Solidaraktion für Flüchtlinge
"Die eingefrorenen Herzen auftauen!"

Menschlich Handeln, während andere zusehen: Der kleine David bringt höchstpersönlich eine Decke für die frierenden Flüchtlinge.
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  • Menschlich Handeln, während andere zusehen: Der kleine David bringt höchstpersönlich eine Decke für die frierenden Flüchtlinge.
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Ein "Wintercamp" als Zeichen der Solidarität mit dem Flüchtlingsleid in Griechenland und am Balkan verbunden mit einer Sammelaktion für Schlafsäcke und Decken vermittelte bei klirrender Kälte am St. Georgener Marktplatz eindringlich, wovor Europa die Augen verschließt. 
ST.GEORGEN/GUSEN. Obwohl es schon zehn Uhr am Vormittag ist, zeigt die Messstation im Ortzentrum noch immer minus acht Grad, die am zugigen Marktplatz doppelt so kalt wirken. Drei billige Zelte sind beim Marktbrunnen aufgeschlagen. Ihre Planen bauschen sich im Wind, der dünne Stoff bietet kaum Schutz. Es gibt keine Bodenisolierung, keine Heizmöglichkeit und das Wasser in einem Kochtopf beim Eingang ist gefroren. Daneben liegt ein verwaistes Stofftier. Auf einer Wäscheleine haben die Initiatoren - SPÖ St. Georgen, Kinderfreunde, SJ Mauthausen und Jugendzentrum Mauthausen - Babykleidung gehängt. Dazwischen Bilder von Babys, Kindern und Familien, die im knöcheltiefen Schlamm, zwischen verdreckten Dixi-Klos und Müllhaufen auf griechischen Inseln oder im bosnischen Winter vegetieren. Tägliche Anklage und Stachel in den Werten einer EU und der sie bildenden Staaten, die Menschenrechte als Basis ihres Handels definieren. Deren Entscheidungsträger aus Parteien kommen, die sich mit "christlich sozial", "sozialdemokratisch", "sozial-liberal, "christdemokratisch" "Recht und Gerechtigkeit" und viele anderen klingenden Bezeichnungen schmücken. Und die an der größten humanitären Schande seit Bestehen der EU täglich scheitern.

"Es geht um Humanität, nicht um Politik!"

"Auch wenn wir hier heute primär aus dem SPÖ-Umfeld kommen -  da geht es nicht um Parteitaktik, sondern einfach um Menschlichkeit. Denn wenn die Kirchen, alle wichtigen Sozialorganisationen und auch viele ÖVP-Anhänger gemeinsam mit uns an humanitäre Lösungen appellieren, dann ist das kein politisches Kleingeld. Wenn zehntausende Bürger, hunderte Gemeinden und ganze Regionen aktiv helfen wollen, von A-Z alles organisieren, es dem Staat weder Ressourcen noch Personal kostet, dann ist nicht argumentierbar, warum in dieser Katastrophe auf EU-Gebiet oder direkt an ihrer Grenze in Bosnien mit einer derartigen Härte und Ignoranz gehandelt wird. Keiner von uns will Zustände wie 2015 - aber dass es in einem der reichsten Länder der Welt nicht möglich sein soll, zwei, drei Familien pro einladender Gemeinde unterzubringen, ist nicht nachzuvollziehen. Wir waren immer stolz auf Österreichs große humanitäre Tradition. Jetzt fühlen wir uns aber ohnmächtig. Wir wollen vermitteln, dass Österreich so nicht ist. Wir wollen hilflose Menschen, die zum Spielball geworden sind, aus der Kälte holen!"

Decken und Schlafsäcke als elementare Nothilfe

So zusammengefasst die Argumente der Initiatoren. In St. Georgen stoßen sie bei den Passanten durchwegs auf Sympathie. Einige bleiben aber auch nur kurz stehen, schütteln den Kopf und gehen mit hochgezogenen Schultern weiter.  Zwei Tische füllen sich rasch mit Decken und Schlafsäcken, die über den Verein SOS Balkanhilfe direkt zu den Notleidenden in die Lager gebracht werden. Eine junge Mutter aus Luftenberg, mit Baby im Tragetuch, bringt einen Schlafsack, ihr Älterer transportiert im Anhänger seines Gocarts zwei Decken. "Ich habe die wunderschöne Herausforderung kleiner Kinder, kann sie aber in Geborgenheit und Komfort bei uns in Österreich aufziehen. Es ist für mich als Mutter einfach unvorstellbar, nicht einmal Heizung, warmes Wasser, Windeln oder auch nur ein trockenes Bett für sie zu haben. Das muss doch jeder, der selbst Kinder hat, ähnlich heftig empfinden!" 

86-jähriger: "Sorge um das Gute in Österreich!"

Anmerkung des Autors:
Neutralität und Sachlichkeit sind mir in meinen Beiträgen stets oberste Regel. Dennoch möchte ich meinen Leserinnen und Lesern nachfolgende, leidenschaftlich vorgebrachte Meinung eines 86-jährigen, mir bis dahin unbekannten St. Georgeners, der mich am Heimweg ein Stück begleitete, nicht vorenthalten. Er hat mir erlaubt, ihn zu zitieren, mich aber gebeten, seinen Namen aus familiären Gründen nicht zu nennen. Da seine Aussagen natürlich persönlich und emotional gefärbt sind, möchte ich diesen Absatz daher als Lesermeinung entsprechend kennzeichnen. 
Eckhart Herbe

Beindruckt hat den Autor dieses Beitrags ein 86-jähriger St. Georgener, der das Treiben am Marktplatz mit  bemerkenswerten Aussagen kommentierte:  "Wissen Sie, ich finde es schlimm, dass 2021 am Marktplatz für etwas eigentlich Selbstverständliches demonstriert werden muss. Als Kind in der Nazizeit haben sie mir gesagt, dass die ganzen Zwangsarbeiter und KZ'ler, die sie an unserem Haus vorbei durch St. Georgen getrieben haben, es nicht verdienen, dass man mit ihnen Mitleid hat. Dass das minderwertige Leute sind. Nach dem Krieg hat lange keiner darüber geredet.
Aber zumindest hat sich in Österreich über viele Jahrzehnte eine sehr große Hilfsbereitschaft entwickelt, egal, wer sie gebraucht hat. Beim Ungarnaufstand, wo wir selbst noch kaum etwas gehabt haben.  Beim Prager Frühling in der Tschechoslowakei und mit "Nachbar in Not" im Jugoslawienkrieg. Da haben wir ganze Züge Essen, Bau- und Heizmaterial geschickt. Und auch bei vielen Naturkatastrophen sind wir immer vorne dabei beim Helfen. Darauf  bin ich stolz. Irgendwie habe ich es lange als eine Art Wiedergutmachung gesehen. Dafür, dass so viele sich vor, während und auch nach der Kriegszeit nichts gegen den Hass und die Unmenschlichkeit der Nazis zu sagen getraut haben.
Als 2015 die Flüchtlingswelle kam, ist dann die Stimmung wieder gekippt. Natürlich hat das alle überfordert. Das waren zu viele auf einmal, es war eine andere Kultur und es waren auch nicht nur Gute darunter. Aber trotzdem sind es Menschen in Not. Man kann doch kleinen Kindern keinen Vorwurf machen, was in ihrer Heimat passiert.

Ich war immer stolz auf Österreich als Aushängeschild für tatkräftige Hilfe. Jetzt mache ich mir Sorgen, dass dieses so zentrale Merkmal unseres Landes verloren geht. Ich war 2018 mit 84 zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Menschenrechts-Demonstration."
(ein 86-jähriger St.Georgener, Name der Redaktion bekannt)

Es sind bei uns dann viele Brandstifter aus ihren Löchern gekrochen. Ich geniere mich als alter Mann dafür, dass Österreich auf einmal mit Staaten im Eck steht, die sich um Menschrechte und Demokratie selbst in ihren eigenen Ländern nicht scheren. Schauen Sie sich nur Polen oder Ungarn an, obwohl diese Länder selbst so viel Leid erlebt haben. Dass wir vor drei Jahren einen Innenminister gehabt haben, der die Menschenrechte  für Flüchtlinge außer Kraft setzen wollte. Einen großen Aufschrei quer durch das Land habe ich nicht gehört. Auch dass wir nun lieber Polizei und Waffen statt Nahrung und Decken für die Menschen schicken, sonst aber keine Vorschläge haben, weil wir ja zum Glück keine EU-Außengrenze haben. Das alles vergiftet das Klima, man braucht doch nur die Nachrichten anschauen.
Wenn man schon fürs Fernsehen Hilfsgüter mit dem Flieger nach Griechenland bringt, dann soll man zumindest sicherstellen, dass sie auch auf Lesbos ankommen. Nach Kroatien haben wir schon zwei Tage nach dem Erdbeben heizbare Wohncontainer geschickt - eine schöne, wichtige Geste. Aber 50 Kilometer weiter nach Bosnien geht das nicht? Ich finde es unerträglich, dass man so tut, als würden diese armen Menschen im Schnee wie eine Seuche oder Landplage über uns herfallen und uns unseren Wohlstand wegnehmen. Das ist einfach menschenverachtend und die Corona-Zeit macht das Ganze noch schlimmer. Ich bin kein politischer Mensch und auch nie bei einer Partei gewesen. Aber vor zwei Jahren war ich mit 84 Jahren zum ersten Mal auf einer Menschenrechts-Demonstration in Linz. Ich mache mir echte Sorgen, dass wir vieles von dem Guten, was uns nach dem Krieg in Österreich groß gemacht hat, langsam wieder verlernen. Ich will meine triste Kindheit kein zweites Mal erleben!"


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