Corona
Industriellenvereinigung OÖ-Präsident: "Zeit der billigen Handys und Fernseher vorbei"

Foto aus Vor-Corona-Zeiten – der aktuelle Beitrag entstand in einer Videokonferenz mit dem Präsidenten der OÖ Industriellenvereinigung, Axel Greiner, und Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch.
  • Foto aus Vor-Corona-Zeiten – der aktuelle Beitrag entstand in einer Videokonferenz mit dem Präsidenten der OÖ Industriellenvereinigung, Axel Greiner, und Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch.
  • Foto: IV OÖ/Krügl
  • hochgeladen von Thomas Winkler, Mag.

Eine "Vermögensvernichtung, wie wir sie noch nicht erlebt haben" sieht der Präsident der Industriellenvereinigung OÖ, Axel Greiner, als Folge der Maßnahmen zum Eindämmen des Corona-Virus. Er glaubt an keine schnelle Erholung der Wirtschaft. IV OÖ-Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch attackiert Lehrergewerkschafts-Vorsitzenden Paul Kimberger, der den Unterricht an Fenstertagen als Frechheit bezeichnet hatte. "Wir erwarten uns jetzt einen Beitrag vom geschützten Bereich", zu dem Haindl-Grutsch die Lehrer zählt. Denn die Opfer der Krise seien die "Arbeitslosen, Unternehmer und Selbstständigen – nicht der geschützte Bereich". Den Mitarbeitern der Industriebetriebe sagen beide ein Danke, "dass sie den Standort am Laufen halten und viele Belastungen durch geänderte Abläufe auf sich genommen haben."

Ein Minus von sieben Prozent prognostiziert der Chefökonom der Industriellenvereinigung, Christian Helmenstein" aufgrund der Folgen der Corona-Krise für Österreich – und sieht damit die Lage deutlich pessimistischer als die EU, die von minus 5,5 Prozent und einer schnellen Erholung mit plus fünf Prozent im kommenden Jahr ausgeht. "Wir sehen keine so rasche Erholung, die Industrieunternehmer rechnen, dass es nur langsam nach oben geht und die Krise lange Auswirkungen hat", sagt IV OÖ-Präsident Axel Greiner im Gespräch mit der BezirksRundschau – auch weil erst bei der einen Hälfte der Betriebe die Probleme sichtbar seien, und bei der anderen Hälfte der Schaden zeitverzögert komme: "Etwa in der Bau- und Anlagenindustrie, deren Auftragsbücher jetzt voll sind, die als Folge der Krise aber in zwei Jahren keine Aufträge haben werden. Das kennen wir schon aus der Finanzkrise."

"Kurzarbeit über mehrere Jahre & Steuersenkungen"

Greiner fordert deshalb von der Regierung, das "gute Instrument Kurzarbeit, das rasch kam und sehr geholfen hat" über den September hinauszudenken. "Wir müssen uns auf eine Phase von zwei bis drei Jahren Kurzarbeit vorbereiten", denn: "Die aktuelle Krise trifft sämtliche Unternehmen massiv im Eigenkapital, sie ist eine Vermögensvernichtung, wie wir sie noch nie erlebt haben, vergleichbar nur mit der Wirtschaftskrise in den 30ern oder Kriegen – und sie wird ähnliche Spuren hinterlassen." Kleine Händler, Unternehmen, Wirte bringe die Situation um ihr Privatvermögen – "da geht verloren, was nicht durch staatliche Hilfe gedeckt ist. Die Großen müssen das durchstehen, es ist ein Aderlass für die Unternehmen", der später wieder aufgefüllt werden müsse. "Aber nicht durch Steuern" erteilt Greiner den Forderungen nach Vermögens- oder Erbschaftssteuern eine Absage, denn: "Sie setzen genau dort an, wo durch die Krise jetzt substanzielle Einschnitte passieren."

Hilfe für Südeuropa – aber mit harten Vorgaben

Der IV OÖ-Präsident fordert Steuersenkungen statt -erhöhungen, um Investitionen und Innovation anzukurbeln. Laut dem IV-Chefökonom Helmenstein könnten in Österreich die Kosten der Corona-Krise zurückverdient werden, "wenn wir das klug anstellen", so Greiner. Das sehe in den südeuropäischen Ländern anders aus – auch was eine mögliche Reindustrialisierung Europas angeht. Diese solle europaweit verfolgt werden, "wie sehr das die südeuropäischen Länder können, ist allerdings die Frage, weil dort die Mittel immer nur in den Konsum gesteckt wurden. Auf welcher Basis soll ich da reindustrialisieren? Ich sehe Europa in der Pflicht, seinen Beitrag zu leisten, aber nicht für die Altlasten in Form von Corona-Bonds, sondern mit einer Art Marshallplan, bei dem den Ländern klar gesagt wird, wofür sie die Mittel investieren können und wie. Da braucht es möglichst starke Auflagen. Die Griechen sind so auch aus der Finanzkrise gekommen. Das laissez faire Südeuropas können wir uns nicht mehr leisten."

"Schöne Zeiten der Globalisierung sind vorbei – Handy & Fernseher werden teurer"

Hinter Forderungen, dass als Lehre aus der Corona-Krise zumindest die Produktion kritischer Güter wie von Schutzmaterial und Medikamenten nach Europa oder gar Österreich zurückgeholt werden solle, sehen Greiner und Haindl-Grutsch viele Fragezeichen: "Das hinkt dann oft an Kleinigkeiten, weil irgendein Vorprodukt fehlt." Sehr wohl sollten kritische Produkte aber in größeren Mengen eingelagert werden – Ähnliches gelte auch für den Aufbau und die Sicherung kritischer Infrastruktur. "Das sind natürlich Kosten, die am Ende der Verbraucher zu tragen hat. Die schönen Zeiten der Globalisierung mit billigen Handys und Fernsehern sind vorbei – die Produkte werden teurer."

Oberösterreich kommt schneller aus der Krise als andere

"Die Globalisierung zurückzudrehen", ist für IV OÖ-Geschäftsführer Haindl-Grutsch der falsche Schluss aus der Krise: "Damit würden gerade wir als Exportnation uns ins Knie schießen – es sind ja auch nicht überall die notwendigen Grund- und Rohstoffe für Produkte vorhanden. Aber wir müssen die Lieferketten smarter machen, stärker diversifizieren, Abhängigkeiten verringern."
Er sieht Oberösterreich mit seiner starken Industrie derzeit im Vorteil gegenüber anderen Bundesländern, die von den durch die Krise stark getroffenen Dienstleistungen wie Tourismus viel stärker abhängig sind. "Wir werden deshalb schneller wieder herauskommen."
Der vielfach geäußerten Forderung, dass die aktuelle Situation für eine Ökologisierung der Wirtschaft genutzt werden solle, kann IV OÖ-Präsident Greiner etwas abgewinnen: "Das kann man machen wo es vom Wettbewerb her möglich ist." Einen Komplettumbau sieht er aber kritisch: "Das ist, wie wenn ich aus einer schweren Grippe heraus mich auch noch mit Masern anstecke. Die Wirtschaft ist schwer geschädigt, die Ressourcen zum Umbau stehen nicht zur Verfügung  – das kann nur vorsichtig, begleitend gemacht werden, nicht mit der Brechstange."

Industrie fordert "Beitrag des geschützten Bereiches"

Am Weg aus der Krise heraus stellt sich für IV OÖ-Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch die Frage: "Wer sind die Opfer der Krise? Es sind Arbeitslose, Unternehmer, Selbstständige" Die Schere zwischen privatem und "geschütztem Bereich geht weiter auf." Er fordert: "Wir erwarten uns einen Beitrag des geschützten Bereiches" – und zielt damit etwa auf die Lehrer ab, denn die seien keine Opfer der Corona-Krise, als die sie deren oberster Gewerkschafter Paul Kimberger dargestellt habe, weil das Bildungsministerium die Arbeit an Fenstertagen gefordert hatte.
Kimberger hatte dem Bildungsministerium deshalb "Gesetzesbruch" vorgeworfen und im Interview mit der Tiroler Tageszeitung gemeint: "Das ist schlicht und einfach eine Frechheit. Die Lehrer hätten sich etwas anderes verdient. Wir müssen darauf reagieren, weil ich nicht will, dass die Motivation kippt."

Keine europäische Lernplattform – "ein Wahnsinn"

Im Bildungsbereich gibt es laut der Industriellenvereinigung einen großen Digitalisierungsbedarf, wie sich jetzt beim Heimunterricht gezeigt habe, da keine einheitliche Lehr- & Lernplattform zur Verfügung steht, über die sich Schüler und Lehrer austauschen können. "Jetzt wird endlich versucht, das zu standardisieren – und wenn das dann der Fall ist, läuft wieder alles über Microsoft oder Google, es gibt kein einziges europäisches Programm. Das ist ein Wahnsinn!", so IV OÖ-Präsident Greiner.

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