16.04.2018, 11:47 Uhr

Sex, Exorzismus und Homophobie: Zehn Jahre Pfaffenheini in Penzing

Der Penzinger Pfarrer Christian Sieberer hat noch vor einigen Jahren auf YouTube für Aufregung gesorgt. Nun twittert er nahezu täglich. (Foto: YouTube)

Sexsucht, der Teufel, Abtreibung: Seit einem Jahrzehnt hält Pfarrer Christian Sieberer die Pfarre St. Jakob auf Trab.

PENZING. Macht die Pille Frauen unsexy? Funktioniert Exorzismus? Führt Abtreibung zu Krebs? Ist Homosexualität eine Sünde? Geht es nach den Ansichten des Penzinger Pfarrers Christian Sieberer, auch "Pfaffenheini" genannt, kann man all diese Fragen mit "Ja" beantworten. Der Pfarrer sorgt seit zehn Jahren in der Gemeinde St. Jakob in der Einwanggasse 30 für Aufregung.

"Es kommen heute fast ausschließlich erzkonservative Polen zu den Messen. Die Leute von früher haben sich aus der Pfarre zurückgezogen", so eine ehemalige Kirchgängerin. Der Pfarrer dementiert das: "Wir haben seit dem Beginn meiner Tätigkeit als Pfarrer im September 2007 eine konstante Zahl von rund 100 aktiven Mitgliedern in der Gemeinde. Viele von ihnen sind schon jahrzehntelang ehrenamtlich tätig. Der Begriff "konservativ" kommt vom lateinischen Wort "conservare", was übersetzt "bewahren" bedeutet. Selbstverständlich sind in unserer Pfarre auch Menschen willkommen, die sich um die Bewahrung des Glaubens bemühen", sagt er. Doch bereits 2015 berichtete etwa der ORF: "Konfliktpunkt ist die Art des Pfarrers Christian Sieberer, die einige Gemeindemitglieder nicht gutheißen. Etwa 60 Mitglieder hätten die Gemeinde bereits verlassen." Auch die Erzdiözese Wien gibt zu: "Die Spannungen zwischen dem Pfarrer und Teilen der Pfarrgemeinde im Jahr 2014 waren öffentlich bekannt. In der damals anberaumten Versöhnungsphase von einem Jahr ist es leider nicht gelungen, zwischen allen Beteiligten auch tatsächlich eine Versöhnung herzustellen."

Der Youtube-Pfaffenheini

Bis vor einigen Jahren hat der Pfaffenheini auf Youtube gezeigt, wo er steht. Zum Refrain des Village-People-Liedes "YMCA" hat Sieberer "I am not gay" in die Kamera gesungen und im Video erklärt, dass es, obwohl nicht politisch korrekt, eine Freude sei, so zu leben. Der Pfarrer relativiert. „Es gibt den Mythos, dass alle Priester homosexuell sind. "I am not gay" bringt zum Ausdruck, dass ich nicht homosexuell bin“, erklärt er seine Beweggründe für die besondere Interpretation des Liedes. Das Video ist mittlerweile gelöscht, doch einige andere Perlen des streitbaren Pfarrers sind nach wie vor im Netz zu finden. Beim Thema Exorzismus zeigt er sich als Experte: „Übernatürliche Kräfte, übernatürliches Wissen, extreme Abneigung gegen alles Religiöse, Reden in fremden Sprachen“ seien Zeichen einer Besessenheit und könnten geheilt werden, so der Pfarrer.

Kaffeebohnen und Sexsucht

Aktuell ist der Mann auf twitter aktiv. Seine Tweets: „God is in the house“, „Leben live.“ oder auch „Wir müssen alle einmal sterben. Fangen wir schon jetzt damit an.“ Medial ist Sieberer omnipräsent und die Internetseiten, die seinen Namen im Impressum tragen, sind kaum zu zählen. Teilweise sind diese in Inhalt und Aufbau kaum zu fassen. Der Pfarrer verlinkt auf seiner Seite www.pfaffenheini.net mit Schagwörtern auf andere Seiten. Zum Beispiel unter dem Schlagwort Sex. Da landet man auf einer Seite (www.sexsucht.tv), die „seriöse Hilfe“ bietet – nach eigener Definition. Dann wird es allerdings verwirrend. Denn auf der Seite findet man ausschließlich Fotos von Kaffeebohnen, Kaffeetassen und Kaffeeautomaten. Und doch beschäftigt sich der gesamte Text mit Sexsucht und Pornosucht. 

Aber auch die Seiten www.blabla.net, www.gehorsam.net, www.exorzismus.net, www.da-vinci-furz.com oder www.tabuthemen.net werden vom Penzinger Pfarrer betrieben. Letztere beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Abtreibung. Ein Link führt zu Bildern, die nur zwischen zwei und sechs Uhr in der Nacht abrufbar sind. Der Text: „Diese Videos und Fotos sind stumme Zeugen der Praxis der Abtreibung und stammen zum größten Teil von abgetriebenen Kindern aus den Vereinigten Staaten. Macht aber nichts, denn die europäischen Kinder unterscheiden sich in der Entwicklung im Mutterleib nicht im Geringsten.“

Und noch ein Gustostückerl hat diese Seite zu bieten: Sie erklärt nämlich, warum die Pille Frauen unsexy macht und dass man von Oralsex Mundkrebs bekommt. Auf die Frage, warum er diese Themen auf diese kontroverse Weise präsentiere, antwortet Sieberer: "Menschen stellen mir seit meiner Bekehrung vor dreißig Jahren Fragen zu sehr unterschiedlichen Themen. Als Mensch, Christ und Priester fühle ich die Verpflichtung, auf diese Fragen eine Antwort zu (ver-)suchen.“ Dann verweist er auf seine Seite www.jesus-faq.net. Auch hier ist Sexsucht ein Thema.

Der Pfarrer und die Kirche

Schlägt man das aktuelle Pfarrblatt der Pfarre St. Jakob in Penzing auf, braucht man nicht lange, um zu wissen, dass es sich bei den Machern der Schrift nicht um „liberale“ Geister der katholischen Kirche handelt. Im Vorwort erklärt der Pfarrer selbst, was einen Christen von einem Moslem, einem Agnostiker oder einem „Gewohnheitschristen“ unterscheidet. Das Urteil ist wirft kein gutes Licht auf all jene, die keine „entschiedenen Christen“ sind. Etwas weiter hinten wird ein Buch vorgestellt. Von der „Erneuerung der Kirche“ handelt das Werk des Papstbiographen George Weigel. Weigel schreibt unter anderem über den „Lebensschutz“ von der Empfängnis bis zum Tod. In der Kirche liegen außerdem Flyer auf, die mit den Worten „Mama lass mich leben!“ titeln, Hilfe bei Schwangerschaft anbieten und Krebs und Durchlöcherungen der Gebärmutter als Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen erklären. Gleichzeitig findet man Flyer, die auf die Gefahren der Pille hinweisen – und solche, die Heilung nach Abtreibung und Seminare zur Vergebung Gottes anbieten. 

Vor wenigen Wochen war Sieberer als einziger Pfarrer auf der Esoterikmesse vertreten. Der Stand des katholischen Pfarrers lockte mit kostenlosen Mutter Gottes-Medaillen „Wenn Sie wollen, Sie können sich segnen lassen. Gratis natürlich!“, lautete das Angebot. 
Die Erzdiözese Wien sieht darin kein Problem. "Die Auftritte von Pfarrer Sieberer im Internet oder etwa auch auf der Esoterikmesse sind sicher nicht jedermanns Sache. Aber es gibt in der katholischen Kirche eine große Bandbreite, und ein Pfarrer hat große Autonomie. Solange die Aktivitäten nicht gegen das Recht verstoßen oder er groben Unfug verkündet, haben wir keine Veranlassung einzuschreiten – zumal viele seiner Aktivitäten, wie etwa die Präsenz auf der Esoterikmesse, aus einem echten missionarischen und seelsorglichen Impuls heraus geschehen dürften", heißt es hier.

Unter Beobachtung?

Die gelb-weiße Kirchenfahne ist vor der Pfarre nahezu ständig gehisst. Ob sie ein Zeichen dafür ist, dass Sieberer unter Beobachtung der Diözese steht, beantwortet niemand tatsächlich. Die Diözese verweist auf den Pfarrer. Der sagt, er finde die Fahne einfach schön. Es ist, glaubt man Sieberer, alles also gar nicht so, wie es scheinen mag. Oder, wie er es auf Twitter ausdrückt: "Lass jeden Tag eine Illusion sterben! So beginnt das ewige Leben schon jetzt."
1
Einem Mitglied gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.