehe ich eine große Chance für die Zukunft."
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