Jahreskreis 29 - 4 - 3: Donnerstagnachmittag – Aufbau der Handelsakademie-Marktbude - Auf dem Hauptplatz

Der Platz vor der Rathaustreppe, wo zum Weinlesefest die Heurigenbänke und -tische lagerten
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(von Christoph Altrogge)

Der Aufbau

Nahezu menschenleer war der Hauptplatz, als wir ihn mit der dritten und letzten Fuhre überquerten. Auch auf dem Bereich hinter dem Rathaus sah es nicht anders aus.
Isolde und Maria waren vom Rebenschneiden aus den Weingärten zurückgekehrt. Mitgebracht hatten sie einen Bottich voll langer Rebzweige.
Auf der Straße fuhr unterdessen ein Stück vor uns der alte Herr Seitenstetter mit seinem kleinen grünen Traktor entlang. Wie immer erinnerte mich das nicht mehr sehr moderne Gefährt von der Form her irgendwie an einen Laubfrosch. Unter Sammlern alter Landmaschinen musste das Gerät ja schon einen beträchtlichen Wert haben, dachte ich als Nächstes.
Schließlich parkte Wilhelm den Traktor wieder hinter der Rathausrückseite. Nachdem alle abgesprungen waren, öffnete Georg die Seitenklappe des Hängers. Johannes nahm daraufhin einen der kleinen Holztische herunter, ich den anderen. Als wir die Möbelstücke etwas weiter weg abstellten, fragte mich Johannes wieder einmal, wie es zwischen uns geflügeltes Wort war: "Liebst du mich?"
Ich antwortete ihm ebenfalls wie gewohnt: "Ich liebe und begehre dich und werde niemals einen anderen Mann lieben können als dich."
Wir kehrten zum Hänger zurück. Dort gab Wilhelm gerade wieder Anweisungen, was weiter zu geschehen habe: "De Doachploattn legn ma easchtamoi bei de Roathaustreppn, doamit ma beim Oabeitn net driwastoipan." Und zu mir gewandt: "De easchte neman mia glei."
Ich fasste am oberen Ende der Platte an, Wilhelm zog ihr Anfangsstück zu sich heran. Während des Hantierens setzte im nahen Dominikanerkloster das allabendliche Läuten der Glocken ein.
An der Ecke zum Rathaus tat sich ein riesiges Lager an Heurigenbänken und –tischen auf. Zusammengeklappt, auf der Kante stehend, hatte man sie an die Wand gestapelt. Fast das gesamte Kleinpflaster in diesem Bereich war von ihnen verstellt. Auch seitlich der langen, burgartigen Treppe, die sich über die gesamte Rathaussüdfront erstreckte, standen welche. Einzig vor ihrer kleinen Eisentür mit den spitzen Zacken am oberen Rand war vom Pflaster ein kleines Viereck freigeblieben.
"Doada oan 'n Roand leg ma 's", teilte mir Wilhelm schließlich den vorläufigen Ablageplatz mit.

Kurze Zeit später legten Georg und Johannes die letzte der drei deckungsgleichen Dachplatten auf dem Stapel ab.
Stadtrat Gebhardt erschien mit Stift und Notizblock in der Hand. "Brauchts a Woassa un a Liacht?" fragte er in die Runde hinein. Wilhelm trat auf ihn zu und antwortete ihm irgendetwas, das ich nicht verstand. Danach verwickelte er ihn in ein längeres Gespräch.
Ein Arbeiter des städtischen Bauhofes erschien in der Nähe. Stadtrat Gebhardt winkte ihn zu sich heran und fragte ihn etwas. Der Arbeiter ging daraufhin zu einer nahegelegenen Kanalöffnung. Auf ihr befand sich normalerweise einer der viereckigen, mit dem gleichen Kleinpflaster wie der Hauptplatz besetzten Deckel. Dieser war bereits für das Fest durch einen provisorischen Holzdeckel ersetzt worden. Der Arbeiter hob diesen zur Seite und begann Wilhelm etwas zu erklären.

Nachdem das Gespräch beendet war, verließen die beiden anderen Männer gemeinsam das Geschehen. Wilhelm wandte sich wieder der Klasse zu. Er klatschte ein paar Mal in die Hände und rief aus: "Oalle moi heahuarchen! Jetzda wiads Eanst! Jetz dama de Bruachbuadn nämli zsammschraufn." Und nachdem er sich der Aufmerksamkeit aller vergewissert hatte, fuhr er fort: "Da easchte Schritt doazua bsteht amoi doarin, doass ma de Täüle oalle so oam Boadn gnau oan dera Stöll niedalegn, oan dea 's doanoach vabundn wean."

Kurze Zeit später war der Aufbauvorgang bereits in vollem Gange. Antonia und Maria hatten die Wand mit dem türlosen Durchgang geholt. Die, die in der Mitte des Gebäudes das Hinterzimmer abtrennen würde. Dort hatten sie sie aufgerichtet und hielten sie fest, bis sie verankert sein würde. Georg und ich stemmten gleichzeitig die vertikal angelegte Südwand dagegen. Direkt neben mir waren Wilhelm und Cornelius damit beschäftigt, beide Teile zu verbinden. Mit Hämmern trieben sie die riesigen Schrauben an der Nahtstelle in das Innere des Holzes.
Schließlich standen die beiden Wände. "Festschraufn miass ma 's nau", meinte Wilhelm. "Hoat scho iagndwea de Ratsche gnumman?"
"I hoabs nau net gsehn", entgegnete Cornelius.
"Hoist du se moi?" beauftragte mich daraufhin Wilhelm. "Se liagt in da Kistn untam Sitz vuan oam Henga. Glei goanz obn miassats sei."
"Ist gut." Ich ging los, um das Werkzeug zu besorgen.
Ein Stück weiter links arbeiteten auch die Mitglieder der ÖAMTC-Ortsgruppe noch. Sie befestigten gerade ein Schild mit der Aufschrift "Most-Tankstelle" an der vorderen Dachkante ihres Standes. Im Vorbeigehen entdeckte ich auch zwei Bekannte unter den Mitarbeitern: Heurigenwirt Herrn Brandstetter und Herrn Seitenstetter jun., den Besitzer des Inneneinrichtungsstudios in der Lehengasse.
Auch an den meisten anderen Ständen in der Nachbarschaft wurde noch gearbeitet. Im Gegensatz zum übrigen Hauptplatz, der bereits beim Eintreffen mit der dritten Fuhre nahezu menschenleer war.
Ich erreichte den Hänger und klappte die Sitzfläche der Bank hoch. Wie Wilhelm gesagt hatte, lag das kurbelartige Schraubenschlüsselgerät ganz zuoberst auf den Werkzeugen.
Vor mir auf der Westseite des Hauptplatzes bildete sich gerade ein kleiner Stau. Ein "A & O"-Liefertruck mühte sich Stück für Stück über die Fahrbahn. Offensichtlich fand sein Fahrer den Lieferanteneingang von der Marktpassage im Scherzerhaus nicht. Hinter dem Wagen hatten sich rasch vier Pkw angesammelt. Diese konnten ihn nicht überholen.
Erst nach einer Weile hatte sich der Lkw ein Stück weiter in Richtung Ecke Vinzenzigasse bewegt. Danach bemerkte ich, dass auch vor einem der Häuser an der Westseite des Platzes Aufbauarbeiten im Gange waren. Auf einer der mit Natursteinen gepflasterten Parkplatzeinheiten zwischen Fußweg und Straße hatte man damit begonnen, eine Holzplattform zu errichten. Ihrer Art nach zu urteilen sollte sie nach ihrer Fertigstellung offensichtlich als eine Art privater Schanigarten dienen. Bewirtschaftet vermutlich von dem Haus dahinter.
Ich kehrte zur Aufbaustelle zurück. Auch links im direkt angrenzenden Stand der Katholischen Jugend wurde noch gearbeitet, wie mir unterwegs auffiel. Flaschenklappern drang aus dem Inneren der Hütte. Einer der Jugendlichen war auf ihr Dach gestiegen, um dort irgend etwas mit Hammer und Nägeln zu befestigen.

Eine gewisse Zeit später standen auch die Vorderwand und die rechte Wand. Antonia, Paula und Cornelius hatten damit begonnen, die Rückwand anzuschrauben. Davor hatte diese die ganze Zeit über am Rathaus gelehnt. An jeder Ecke war inzwischen jemand mit Schrauben und Hämmern beschäftigt.
Auch in einigen Buden in der Nachbarschaft, welche zwischenzeitlich schon ziemlich verlassen dalagen, war zu vorgerückter Stunde noch einmal Betrieb ausgebrochen. Dekorationselemente wurden angebracht, Elektrik ausprobiert. Weinbauern kamen mit Pkw, um Kisten mit Dopplerflaschen Wein zu liefern.
Ich selbst arbeitete inzwischen an der Außenseite der Vorderfront, an der Ecke beim KJ-Stand. Ich zog dort etliche kleinere Schrauben mit dem Schraubenschlüssel nach. Dabei kam mir wieder einmal eine Filmphantasie. Wäre das hier alles ein Spielfilm, dachte ich, dann wäre speziell diese Szene jetzt die Stelle, die irgendwann nach der Entlassung eines Kriminellen aus dem Gefängnis gezeigt wird, wenn er wieder eine Arbeit gefunden hat. Dann wird ja meistens, nur mit Filmmusik untermalt, eine lose Folge von Stimmungsbildern aus seinem neuen Arbeitsalltag gezeigt.

Als schließlich alle Wände verankert waren, wandte sich Wilhelm an die Männer in der Gruppe. "Bevua ma jetz 's Doachl aufegebn, miass ma nau de Hoalzkletz unta de Wend gebn, doamit de Hiattn net so schiaf stehn bleibt. Links un rechts hebn imma zwa Moa dös Trumm in de Heechn un i schiab dös Hoalzstiackl drunta."

Nach den Holzklötzen waren auch die beiden Tische und die Holzwanne an ihren entsprechenden Stellen untergebracht worden. Auf Anweisung von Wilhelm hatten Georg und Cornelius außerdem noch einen Heurigentisch geholt. Bei der Barriere in der Vorderwand hoben sie ihn drüber und stellten ihn direkt dahinter auf. Auch die Tür an der Rückfront hing inzwischen in ihren Angeln.
Einzig und allein die Dachplatten waren noch übriggeblieben. Georg und Cornelius gingen von hinten an den Stapel, Johannes und ich traten von vorn heran. "De easchte Ploattn isses Mitteltäül", erklärte Wilhelm. "De leg ma easchtamoi auf de Seitn."
Mit der darunterliegenden Platte bewegten wir uns dann zur Seite des Standes beim KJ-Stand. Dort bugsierten wir sie Stück für Stück aufs Dach. "So loang zuwischiebern, bisses oans Roathaus oasteeßt", wies Wilhelm an. Kommandos wurden von der Vorderseite und der Rückseite des Standes hin- und hergerufen: "Fieri a Stiackl!", "Zuwi!", "Hintere!"

Die Arbeit ist getan

Unmerklich war es Nacht geworden. Hauptsächlich die Laterne auf der Ecke zwischen Westwand und Südwand des Rathauses sorgte noch für etwas Licht.
In den benachbarten Ständen hielten sich nur noch vereinzelt ein paar Mitarbeiter auf. In einigen der Buden wurde die Beleuchtung ausprobiert. Gegenüber am Stand des Bienenzüchtervereines brannte eine aus roten, blauen, gelben und grünen Glühbirnen bestehende Lichterkette. Sie ging von der linken und der rechten Seite des Standes aus. Von dort verlief sie zum jeweils nächsten der Rotdornbäume, welche die Ränder des gesamten oberen Hauptplatzes säumten.
An unserem eigenen Stand waren mittlerweile nur noch Antonia und Maria beschäftigt. Sie nagelten an der Vorderwand das Schild mit der Aufschrift "HAK Retz" an. Die Mädchen hatten es in den letzten Tagen in der Schule gemeinsam gemalt. Danach hatte es Wilhelm zunächst zu Hause aufbewahrt und zum Aufbau im Traktor mitgenommen.
Irgendwann war das Annageln beendet. Wilhelm nahm einen Zettel aus seiner Hosentasche, faltete ihn auf. Er machte eine zu sich heranwinkende Handbewegung und rief: "Kummts amoi hea oalle. I wü eich nau schnö de Eiteilung fia de Dienste im Standl vualesn.
Oiso: Moagn vuan Siebzehne bis Zwoanzg de Antonia un da Christoph. Vuan Zwoanzg bis Dreiazwoanzg da Cornelius, da Johannes un i. Un vuan Dreiazwoanzg bis zum Schluss de Maria, de Isolde und da Georg.
Aufn Soamstoag vuan Viazehne bis Siebzehne de Antonia und da Georg. Vuan Siebzehne bis Zwoanzg da Cornelius un i. Vuan Zwoanzg bis Einazwoanzg de Paula, da Christoph und da Georg. Un vuan Einazwoanzg bis zum Schluss de Isolde, de Antonia un de Maria.
Aufn Sunntoag vuan Ölfe bis Viazehne da Cornelius un i. Doann is a Stuand Pause zweng 'm Festumzug. Vuan Fianfzehne bis Siebzehne de Maria un da Georg. Vuan Siebzehne bis Zwoanzg de Isolde un i. Un vuan Zwoanzg bis zum Schluss de Paula, da Johannes un da Christoph.
Aufn Sunntoag wea ma oam Schluss freili nimma meah waß Gott wie loang vakafn, dös zoit si doann joa a scho finaunziö nimma meah aus. Dös liagt doann im Eamessn vuan de drei Leit, de doa eitäült san, wauns de Hiattn dichtmoachn.
A poa Soachn zum Stoandldienst mechat i eich nau soagn. Wauns a Göd aus da Kassa außanehmts fia iagndwoas, doann legts an Zedl dofia eine. Auf den schreibts 'n Vawendungs-zweck, eicharen Noam'n un 's Doatum.
A Liafaroantnlistn mit de Telefonnumman liagt bei da Kassa.
Woassa zum Gloaslspialn hoits eich beim Roathaus auf da Seitn, doada, glei ums Eck. Doa is a Oanschluss." Er deutete mit dem Arm nach rechts. "Doass ihr mitm Woassa a bisserl soagsoam umgehts, i glaab, dös eh kloa, doa brauch i nix weita doazua soagn."
Er überlegte kurz, bevor er fortfuhr: "Joa, wengan de Gloasln. Mia is scho kloa, doass bei sowoas vü valuan geht un hinnich wiad a. Trotzdem mechat i eich bittn, doass ihr zwischnduarch imma moi eisoammeln geht's vuan de Tisch ringsumatum. Schaut's auf dös hoit a bisserl. Guat.
A joa, a Soach nau: Woas is ois zum Tuan jewäüs noachm letztn Dienst? Oalle Lebnsmittl und Getränke schoaffts in den Innenraum vuam Standl eine, den woas ma hintn oaspean koa. Doann hengt's des Tiarln vuam Standl eine – des werd's beim Dienst sicha außegebn, wäü 's sunstn z' eng wiad – un speats oa. Doann zöht's 's Göd, troagts de Summe auf da Listn eine un briangts beides zsamm'n mitm Schliassl zum Cornelius. De Easchtn vuam nechstn Toag hoin si doann vuan duat ois wieda. Un fois ea zwischnduarch amoi net doasein soitet – sei Famü waß iwa ois Bescheid.
Wegrama dama de Hiattn doann aufn Dienstoag noachm Weilesefest oam Oabend Um Finfe,
Treffpunkt oan dera Stöll. Un waun dös doann daledigt is, moach ma si woas aus, waun un wo ma si zsammsetzn, um de goanzn Restln z' essn, de vuam Vakafn iwableibn. Bei sowoas bleibt nämli in da Regel aaniges iwa.
Un fois zwischnduarch iagndwoas unkloa sein soitat – mei Handy-Numma hoabts eh oalle. Nau Froagn?"
Schweigen antwortete ihm.
"Guat. Doann kennts hamgehn."
Die Runde begann sich aufzulösen. Auch ich bemühte mich, möglichst schnell den Platz zu verlassen. Ich musste noch ins "Wiklicky", wo die Fotoausstellung "40 Jahre Weinlesefest" eröffnet wurde. Vorher wollte ich mich noch duschen und umziehen. Hinter mir bekam ich mit, wie einige aus der Klasse beschlossen, ins Kino zu gehen. "Die Maske" mit Jim Carrey lief gerade.

Der nächtliche Hauptplatz war vollkommen leer, als ich ihn überquerte. Das Wasserplätschern der Marktbrunnen war weithin zu hören. Völlig verlassen lagen die zahlreichen Holzbuden da. Teilweise völlig dichtgemacht mit Verschlussbrettern, teilweise mit offenen Verkaufsbarrieren wie unsere.
Per Zufall sah ich nach oben. Die Wolkendecke am Himmelsfirmament hatte sich inzwischen völlig verzogen. Ein vollkommen klarer Sternhimmel war stattdessen zu sehen. Da dürften wir in den nächsten Tagen wohl mit dem Wetter Glück haben, dachte ich.

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