Gedanken zur Corona-Krise
Lentos-Direktorin: Etwas zu vermissen, stärkt die Vorfreude

Hemma Schmutz, künstlerische Direktorin des Lentos Kunstmuseums Linz und des Stadtmuseums Nordico: "Die Arbeit wird nun stärker als Privileg und nicht als Pflicht angesehen."
  • Hemma Schmutz, künstlerische Direktorin des Lentos Kunstmuseums Linz und des Stadtmuseums Nordico: "Die Arbeit wird nun stärker als Privileg und nicht als Pflicht angesehen."
  • Foto: maschekS.
  • hochgeladen von Thomas Winkler, Mag.

Das Ausbreiten des Corona-Virus und der Kampf dagegen haben weltweit dazu geführt, dass für das öffentliche Leben die Pause-Taste gedrückt wurde. Die damit verbundene Vollbremsung der Wirtschaft wird nicht nur gravierende ökonomische sondern auch gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen – immer wieder ist von einer "neuen Normalität" nach Corona die Rede. Die BezirksRundschau hat deshalb Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher gebeten, ihre Gedanken zur Corona-Krise und dem Leben danach öffentlich zu teilen. Der folgende Text stammt von Hemma Schmutz, künstlerische Direktorin des Lentos Kunstmuseums Linz und des Stadtmuseums Nordico.

Etwas zu vermissen, stärkt die Vorfreude

Es sind verschiedene Lehren oder Schlussfolgerungen, die aus der Corona-Krise zu ziehen wären, sie beziehen sich auf ganz alltägliche Beobachtungen und könnten zu einer grundsätzlichen Veränderung von persönlichem, gesellschaftlichem und politischem Agieren führen.
Der Einzelne und die Gemeinschaft, das Materielle und das Immaterielle – das sind für mich Begriffe, an denen man den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft zu analysieren beginnen könnte. Das Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst in Zeiten der Isolation lässt natürlich die Sehnsucht nach Gemeinschaft stärker werden, oder überhaupt die Frage, welche Gesellschaft für den Einzelnen essentiell ist, und wie diese auch über physische Grenzen hinweg herstellbar ist. Familie, Freunde, Arbeitskollegen und -kolleginnen, wo steht man im Verhältnis zum anderen, wen erreicht man und wen schon lange nicht mehr?

Ein neues Auf-einander-Zugehen in der Stadt

Gemeinschaft wird auch in einer Stadt gelebt und hier ist im Verhältnis zum anderen ein neues Auf-einander-Zugehen zu spüren. Kleine Begegnungen auf der Straße werden nach Zeiten der Isolation intensiver erlebt und man spürt die nicht zu versteckende Freude darüber, dass es den anderen gibt, auch wenn sie oder er noch so fremd sind und unbekannt. Gleichgültigkeit weicht Verantwortung, weil jeder sich ein wenig mehr für den anderen interessieren muss, wenigstens um den richtigen Abstand zu halten und die andere Person nicht zu gefährden. In Bezug auf die Arbeitsstelle lässt sich auf allen Ebenen eine Umkehrung der Wahrnehmung beobachten und das ist wirklich eine neue Erfahrung. Die Arbeit wird nun stärker als Privileg und nicht als Pflicht angesehen und die Rückkehr zu dieser und insbesondere auch in die Gemeinschaft der Arbeitenden und zu den Kolleginnen und Kollegen wird sehnsuchtsvoll erwartet.

Statt Autolärm Vogelgezwitscher mitten in der Stadt

Manches wirkt gespenstisch und erinnert an die unzähligen Filme vom Ende der Zivilisation nach einem großen Crash, einem Atomunfall oder dem Dritten Weltkrieg, welchen die Menschheit nicht überleben. Statt Autolärm Vogelgezwitscher mitten in der Stadt und man ist nur noch alleine auf der Welt. Einen kurzen Moment beim Aufwachen stellt sich eine neue Beobachtung ein, weil die Pendlerkolonne nicht rollt. Vielleicht wird es auch hier ein Umdenken geben. Was macht unsere Stadt lebenswert und was können wir dazu beitragen?
Etwas zu vermissen, stärkt die Vorfreude. Bilder nicht sehen zu können, fordert die Imagination. Vor unserem inneren Auge stellen wir uns unsere Lieblingsbilder vor und holen sie her auch ohne ein Museum besuchen zu müssen. Dies ist aber nur möglich, weil wir die Bilder kennen und schon gesehen haben und sie einen tiefen Eindruck auf uns gemacht haben. Vieles an der Kunst hat nichts mit materiellen Voraussetzungen zu tun, sondern spielt sich im Kopf und in unseren Emotionen ab. Die Erinnerung schwächt nicht das Erleben der Kunst, sondern im Gegenteil sie stärkt es. Die Fresken Piero della Francesca in Arezzo oder jene eines unbekannten Künstlers in der Villa dei Misteri in Pompej stehen vor meinem inneren Auge und erinnern mich an die Freude und Schönheit, die ich beim Betrachten erlebt habe.
Bald auch werden die Museen in Linz wieder für unser wertes Publikum ihre Tore öffnen und wir freuen uns schon jetzt darauf die schönen und gut recherchierten Ausstellungen, die wir dieses Jahr noch geplant haben, unseren Besuchern und Besucherinnen vorzustellen.
Hemma Schmutz

Überblick über alle Beiträge von Persönlichkeiten aus Oberösterreich zum Thema "Lehren aus Corona für die Neue Normalität"

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