Familiäre Corona-Erfahrungen
Drei Wochen Home Office mal vier

Emotionale Nähe trotz Distanz:  Mit dem nötigen Sicherheitsabstand erobert Livia mit ihrer täglichen Vorführung auch in Corona-Zeiten das Herz von Oma und Opa.
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  • Emotionale Nähe trotz Distanz: Mit dem nötigen Sicherheitsabstand erobert Livia mit ihrer täglichen Vorführung auch in Corona-Zeiten das Herz von Oma und Opa.
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Familienleben und Job - 24/7 von daheim aus. Keiner von uns Österreichern hat es so bisher erlebt, wir alle mussten uns ab Mitte März damit arrangieren, für viele geht es wahrscheinlich auch noch nach Ostern weiter. Regionaut Eckhart Herbe aus St. Georgen/Gusen zieht eine Zwischenbilanz, wie es in seine Familie nach rund 25 Tagen Arbeit und Leben dicht an dicht steht.
ST.GEORGEN/GUSEN. Wir, das sind die 7-jährige Taferlklasslerin Livia, der 14-jährige Lorenz im letzten Jahr der örtlichen NMS, meine Frau Silvia als Juristin beim AK OÖ-Konsumentenschutz und ich, Kommunikationsmanager und freiwilliger Rotkreuzsanitäter, der wegen eines anstehenden Jobwechsels nach Ostern gerade noch Resturlaub abbaut und neben Rettungsfahren und Beiträge schreiben für die Bezirksrundschau Haushalt, Einkaufen und einige größere Renovierungsaktionen in Wohnung und Garten übernimmt. Dazu kommen meine Eltern, mit 75 und 80 zentrale Risikogruppe, nur durch die Gartenhecke von uns getrennt.
Seit 16. März sind wir nun alle wochentags daheim. Außerdem hätten wir noch einen Teenager aus der St. Georgener Partnerstadt Empoli für eine Woche beherbergen sollen. Dass der viele Jahren gepflegte Schüleraustausch heuer entfällt, ist angesichts der italienischen Tragödie wohl noch am leichtesten verschmerzbar.

Rechtsberatung im Gaming-Headset

Gleich zu Beginn haben wir uns darauf geeinigt, wie wir Lagerkoller vermeiden wollen. Und dass wir, wo es möglich ist, anderen Menschen helfen wollen. Livia möchte etwa ihre Großeltern trotz räumlicher Trennung mit kleinen Aufmerksamkeiten versorgen. Lorenz stellt großzügig seine Gaming-Ausrüstung zur Verfügung, um seiner Mutter unseren alten Laptop für den Schwall an coronabedingten Konsumentenanfragen hochzurüsten, die sie nun im Home Office per Telefon und Mail bearbeitet. Blinkende Tastatur und Turbomaus kombiniert mit stylischem Headset im Formel 1-Design sind zwar kein typisches Juristenequipment, aber unzählige Landsleute wissen Silvias Rat damit und ein paar einfühlsame Worte, - gerade den älteren Semestern besonders wichtig-, sehr zu schätzen. Vom Organisationsdrama einer abgesagten großen Hochzeit über Maturareisen in Schwebe bis zu existenziellen Sorgen einer plötzlich arbeitslos gewordenen Alleinerzieherin fehlt kaum etwas. Menschlich ist es oft fordernd, das merke ich meiner Frau deutlich an. Hut ab vor all diesen guten Geistern am Telefon, die tagtäglich in der AK und an vielen anderen dauerklingelnden Hotlines ihren Landsleuten mit ihrem Know-how beistehen!

Auch Helfer brauchen Rat

Ebensolcher Respekt gebührt meinen oft ungenannten Kollegen hinter den Kulissen beim Roten Kreuz. Kann ich mir als Freiwilliger zumindest Art, Ausmaß und Zeit meines Einsatzes aussuchen, so stehen unsere Beruflichen, Zivis, die diensthabenden Corona-Teams samt Fahrzeugen im Seuchenoutfit und der Krisenstab im Bezirk Perg, auf Landes- und Bundesebene momentan im Dauerstress. Ähnliches gilt auch für die Kolleginnen an der Gesundheits- und Sozialdienstfront. Sie alle sind nicht nur fachlich, sondern auch psychologisch und organisatorisch die Infoknoten für Patienten und Angehörige , aber auch für uns Ehrenamtliche. Ich merke trotz 34 Jahren eigener Erfahrung, wie sehr uns als Helfer die Krise verunsichert. Etwa dass wir die unsere Arbeit prägende menschliche Nähe und Zuwendung zu Patienten und im Kollegenkreis nun stark einschränken müssen. Oder ob wir die vielen Corona-Vorschriften korrekt umsetzen, um das Virus nicht auf die Dienststelle oder in die Familie einzuschleppen. All das braucht gute Kommunikation und konsequente Führung. Und genau das managen die dafür Verantwortlichen exzellent. Kompliment und ein dickes Danke dafür!

Schule daheim – ein Lernprozess

Unsere Kids gehen das Lernen von zuhause aus recht unterschiedlich an. Livia hat sich mit Elan auf die Arbeitsblätter ihrer Lehrerin gestürzt und das ganze Programm in Windeseile erledigt, um später frei zu haben. Neuerdings verschlingt sie trotz einiger noch nicht gelernter Buchstaben die drei ???-Bücher, die sie im Keller entdeckt hat. Außerdem hat sie regelmäßiges Programm für ihre Großeltern eingeplant: Ob „Vorlesungen“, liebevoll gemalte Bilder oder eine Hoola-Hoop –Vorführung: all das wird in sicherer Entfernung begeistert demonstriert. Ihr Bruder kämpft derweil mit den Wirrnissen eines Teenagerlebens, dem plötzlich ein Strukturelement namens Schule fehlt. Da konkurrieren Aufgaben, die sich in ausgeteilten Zetteln, Schulbüchern, gemailten Unterlagen oder auf Online-Plattformen befinden, mit aufpoppenden, verständlicherweise weit interessanteren Newsfeeds seiner abonnierten Social Media Kanäle. Es werden emotionale Diskussionen geführt, ob man früher schlafen gehen sollte, wenn morgens ein Chat mit den Lehrern ansteht oder ob wir verständnislose Eltern Handy und Laptop zwecks klösterlicher Fokussierung auf den Deutschaufsatz temporär einkassieren dürfen. Der Home-Office Schüler lernt auch, dass man 20 Megabyte Hausübung nicht auf einmal über Gmail senden sollte, wenn diese termingerecht ohne pädagogische Urgenz ankommen soll und dass ein Minimum an Ordnung im Jugendzimmer nützt. Unterm Strich läuft es aber auch hier ganz gut. Außerdem fungiert unser Junior als souveräner Ratgeber zu allem, womit Mama und Papa in der Digital-Kommunikation täglich kämpfen. Und er kümmert sich brav um seine kleine Schwester, damit die Eltern ihren täglichen „Vergiss Corona“ – Abendspaziergang machen können.

Tierischer Hausgenosse im Ausnahmezustand

Trost spendet unserem unfreiwilligen Corona-Büro auch Kater Jimmy, der schnurrend in der Laptoptasche seinen verlorenen Tagesschlaf nachholt. Der leidet nämlich durch die hochfrequentierte Wohnzimmercouch während unzähliger Sonder-ZiB´s empfindlich. Dafür ist Jimmy neuerdings nächtens umso aktiver. Einsperren bringt genauso wenig wie aussperren – man hört unseren Hausgenossen auch durch mehrere geschlossene Türen. „Unsere Kinder schlafen endlich durch, dafür nun der Kater nicht“, murmelt meine babyerfahrene Frau um vier Uhr morgens verschlafen, ehe ich den rotbraunen Quälgeist zu dessen Empörung in den kalten Garten verfrachte.

Zusammenwachsen – zusammen wachsen

Auch wenn vieles anders geworden ist und wir familiäre Nähe, Freunde, Kino und Veranstaltungen vermissen: Das verlangsamte Leben hat auch Vorteile. Wir haben in gut 25 Tagen trotz verordneter Distanz mit Nachbarn oder flüchtig Bekannten auf der Straße wahrscheinlich mehr und tiefsinniger geredet als in den letzten paar Jahren zusammen. Jeder ist über Alters- und Kulturgrenzen hinweg hilfsbereit und freundlich, Geduld und Wertschätzung, „Bitte“ und „Danke“ sind auf einmal en vogue. So kamen wir innerhalb eines halben Tages zu selbstgeschneiderten stylischen Mundmasken für uns alle, für allerlei Pflanzen gibt es regen Tauschhandel über den Gartenzaun hinweg. Der 5.45 Uhr Flieger, welcher täglich frühmorgens im Landeanflug auf Hörsching direkt vor unserem Schlafzimmerfenster rumorte, wurde durch Vogelgezwitscher ersetzt, die Kakophonie aus Alltagslärm und Verkehr ist einer Sonnenuntergangspastorale beim abendlichen Spaziergang gewichen, die Gusen schlängelt sich kristallklar durch St. Georgen.
Noch stehen uns viele weitere Tage bevor, bis unser Alltag wieder „normal“ wird. Manches davon sollten wir uns aber bewahren – eine ideale Chance für einen neuen Umgang untereinander. Wir haben es uns jedenfalls fest vorgenommen.

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