Polizei in Erklärungsnot
Derby-Kessel der Widersprüche

Dicht gedrängt, wurden die Rapid-Fans bei eisigen Temperaturen stundenlang von der Polizei festgehalten.
  • Dicht gedrängt, wurden die Rapid-Fans bei eisigen Temperaturen stundenlang von der Polizei festgehalten.
  • Foto: Rechtshilfe Rapid
  • hochgeladen von Christian Bunke

Die Polizei gerät bei der Begründung des Derby-Kessels vom 16. Dezember 2018 in Erklärungsnot.

1.300 Rapid-Fans konnten damals nicht am Derby gegen die Austria Wien im Generali-Stadion teilnehmen, weil sie über acht Stunden lang bei klirrender Kälte auf einer engen Fußgängerbrücke in Favoriten von der Polizei festgehalten wurden. 28 von ihnen, darunter ein 13-jähriges Mädchen, haben dagegen eine sogenannte Maßnahmenbeschwerde eingereicht. Seit 12. Juni wird darüber am Wiener Verwaltungsgericht verhandelt. Eine Entscheidung könnte diese Woche fallen.

Aus Sicht der Polizei war die Einkesselung der Rapidler aufgrund "in dieser Form noch nicht erlebter Aggressivität" gerechtfertigt. Diese Erzählung erhielt im Laufe des Verfahrens jedoch Risse. Einerseits schilderten an dem Einsatz beteiligte Polizisten ihre Erfahrungen sehr unterschiedlich, andererseits konnte die Polizei nur wenige Beweismittel vorlegen, um ihre Darstellung der Ereignisse zu untermauern.

Fehlende Aufzeichnungen

Vor allem die Einsatzleiter der Polizei sowohl vor Ort als auch in der Kommandozentrale berichteten von Würfen mit Schneebällen und Pyrotechnik auf die Fahrbahn der Südosttangente. Die Einkesselung sei unter anderem angeordnet worden, weil man von einem friedlichen Verlauf des Derbys nicht habe ausgehen können.

Obwohl der Kessel aus mehreren Blickwinkeln und von einem Hubschrauber aus gefilmt wurde, konnte die Polizei mit Stand 5. Juli nur Videos von einigen Schneebällen zeigen, die auf die Straße geworfen wurden. Pyrotechnik wurde laut dem Videomaterial zwar auf der Brücke gezündet, es ist aber nicht zu sehen, dass Fackeln auf die Fahrbahn geworfen wurden.

Funkprotokolle gelöscht

Es existieren von dem Einsatz auch keine Funkprotokolle, da diese inzwischen gelöscht wurden. Dies sei polizeiliche Standardpraxis, hieß es im Laufe des Verfahrens von Polizeivertretern. Es existieren lediglich Aufzeichnungen aus dem Einsatz-Protokoll-System, kurz PES. Das PES, so wurde es von den Einsatzleitern beschrieben, ist jedoch keine vollständige Aufzeichnung der Ereignisse. Es ist vielmehr eine lückenhafte, schriftliche Zusammenstellung von getätigten Funksprüchen, die später als Gedächtnisstütze dienen sollen.

Verschiedene Erinnerungen

Sehr unterschiedlich beurteilen Einsatzleiter und szenekundige Beamte den Fan-Marsch zum Generali-Stadion. Erstere berichten von massiven Aggressionen gegen die Polizei und Passanten. Außerdem hätten Fans die Kooperation mit der Polizei verweigert. Es habe auch keine Ansprechpartner unter den Fans gegeben.

Szenekundige Beamte sind Polizisten, die auf den Kontakt mit Fußballfans spezialisiert sind. Zwei von ihnen haben ausgesagt, den großen Teil der aktiven Rapid-Fanszene zu kennen und mit den Fans auch kommuniziert zu haben. Zwar sei mehr Pyrotechnik abgebrannt worden als sonst, es habe sich aber um einen normalen Fan-Marsch gehandelt. Die Fans hätten sehr wohl kooperiert. Ob das den Kessel rechtfertigt?

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