18.07.2016, 17:20 Uhr

Täglich BLAU MACHEN - in Steinberg ;-)

Für nicht nur EIN BLAUES WUNDER bitte hier hinein ... :-)

... oder: Blaumachen als Lebensentwurf ;-)

Seit drei Jahren im Burgenland hauptgemeldet und nunmehr einem Jahr ständig hier lebend, entdecke ich als Neo-Burgenländerin nach und nach die Besonderheiten und Schönheiten des mittleren Burgenlandes.

"Gelernten" Burgenländern ist die Blaudruckerei Koo in Steinberg ganz bestimmt ein seit langem bekannter Begriff - für mich jedoch neu und aufregend.

Vor zwei Wochen war es nun soweit - schon seit Längerem liebäugelte ich mit einem Besuch dieses ganz besonderen Betriebes, und da eine Freundin aus Wien für einige Tage zu Besuch bei mir hier war, gab es nun auch einen triftigen Anlass ;-)

Wo findet man "den Koo"?

Das Haus der Familie Koo ist, trotzdem es in einer Seitengasse liegt, nicht schwer zu finden - Steinberg ist ja nun auch nicht so riesig, dass man sich, selbst als Orientierungs-Dummie wie ich einer bin, so leicht verirren könnte.

Schon von außen zeigt die Druckerei, worum es hier geht: die Farbe BLAU.
Das Haus selbst, ein alter burgenländischer Hof, ist in schlichtem Weiß gehalten, Fensterläden und Türstöcke jedoch erstrahlen in einem sanften angenehmen Mittelblau, das sehr gut mit den unterschiedlichen Blautönen der gefärbten Stoffe harmoniert.

Beim Betreten des Innenhofes fallen sofort vor allem blau blühende Pflanzen auf, die das Bild des BLAU auf angenehme und natürliche Weise abrunden.

Ich hatte am Vortag angerufen, um einen Termin für die Besichtigung ausmachen zu können, doch der sehr freundliche Herr Koo, der selbstverständlich in seinem Betrieb anwesend war, erklärte mir, dass er unter der Festnetznummer nur schwer zu erreichen sei, da eben meistens in der Werkstatt zu finden - also lieber am Handy anrufen für einen Termin.

Glücksgefühle im Blau-Shop

Herr Koo wies meine Freundin und mich nach weiter hinten in den Hof, wo in einem weiteren kleinen Gebäude ein hübsch ausgestatteter Shop eingerichtet ist, in dem Frau Koo gerade dabei war, eine Kundin wegen eines Stoffkaufs zu beraten.

Übrigens steht direkt neben dem malerisch von Weinlaub umwucherten Häuschen ein attraktiver "alter Herr" aus der Welt der Automobile: ein 1960er Volvo ;-)

Wir betraten das kleine Stübchen - und waren wirklich begeistert:
Nicht nur wunderschöne Tischwäsche, sondern auch Schals und Tücher, Taschen und Lesezeichen, sogar mit Blaudruck gestaltete Schuhe und Pantoffeln, Vorhänge, Dirndlkleider ... und natürlich auch einfach Stoffballen mit zum Teil auf beiden Seiten unterschiedlichen Mustern.
Denn das ist das besondere am Blaudruck:
Ein Stoff kann von beiden Seiten mit ganz unterschiedlichem Muster bedruckt werden - faszinierend!

Meine Freundin verweilte sehr lange bei einem Paar wunderschöner handgenähter Lederschuhe, die durch einen Einsatz aus blaugefärbtem Musterstoff aus dem Hause Koo zu unverwechselbaren Einzelstücken geadelt werden.

Ich hatte mich rasch entschieden - für eine Tasche, genäht aus zwei unterschiedlich eingefärbten Stoffen und ein Brotkörbchen, das aus doppelt genähtem gefütterten Stoff hergestellt wurde.

Wie wir feststellten, könnte das Brotkörbchen auch gut und gerne von Größe und Machart her einen originellen Hut abgeben - mir passt es leider nicht, mein Kopf ist etwas überdurchschnittlich groß, daher wird es in meinem Haushalt wohl weiterhin die Rolle eines außergewöhnlich schönen Brotkörbchens spielen ;-)

Herr Koo nimmt sich Zeit für uns ...

Da in der Zwischenzeit auch noch einige andere Kunden eingelangt sind und alle großes Interesse haben, die Werkstatt zu sehen und mehr über den Blaudruck zu erfahren, führt uns Herr Koo zu den weiteren Nebengebäuden, in denen die Werkstätten untergebracht sind.
Für den Blaudruck, der eigentlich eine Blaufärberei ist, werden noch uralte, jedoch noch immer problemlos funktionierende Gerätschaften zum Einsatz gebracht - gelebte Tradition.

Der Meister zeigt uns die zum Großteil bis zu 200 Jahre alten Holzmodel mit herrlichen verschnörkelten Mustern, die dazu dienen, mit einer nach geheimem Rezept hergestellten Gummi arabicum-Paste bestrichen, das Muster auf den zu diesem Zeitpunkt noch weißen Stoff zu drucken. Dort, wo die Paste, die nun drei Wochen lang (!) trocknen muss, aufgetragen ist, nimmt der Stoff dann beim Färben keine Farbe an: das Muster erscheint daher weiß auf blauem Grund. Die trockene Paste wird nach dem Blaufärben natürlich restlos ausgewaschen.

... und wie wird der Stoff dann blau?

Das Färben selbst braucht viel Zeit, profundes handwerkliches Wissen und Können, sowie Geduld - je nach gewünschter Farbtiefe des Blau muss mehrmals, mit jeweils dazwischen einzuhaltender Wartezeit, in die Küpe (den Farbbottich) eingetaucht werden.
In früheren Zeiten wurde mit Färberwaid blau gefärbt, doch nun wird schon seit Langem Indigo dafür verwendet.

Die Stoffbahn wird auf einen so genannten Sternreifen gespannt - festgehalten wird sie darauf mittels kleiner Messingstifte, wodurch der Stoff am Rand die für diese Färbeart typischen kleinen Löcher bekommt.

Der Färbevorgang kann, je nach gewünschter Farbtiefe, bis zu vier Stunden dauern.

Die blaue Farbe entsteht dabei nicht durch das Eintauchen des Stoffes in den Farbbottich, sondern erst durch die Einwirkung von Luftsauerstoff, also erst, wenn das Färbegut wieder aus dem Bottich herausgezogen wird.

Und was sagt die UNESCO dazu?

Diese Art des Färberhandwerks wurde mittlerweile in die Liste der immateriellen Kulturgüter der Menschheit aufgenommen ...
Ein "Fenster" in die Vergangenheit, das nicht zugeschlagen werden darf!

Schon das allein ist Grund genug, um sich auf den Weg nach Steinberg zu machen und über ein wunderschönes altes Handwerk von den Ausführenden persönlich mehr zu erfahren.
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