Gedanken zur Corona-Krise
Solidarität darf nicht an unserer Grenze enden

Volkshilfe OÖ-Vorsitzender Michael Schodermayr: "Wenn wir verhindern wollen, dass die Gesundheitskrise vor allem für arbeitslose Menschen aus dem Niedriglohnsektor zur Existenzkrise wird, muss über eine Erhöhung der Nettoersatzquote von derzeit 55 auf 80 Prozent diskutiert werden dürfen. Und es muss erlaubt sein, über soziale Innovationen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Männer und Frauen mit Hauptwohnsitz in Österreich nachzudenken."
  • Volkshilfe OÖ-Vorsitzender Michael Schodermayr: "Wenn wir verhindern wollen, dass die Gesundheitskrise vor allem für arbeitslose Menschen aus dem Niedriglohnsektor zur Existenzkrise wird, muss über eine Erhöhung der Nettoersatzquote von derzeit 55 auf 80 Prozent diskutiert werden dürfen. Und es muss erlaubt sein, über soziale Innovationen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Männer und Frauen mit Hauptwohnsitz in Österreich nachzudenken."
  • Foto: Karin Schwarz
  • hochgeladen von Thomas Winkler, Mag.

Das Ausbreiten des Corona-Virus und der Kampf dagegen haben weltweit dazu geführt, dass für das öffentliche Leben die Pause-Taste gedrückt wurde. Die damit verbundene Vollbremsung der Wirtschaft wird nicht nur gravierende ökonomische sondern auch gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen – immer wieder ist von einer "neuen Normalität" nach Corona die Rede. Die BezirksRundschau hat deshalb Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher gebeten, ihre Gedanken zur Corona-Krise und dem Leben danach öffentlich zu teilen. Der folgende Text stammt von Michael Schodermayr, Vorsitzender der Volkshilfe in Oberösterreich. Er ist praktischer Arzt, Sozialstadtrat in Steyr und unter anderem Mitbegründer der „Allianz für Kinder“.

Solidarität darf nicht an unserer Grenze enden

In den vergangenen Wochen hat unsere Gesellschaft einen Wert wieder neu entdeckt: die Solidarität. Weil wir alle von der Krise betroffen waren und sind. Weil wir alle unser Leben ändern mussten. Wir handeln – von anfänglichen Hamsterkäufen von Toilettenpapier und Nudeln mal abgesehen – in der Regel solidarisch und vertrauen dabei auf Wechselseitigkeit. Vertrauen, das uns im engeren Umfeld leicht fällt. Aber je größer der Kreis ist, in dem ich solidarisch sein soll, umso schwieriger wird es, dieses Vertrauen aufrecht zu erhalten. Es wird schwierig genug sein, diese neue Solidarität im Land nach der Krise weiterzuführen, an unseren Landesgrenzen endet sie jetzt schon. Hier gegenzusteuern, ist die Herausforderung unserer Gegenwart und nahen Zukunft. Wie können wir ein weltweit gespanntes Netz der Solidarität entwickeln, in dem ich mich gegenüber weit entfernten Menschen zur Solidarität verpflichtet fühle, diese aber mir gegenüber? Wobei Stärkere zur Solidarität viel eher angehalten sind als diejenigen, die der Unterstützung bedürfen. Etwa jene 42.000 Schutzsuchenden, die auf den griechischen Inseln unter erbärmlichen Umständen leben. Sehen wir dort weiter weg, versagen wir als solidarische Gemeinschaft. Den Gedanken einer weitgefassten, internationalen Solidarität weiter zu entwickeln, wird zu einer Überlebensfrage der europäischen Gemeinschaft werden.

Kritisch bleiben und die Errungenschaften der Demokratie zu schätzen wissen

Nicht minder wichtig als weltweit gelebte Solidarität ist es, mündige und kritische Bürger zu bleiben. Jetzt und in der „Neuen Normalität“, die uns nach der Krise erwarten wird. Auch wenn die drastischen Maßnahmen der vergangenen Wochen und die Eingriffe in so manches Grundrecht wie etwa Versammlungsfreiheit wohl notwendig waren, müssen kritische Anmerkungen und kritisches Hinterfragen erlaubt sein. Mehr noch, sie müssen von den BürgerInnen unseres Landes eingefordert werden. Nur die ständige Reflexion politischen Handelns in der Demokratie garantiert nicht nur deren Überleben, sondern auch die notwendige Weiterentwicklung. Demokratie ist nichts Statisches, sie ist prozesshaft zu denken und immer wieder aufs Neue zu erarbeiten. Denn die Freiheit der eigenen Meinung und die Freiheit, diese offen zu äußern, sind Errungenschaften unserer Demokratie, die es zu schätzen und zu bewahren gilt. Achten wir also auf die Balance zwischen staatlicher Macht und bürgerlicher Freiheit. Damit die Ausnahmesituation eine solche bleibt und nicht zur Normalität übergeht.

Arbeitsbedingungen für Sozialberufe verbessern

Der Staat wird aus der Corona-Krise Lehren ziehen müssen. Denn so manche Turbulenzen in der Sozialwirtschaft haben offengelegt, was in den vergangenen Jahrzehnten schief gelaufen ist. Etwa der Umgang mit systemrelevantem Pflegepersonal.
Ungefähr 30.000 Menschen in Österreich sind abhängig, dass sie von Pflegerinnen aus Tschechien, der Slowakei und Rumänien zu Hause betreut werden. Wir nutzen deren schlechte soziale Situation in ihren Heimatländern aus und lassen sie einen wesentlichen Anteil der Betreuung unserer pflegebedürftigen Menschen leisten. Für zu geringe Bezahlung und unter Bedingungen, für die niemand von uns arbeiten würde. Das zeigt die Abhängigkeit unseres Systems von ausländischem Personal sowie die dringende Notwendigkeit, Arbeitsbedingungen und Bezahlung für alle in Pflegeberufen Arbeitenden deutlich zu verbessern. Egal, woher diese kommen. Es wird nach Covid-19 daher Gespräche mit der Politik geben müssen, um die Arbeitsbedingungen für Menschen in Sozialberufen zu verbessern. Denn diese sind, wie die Krise gezeigt hat, bereit, hohe gesundheitliche Risiken einzugehen.
Und vergessen wir nicht: Es waren nicht die großen Industriebetriebe und börsenorientierten Unternehmen, nicht die sogenannten „Märkte“, die unser Land am Laufen gehalten haben. Es waren die MitarbeiterInnen in Spitälern, Pflege- und Behinderteneinrichtungen, mobilen Diensten, im Lebensmittelhandel etc., die uns als humane Gesellschaft überleben haben lassen.

Den Umgang mit Arbeitslosigkeit neu denken

In den vergangenen Wochen wurde deutlich, dass Arbeitslosigkeit kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist. Da zu erwarten ist, dass die Zahl der Arbeitslosen nach der Krise hoch bleiben wird, muss die Situation neu bewertet werden. Und zwar ohne ideologische Scheuklappen. Wenn wir verhindern wollen, dass die Gesundheitskrise vor allem für arbeitslose Menschen aus dem Niedriglohnsektor zur Existenzkrise wird, muss über eine Erhöhung der Nettoersatzquote von derzeit 55 auf 80 Prozent diskutiert werden dürfen. Und es muss erlaubt sein, über soziale Innovationen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Männer und Frauen mit Hauptwohnsitz in Österreich nachzudenken. Dieses würde nicht nur den sozialen Absturz Tausender und massive Privatverschuldung verhindern, sondern Konsum ermöglichen und damit die Wirtschaft stärken. Geht es den Menschen gut, geht es der Wirtschaft gut.

Kindern und Jugend eine Perspektive geben

Nicht zuletzt müssen wir unser Augenmerk verstärkt auf Kinder und Jugendliche legen. Sie trugen die strengen Corona-Maßnahmen mit und mussten auf sozialer Ebene viele Einschränkungen und schmerzliche Entbehrungen in Kauf nehmen. Trotzdem hat kaum jemand nach ihren Erfahrungen und Perspektiven gefragt. Entwerfen wir für sie für die Zeit nach der Isolation ein möglichst buntes Zukunftsbild. Artikulieren wir gemeinsam mit ihnen, wo die Reise hingeht, wo wir als Gesellschaft nach Covid-19 hinwollen. Dafür müssen wir vom reinen Reagieren der vergangenen Wochen wieder ins Agieren kommen. Damit wir gemeinsam den Weg in den Alltag – wie immer der aussehen mag – zurückzufinden. Das wird Zeit und Kraft kosten, wird aber für uns Erwachsene eine der ersten und wichtigsten Aufgaben sein. Zu denen ebenso Maßnahmen und Konzepte zählen, um sozial benachteiligte Jugendliche aufzufangen und auch ihnen Zukunftsperspektiven zu bieten. Unsere Kinder – ALLE Kinder – haben sich das verdient!
Michael Schodermayr

Überblick über alle Beiträge von Persönlichkeiten aus Oberösterreich zum Thema "Lehren aus Corona für die Neue Normalität"


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