Jahreskreis 29 - 15: Rummel auf dem Alten Sportplatz

(von Christoph Altrogge)

Nach ihrem Auftritt waren Johannes, Wilhelm und Cornelius nach und nach bei mir an der Bühne eingetroffen. "Woas ta ma d'n jetz?" fragte Wilhelm schließlich.
"Gemma auße aufn Oidn Spuatploatz", schlug Johannes vor. Alle zeigten sich einverstanden.
Kurz darauf brachen wir auf in Richtung Kremserstraße.

Schon an ihrem Beginn, kurz bevor sie in den Hauptplatz mündete, waren noch unzählige Gäste des Festes in beide Richtungen unterwegs. Wie immer hatte man die Fahrbahn in ihr bis zur Höhe Abzweigung Bahnhofstraße für den Straßenverkehr gesperrt.

Wir erreichten das Ende vom inneren Teil der Kremserstraße. Links begann die Bahnhofstraße. Wenige Meter vor uns stand mitten auf der Fahrbahn ein Gendarm. Er dirigierte an dieser Stelle den Verkehr vor sich. Eine ganze Kolonne von Autos verließ bereits wieder die Stadt in Richtung Wien.
Rechts zog sich erstmals seit dem Hauptplatz wieder eine kurze Reihe von Ständen entlang. Sie begann am Eckhaus mit der Fußpflege und ging bis zum Beginn des Sportwarengeschäftes. An ihrem Ende befand sich das Auto des Gendarmen, der den Verkehr regelte.
Links tauchte an der Ecke des Stadtparks eine Langoshütte auf. Auf ihrem Dach befand sich eine Leuchtschrift, die das Wort "Langos" bildete. Immer nacheinander verdunkelte sich auf ihr ein Buchstabe nach dem anderen.
Wir bogen nach rechts in die Roseggergasse ab. Auch in ihr waren noch unzählige Leute unterwegs. Auf der ganzen Straße bis hin zur Abzweigung zur "Maut" standen Autos hintereinander. Einige Fahrzeughalter gingen zu oder kamen von ihnen.
Wenige Augenblicke später betraten wir die gleich links abbiegende Jahnstraße. Auf ihr waren ebenfalls unzählige Gäste des Festes in beiden Richtungen unterwegs. Schon von weitem hörte man die laute Musik der Rummelplatzgeräte inmitten der Straße.
Während des Gehens fiel mir auf, dass die Straße, soweit das Auge reichte, mit den gräulich-gelben Schattauer Ziegeln gepflastert war, wie man sie bruchstückweise immer wieder in der ganzen Gegend vorfand. Die gemeinsame Geschichte über die Grenze hinweg lässt sich nicht verleugnen, dachte ich wieder einmal.
Wir erreichten die Mitte der Straße. Rechterhand erschien der Parkplatz, der sich über die gesamte Fläche des ehemaligen Sportplatzes bis hinunter zum Straßenende erstreckte. Er war völlig von Autos geräumt worden. Stattdessen befanden sich entlang der Ränder alle möglichen Rummelplatzeinrichtungen. Jedes der Geräte hatte eine andere, laute Musik. Immer wieder unterbrochen durch die Ansagen von Moderatoren. Überall standen Leute in kleineren Gruppen zusammen. Glühbirnen flimmerten hektisch in allen Farben.
Gleich rechts am Beginn des Platzes befand sich ein auffallend rot-gelb gestrichener Donuts-Stand. Automatisch strebten wir auf ihn zu.

Eine ganze Weile hatten wir uns an dem Stand aufgehalten und Donuts gegessen.
Eine Schießbude, ein Zuckerwattestand und eine Luftschaukel folgten. Am Ende der rechten Reihe schloss sich dann eine Glücksradbude an. Surrend drehte sich gerade wieder das Rad, als wir an ihr vorbeikamen. Innerhalb von Sekunden beschleunigte es auf ein ziemlich rasantes Tempo. Die unterschiedlichen Farben der Kreissegmente auf seiner Fläche verschwammen dabei fast völlig miteinander. Klappernd sprang davor der Ball von Abteilung zu Abteilung.
Wir hatten das südliche Kopfende des Rummels erreicht, wo das Tagada aufgebaut worden war. Bruchstückhaft bekam ich mit, wie über Lautsprecher das nahende Ende einer Fahrt angekündigt wurde. Kurz darauf verlangsamte die riesige Scheibe in der Mitte, auf der sich die Plätze der Gäste befanden, ihre achtförmige Bahn um den eigenen Mittelpunkt.
Das erste, was sich danach auf der linken Seite des Platzes anschloss, war der Autoscooter. Fahrzeuge in allen möglichen knallbunten Lackfarben waren auf der Fläche unterwegs. Immer wieder stießen dabei welche von ihnen zusammen. An allen Wagen brannten Vorder- und Rücklichter, die denen von echten Autos nachempfunden worden waren. In der Luft entstanden an den Kontakten der Autos mit der Elektrik der Anlage zwischendurch vereinzelt blaue Funken. In einiger Entfernung fuhr Paula mit ihrem kleinen Bruder vorbei. Sie war so mit Lenken beschäftigt, dass sie uns nicht bemerkte.
Ein dunkles, elektrisches Brummen erklang. Synchron verringerte sich darauf die Geschwindigkeit sämtlicher Fahrzeuge. Kurz darauf kamen sie ganz zum Stillstand.
Videospiel-Stationen folgten. In rasendem Tempo wurden die Joysticks von den Spielern hin- und herbewegt. Es gab mehrere Arten von Spielen, wie ich von weitem erkannte. Eines hatte ein Autorennen zum Inhalt. Eines ein Motorradrennen. Eines zeigte auf dem Bildschirm eine startende Rakete. Und auf mehreren fanden virtuelle Zweikämpfe statt.
"Liebst du mich?" fragte mich Johannes auf einmal wieder.
Ich antwortete wie gewohnt: "Ich liebe und begehre dich und werde niemals einen anderen Mann lieben können als dich."
Ein Luftballonverkäufer ging an uns vorbei. Er hatte einen ganzen Strauß metallicfarbener, knallbunter Luftballons bei sich. Allesamt trugen sie Gesichter von Figuren aus Disney-Filmen.
Das "Entenfischen" kam als nächstes. Einige Kinder standen davor und versuchten, mit einem angelartigen Gerät einige der Enten-Modelle zu fangen. Diese sausten in ziemlich hohem Tempo durch die schmale, ringförmige Wasserbahn.
Als letztes folgte eine Gummiburg für die Kleinsten. Aufgrund der Tageszeit war sie jedoch schon abgesperrt worden.
Wir waren wieder am Beginn des Platzes angekommen, von wo wir etwa eine halbe Stunde zuvor unsere Runde gestartet hatten. Vor uns lag die alte Turnhalle. Wie immer erinnerte sie mich von ihrem Baustil her ein wenig an ein Bauernhaus. Ein riesiges Schild mit der Aufschrift "Sportclub-Heuriger" hing über dem Eingang des Gebäudes.
Wir gingen hinein. Wie die meisten öffentlichen Gebäude wirkte sie von innen sehr viel größer als von außen. Eine Unzahl von Heurigenbänken und –tischen war in ihr aufgestellt worden. Entlang des hölzernen Dachaufbaus hingen ringsum lauter riesige Transparente von Retzer Sponsorbetrieben des Vereines, eines neben dem anderen. Die einzige Ausnahme war dabei die linke Stirnseite. Dort befand sich anstelle eines Plakates der aus grün-weißem Krepppapier gebildete Schriftzug "SC Retz". Mitglieder des Vereines liefen als Kellner zwischen den Reihen hin und her. Einer von ihnen war Herr Semmelhart aus der Hypobank.
Wilhelm stieg an einem Tisch gleich links in der Nähe über die Bank. Alle anderen folgten ihm in seine Richtung.

Autor:

Christoph Altrogge aus Ottakring

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