KZ-Befreiungsfeiern 2020
Der vergessene Retter von Mauthausen und Gusen

2015, zum 70. Jahrestag der Befreiung, erinnerten der damalige ÖRK-Generalsekretär Werner Kerschbaum und Bezirkshauptmann Werner Kreisl (im Bild mit den Rotkreuz-Offizieren Wolfgang Preslmair, Christian Geirhofer und Josef Wintersberger vom RK-Bezirksrettungskommando) an der Gedenktafel im KZ Mauthausen an den Einsatz von Louis Häfliger.
  • 2015, zum 70. Jahrestag der Befreiung, erinnerten der damalige ÖRK-Generalsekretär Werner Kerschbaum und Bezirkshauptmann Werner Kreisl (im Bild mit den Rotkreuz-Offizieren Wolfgang Preslmair, Christian Geirhofer und Josef Wintersberger vom RK-Bezirksrettungskommando) an der Gedenktafel im KZ Mauthausen an den Einsatz von Louis Häfliger.
  • Foto: Rotes Kreuz/Herbe
  • hochgeladen von Eckhart Herbe

Louis Häfliger hat mit Zivilcourage in der ersten Maiwoche 1945 zehntausende Menschen gerettet. Ist untrennbar mit Mauthausen, Gusen und St. Georgen verbunden. Dennoch kennt ihn hier kaum jemand, obwohl er zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert war. Er bezahlte für sein Engagement einen hohen Preis im Privatleben. Seine Geschichte war 45 Jahre lang ein beschämender dunkler Fleck in den Annalen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf. Auch beim heurigen 75-jährigen Befreiungsjubiläum bleibt Louis Häfliger unerwähnt.
MAUTHAUSEN-GUSEN-ST.GEORGEN/GUSEN.  "Louis wer?" Egal ob Schüler oder Pensionist, kaum einer in der Region kann mit dem Namen des Schweizers etwas anfangen. Keine Straße, kein Platz und kein Gebäude ist nach ihm benannt, kein Schulbuch erwähnt ihn. Eine unscheinbare Tafel unter hunderten anderen im KZ Mauthausen, eine Diplomarbeit, einige Erwähnungen in wissenschaftlichen Publikationen verschiedener Institutionen und Organisationen und eine 50-minütige Filmdoku eines Schweizer Journalisten - das ist alles, was an einen mutigen Menschen in einer unmenschlichen Zeit erinnert. 

Geplanter Massenmord im Stollensystem 

Das IKRK erhielt am 12. März 1945 von SS-General Ernst Kaltenbrunner die Genehmigung, Rotkreuz-Delegierte mit Lebensmitteltransporten in die nationalsozialistischen Konzentrationslager entsenden zu dürfen. Unter den Freiwilligen war der 41-jährige Schweizer Bankangestellte Louis Häfliger. Er kam am 28. April 1945 im KZ Mauthausen an, wo ihm aber Lagerkommandant Franz Ziereis die Lebensmittelverteilung verbot. Häfliger bestand auf eine Kontaktaufnahme zwischen Ziereis und Kaltenbrunner. In St. Georgen erfuhr er von Einheimischen von den grauenhaften Zuständen in den Lagern und im Stollensystem Bergkristall. Als er am 30. April nach Mauthausen zurückkehrte, hatte Ziereis von Kaltenbrunner entsprechende Befehle erhalten und Häfliger wurde zusammen mit SS-Obersturmbannführer Guido Reimer, dem Leiter der Spionage- und Sabotage-Abwehr im Lager, untergebracht. Durch Reimer, der ebenfalls gelernter Bankangestellter war, erfuhr er am 2. Mai von den Plänen Himmlers, die Häftlinge der Lager Mauthausen sowie Gusen I und II in den Stollensystemen in St. Georgen und Gusen einzusperren und diese dann zu sprengen. Auch die St. Georgener Bevölkerung sollte durch einen Luftalarm in die Stollen gelockt und so ebenfalls ermordet werden. Reimer, durch viele Verbrechen und Grausamkeiten in seiner SS-Laufbahn berüchtigt, rettete durch diesen Seitenwechsel wohl sein eigenes Leben. 1947 bei einem Kriegsverbrecherprozess in Dachau zum Tode verurteilt, wurde er zu lebenslanger Haft begnadigt und schon 1952 aus dem Gefängnis entlassen .

Couragiertes Handeln rettet Zehntausende

Häfliger wusste diesen späten Gesinnungswandel zu nutzen und handelte couragiert im Namen der Menschlichkeit - was ihm später zum Verhängnis werden sollte. Am 4. Mai strich er gemeinsam mit Reimer und einigen Häftlingen heimlich ein SS-Fahrzeug weiß an und montierte eine Rotkreuz-Fahne. Am frühen Morgen des folgenden Tages suchten die beiden gemeinsam mit einem Fahrer in der Umgebung nach alliierten Truppen. Mit der Unterstützung des Vizebürgermeisters von St.Georgen trafen sie schon im Gusental auf eine Patrouille von 23 Soldaten der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee unter dem Kommando von Sergeant Albert J. Kosiek. Häfliger überzeugte den zuerst misstrauischen Amerikaner davon, angesichts des unmittelbar drohenden Massenmordes schnell vorzustoßen und die KZ-Lager zu befreien. Reimer veranlasste die Deaktivierung der Sprengladungen in den Stollen von St. Georgen und Gusen. Schon in den Mittagsstunden des 5. Mai trafen die ersten beiden US-Panzerspähwagen mit Louis Häfliger am Gelände des Lagers Mauthausen ein, das friedlich und ohne Blutvergießen übernommen werden konnte, da Kommandant und Wachmannschaften geflohen waren. Die Angaben zur Zahl der geretteten KZ-Insassen variieren je nach Quelle zwischen 40.000 und 60.000!

Beschämender Dank des IKRK

Der Beitrag von Louis Häfliger zur Rettung der Häftlinge in Mauthausen und Gusen gehört zu den bedeutendsten und mutigsten Taten eines einzelnen Menschen in der Rotkreuz-Geschichte. Das IKRK, damals in Teilen von NS-Sympathisanten unterwandert, spielte jedoch in diesen Tagen eine sehr zwiespältige Rolle: Höchster Einsatz in allen menschlichen Dramen der Nachkriegszeit einerseits , aber auch, gemeinsam mit dem Vatikan, Fluchthilfe für hohe Nazis nach Südamerika  auf der anderen Seite. Delegierter Louis Häfliger wurde zum Opfer seiner eigenen Organisation: Sein eigenmächtiges Handeln habe nach Auffassung des IKRK gegen das Prinzip der Neutralität und Unparteilichkeit verstoßen, befand man, und verstieß ihn aus dem Roten Kreuz. Im Zuge dieser Demütigung verlor Häfliger auch seine Stelle bei der Bank Leu in Zürich. Da es ihm nicht gelang, in der Schweiz eine neue Anstellung zu erhalten, wanderte er 1946 nach Österreich aus, ließ sich in Wien nieder und erhielt 1955 die Staatsbürgerschaft. Er arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1973 als kleiner Angestellter der Nationalen Registrierkassen AG. Für seine Tat wurde Louis Häfliger 1950  sogar vom damaligen österreichischen Justizminister Otto Tschadek für den Friedensnobelpreis nominiert. Sowohl in Israel als auch in Österreich erhielt er zahlreiche Auszeichnungen als „Retter von Mauthausen“ wie etwa das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs. Dennoch geriet er in den folgenden Jahrzehnten staatlichen Verdrängens in Vergessenheit, bemühte sich vergebens um die Wiederherstellung seiner Reputation beim Roten Kreuz und in seiner Schweizer Heimat.

Späte Rehabilitation

1988 erfolgte im erwachenden Zeitgeschichtsbewusstsein eine erneute Nominierung für den Friedensnobelpreis. 1990 - nach 45(!) Jahren  - wurde Häfliger endlich auch vom IKRK unter dessen Präsidenten Cornelio Sommaruga vollständig rehabilitiert. Der Retter von Mauthausen starb 1993 in Podbrezová, der slowakischen Heimatgemeinde seiner Frau. Die offizielle Würdigung seiner Schweizer Heimatstadt erlebte er nicht mehr.  2003 wurde in Zürich der Louis-Häfliger-Park eröffnet. Seit Februar 2006 trägt auch die Louis-Häfliger-Gasse im Wiener Bezirk Floridsdorf seinen Namen. Sie führt durch ein ehemaliges Fabrikgelände, auf dem sich ab Juli 1944 ein Außenlager dem KZ Mauthausen befand. 2008 widmete sich der junge Historiker Johannes Starmühler in seiner ausgesprochen interessanten Diplomarbeit den kontroversiellen Ereignissen in Louis Häfligers Leben.
Im Bezirk Perg, direkt am Ort seines mutigen Einsatzes für zehntausende Menschen, ist der Retter von Mauthausen hingegen bis heute ein Unbekannter geblieben...

Spannender Link zu Louis Häfliger:
Diplomarbeit "Louis Haefliger und die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen"
( Mag. Johannes Starmühler, Universität Wien)

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