Interview der Woche
Psychotherapeut Alexander Mladenow über psychische Krisen

Alexander Mladenow ist Systemischer Psychotherapeut.
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Psychotherapeut Alexander Mladenow spricht über aktuelle Probleme - auch durch die Corona-Pandemie.

OBERWART. Psychotherapeut Alexander Mladenow übersiedelte im Vorjahr in die Schulgasse Oberwart. Im Gespräch mit den Bezirksblättern berichtet er über Belastungen durch die Corona-Krise für die Psyche.

Bezirksblätter: Worin liegt der Unterschied zwischen Psychologie, Psychotherapeut und Psychiater?
Alexander Mladenow: Ein Psychologe studierte Psychologie und darf Testungen und Kurzzeittherapien machen, sofern er die Ausbildung als klinischer Psychologe hat. Ein Psychiater absolvierte ein medizinisches Studium. Der Psychotherapeut muss für sein Studium mindestens 22 Jahre alt sein und kann frühestens mit 28 seinen Abschluss machen. Danach darf er als Therapeut Menschen mit psychischen Problemen ohne Medikamente behandeln und gesund machen. Wenn Patienten Medikamente benötigen oder eine Behandlung in Verbindung mit solchen wollen, werden sie zu einem Psychiater geschickt, der Medikamente verschreibt.

Wie war Ihr beruflicher Werdegang?
Ich arbeitete neun Jahre in einer Bank, hab dann aber festgestellt, dass das weniger meine Erfüllung ist und mich beruflich deshalb umentschieden. Ich absolvierte die Studiumsberechtigungsprüfung, da ich keine Matura hatte, und wurde Sozialpädagoge. Trotz anfänglicher Skepsis wechselte ich die Richtung und schloss die Ausbildung zum Psychotherapeuten an der ÖAS (Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien) ab. Seit 2004 bin ich nunmehr Psychotherapeut. Ich arbeitete in einer Wohngruppe in Eberau, war bis zum Vorjahr einige Jahre mit meiner Praxis in der Sternvilla in Bad Tatzmannsdorf und nun seit Dezember 2020 in Oberwart.
Ich bin Diplom-Sozialpädagoge und Psychotherapeut für Systemische Psychtherapie. Ich arbeite in der Systemischen Familientherapie, als Scheidungsberater und Familien-, Eltern- oder Erziehungsberater gemäß §107 AußStrG, und bin darüber hinaus Regionalleiter Süd im Burgenländischen Berufsverband und dort auch für die Kassenverträge zuständig.

Wie ist die Situation derzeit im Burgenland?
Strukturell sind wir im Burgenland im Vergleich zu anderen Bundesländern gut aufgestellt. Von der ÖGK erhielten wir rund 17.000 Zusatztherapiestunden. Basis dafür war, dass Gesundheitsminister Rudolf Anschober das Angebot der Psychotherapie deutlich ausbauen wollte. Das ist auch gut so und ein richtiger Schritt. Wir haben derzeit rund 170 Therapeuten im Burgenland, suchen aber noch welche, die auch einen Kassenvertrag in Anspruch nehmen wollen. Es gibt noch Verhandlungen, um uns in Zukunft noch besser aufzustellen.

Welche Aufgaben hat ein Psychotherapeut?

Ein Psychotherapeut darf psychisch kranke Leute jeglicher Art behandeln, deshalb ist auch das anerkannte Spektrum in Österreich ein sehr buntes Feld. Dieses reicht von der systematischen Familientherapie über Gestalttherapie, Logotherapie bis hin zur Psychoanalyse oder personenzentrierter Psychotherapie. Für die Zulassung sind eine gewisse Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten notwendig. Die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Patient und Therapeut ist ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Therapie.

Welche Beschwerden haben Patienten durch die Corona-Pandemie?

Das ist sehr unterschiedlich. Zu Beginn der Pandemie waren es vor allem Ängste, die nicht ohne sind. Beispielsweise waren es auch bei Großunternehmern Existenzängste, da sie zugesagte Förderungen nicht bekamen. In dieser Phase am Beginn ist rasche Hilfe noch möglich.
Jetzt sind es vermehrt auch Mütter, die mit der Mehrfachbelastung von Kinderbetreuung mit Distance Learning, Mann im Homeoffice und teilweise selbst in einem solchen, überfordert sind. Oft fehlt bei der Lernunterstützung schon das Wissen über den Stoff, da sich die Anforderungen seit deren Schulzeit veränderten. Aber auch Lehrer kommen mit den ständigen Auflagen mit Maskentragen, Testungen, Homeschooling und daraus resultierender Mehrfachbelastung nicht zu rande und sind Burnout gefährdet. Die Zahl an Depressionen ist ebenso stark angestiegen.

Woran liegt das besonders?
Es fehlen einfach die sozialen Strukturen wie Vereine oder einfach das Treffen mit Freunden, um gemütlich beisammenzusitzen. Diese Möglichkeiten sind seit Monaten stark eingeschränkt. Mit dem Internet versuchen viele diese fehlenden persönlichen Kontakte zu kompensieren, aber das ist letztlich nicht das Gelbe vom Ei und kann das Persönliche nicht ersetzen. Andererseits ermöglicht das Arbeiten via Zoom oder Telefon für uns auch Vorteile. Wir können älteren Menschen, die sich nicht vors Haus trauen, wieder Hoffnung geben. Die ständige Mischung aus Hoffnung und Angst geht ziemlich an die Substanz. Ein Beispiel dafür waren die Vorschriften zu Ostern. Ein älteres Ehepaar hätte gerne die Tochter und Enkelkinder besucht, es durfte aber nur eine Person hinfahren - die beiden sind fast verzweifelt.
Ein Punkt ist auch bei Paaren, dass durch das ständige Beisammensein im eigenen Haus mehr Konfliktpotentiale auftauchen. Das war früher oft nur nach einem längeren gemeinsamen Urlaub der Fall. Durch den 1. Lockdown andererseits soll es aber angeblich einen Babyboom geben.

Es wird immer wieder über die besonders betroffene Gruppe der Jugendlichen berichtet. Wie sehen Sie deren Belastung in der Corona-Krise?
Rund 16 Prozent der Jugendlichen hatten schon Suizidgedanken. Ein Hauptgrund dafür ist, dass ihnen jeglicher Bezug zu Gleichaltrigen fehlt. Ein solcher ist gerade für die Altersgruppe der Präpubertierenden und Jugendlichen in der Pubertät enorm wichtig. Dieser fällt seit Monaten praktisch gänzlich weg. Kein Ausgehen, kein erster Freund, keine Gespräche unter Gleichaltrigen bedeutet ein großes Loch. In diesem Alter erfolgt ein natürliches Abkapseln von den Eltern und dem Kindsein, jetzt sitzt der Jugendliche im Lockdown nur Zuhause. Auch Jugendbetreuer in Oberwart haben derzeit alle Hände voll zu tun. Der strukturelle Druck ist gerade in dieser Altersgruppe durch Corona enorm.

Sie haben vorhin auch Burnout mehrmals erwähnt. Was bedeutet das genau?
Auf Deutsch wird Burnout als "Erschöpfungssyndrom" bezeichnet. Es birgt das Gefühl in sich, dass alle von einem was wollen und alles auf den eigenen Schultern lastet und derjenige sich dem aber nicht mehr gewachsen fühlt. Es wird begleitet von Depression und Suizidgedanken. Früher wurde Burnout vor allem auf die Arbeit bezogen, heute umfasst es alle Bereiche von Arbeit bis zum Privatleben. Oft merken es die Leute selbst zuletzt und die Alarmsignale kommen aus dem Umfeld. Ein weiteres Zeichen ist, dass auch ein Urlaub nicht mehr hilft, um abschalten und entspannen zu können. Das Gefühl "Ich kann nicht mehr" ist permanent und selbst in Ruhephasen dominieren die Gedanken, was noch alles zu tun ist. Es ist eine ständig drehende negative Gedankenspirale, die den Betroffenen immer weiter nach unten zieht.

Gibt es einfache Tipps, um dem entgegenzuwirken?

Ja, sich jeden Tag etwas Gutes tun. Das braucht gar nichts Großes sein, sondern es reichen schon kleine Dinge. Jesus hat gesagt: "Liebe deinen nächsten wie dich selbst!" Das ist schon ein guter Anfang, denn das bedeutet Gleichgewicht. Jeder reinigt sein Auto nach längerer Ausfahrt oder putzt die Bohrmaschine nach Gebrauch. Das sollte man auch für sich selbst tun. Es ist wichtig Freude im Leben zu haben und die Pausen mit Dingen füllen, die Freude machen. Ein Freund von mir ist Winzer und Betreuer in einer Wohngemeinschaft. Er meint immer wieder, er erholt sich beim einen Job vom anderen, weil ihm beide Spaß machen.

Und wie finden Sie Abwechslung?
Ich war früher Turniertänzer und gehe jetzt gerne Bogenschießen. Bei schönem Wetter soll man rausgehen, aber egal was, es soll Spaß machen. Ein Patient meinte einmal, ich schenke meiner Frau Rosen und sie freut sich nicht drüber. Ich gab ihm dem Tipp, mit ihr spazieren zu gehen und dann ein Gänseblümchen zu pflücken und ihr zu schenken. Er meinte danach, ja sie hat sich so gefreut, wie schon lange über keinen Blumenstrauß mehr.
Corona bietet auch eine neue Chance - nämlich für mehr Zeitqualität für die Familie, Frau, Kinder aber vor allem auch einen selbst.

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