Polnischer Vorstoß
Kaufabsichten für frühere Gusener KZ-Areale sorgen für Skepsis

Der Steinbrecher, Todesort unzähliger Männer,Frauen und Kinder, steht unzugänglich inmitten von Schutt und Schrott auf einem Werksgelände.
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  • Der Steinbrecher, Todesort unzähliger Männer,Frauen und Kinder, steht unzugänglich inmitten von Schutt und Schrott auf einem Werksgelände.
  • hochgeladen von Eckhart Herbe

Die Ankündigung des polnischen Premierministers Mateusz Morawiecki, Überreste des ehemaligen Konzentrationslagers Gusen zu kaufen, um daraus "einen würdigen Ort des Gedenkens" zu schaffen, stößt auf Skepsis. An einem historisch hochsensiblen Platz in Österreich eine dann im Besitz einer anderen  Nation befindliche Gedenkstätte zu errichten, ist trotz sichtbar vorhandener Defizite schwer vorstellbar.

ST. GEORGEN - LANGENSTEIN. Daran ließ ein Statement von Mauthausen Memorial Direktorin Barbara Glück im ORF kein Zweifel. Es sei falsch, "dass es vor Ort nichts gäbe". Memorial und Krematorium Gusen mit Besucherzentrum und Ausstellung oder die vielen Aktivitäten beim  Bergkristall-Stollen  würden dies beweisen, auch wenn Gusen zweifellos noch aufgewertet werden müsse. Wenn, dann müsse die Republik Österreich entsprechende Grundstücke oder Gebäude kaufen, Gusen ein internationaler Gedenkort bleiben. Verkaufsabsichten einiger Eigentümer bestätigte ein Sprecher des Innenministeriums (BMI) gegenüber der Austria Presse Agentur (APA). Mögliche Zukunftsoptionen würden aktuell analysiert.

Heikle Gratwanderung

Fakt ist, dass im KZ Gusen und in der St. Georgener Stollenanlage besonders viele Polen ums Leben gekommen sind. Ebenso waren auch unzählige Italiener, Spanier, Franzosen und  Häftlinge viele anderer Nationen unter den Opfern. Die Überlebenden, ihre Angehörigen und daraus hervorgegangene Organisationen bewahrten die Erinnerung, als das offizielle Österreich noch lange nichts davon wissen wollte und es vorerst einzelnen Akivisten wie dem Gedenkdienstkomitee Gusen überlassen blieb, diesen Ort nicht  in Vergessenheit geraten zu lassen. Tatsache ist auch, dass sich Polen sehr aktiv  in Gusen und St. Georgen einbringt. So wurden etwa die mehrsprachigen Gedenktafeln am Bergkristall-Stolleneingang finanziert,  große Jugendabordnungen und hohe Regierungsvertreter sind bei den Befreiungsfeiern stets in vorderster Reihe dabei. Oft wird deutliche Kritik an der aus Sicht Polens unbefriedigenden Situation vor Ort geübt. Man legt hier den Finger auf eine offene Wunde. War und ist doch Gusen in vielen Zonen des ehemaligen Lagers immer noch der vernachlässigte Hinterhof im Vergleich zur offiziellen, international bekannten KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Desolate Baracken mit überquellen Müllcontainern, Schutthaufen am Appellplatz, der große Steinbrecher, qualvoller Todesort tausender Häftlinge, als Ruine mitten auf einem nicht zugänglichen Werksgelände. Themen, die immer wieder von internationalen Besuchern, aber auch vom Gedenkdienstkomitee Gusen kritisiert wurden und werden (die Rundschau berichtete).

Polnischer Regierungskurs umstritten

Fakt ist aber auch, dass  sich der aktuelle Kurs von Polens rechtskonservativer Regierung mit nationaler und internationaler Kritik und einem Vertragsverletzungsverfahren der EU konfrontiert sieht. Schwächung von Rechtsstaat, Medienfreiheit und Gewaltenteilung gepaart mit Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus stehen europäischen und humanitären Werten entgegen. Umstritten ist auch ein Gesetz, das es etwa Journalisten oder Lehrpersonal massiv erschwert und es teils sogar unter Strafe stellt,  die Mitverantwortung eigener Landsleute an Verbrechen während der NS-Besatzungszeit  kritisch zu hinterfragen und darzustellen. Die ausschließliche Opferrolle - bis Mitte der 1980er Jahre auch in Österreich vielerorts bequem praktiziertes  Geschichtsverständnis - stößt auch in vielen Gesprächen mit Zeitzeugen und vor allem bei den jungen polnischen Besuchern in Diskussionen bei den Gedenkfeiern oder beim Menschenrechtesymposien auf wenig Verständnis. Sie fürchten um die Glaubwürdigkeit ihres Heimatlandes und eine einseitige Vereinnahmung des Gedenkanliegens.

Aktive Beziehungsarbeit fördert Verständnis

Umso wichtiger sind direkte Kontakte und wechselseitige Einblicke auf Werte, Sichtweisen und Selbstverständnis des jeweils andere Landes, um sich nicht in eine Endlosschleife wechselseitig hochgerechneter  Schuld und Gegenschuld und Verantwortungszuweisungen zu Themen von damals und heute zu verstricken. Vorbildlich ist etwa der kürzlich gestartete  Kontaktaufbau der Bewusstseinsregion mit einer ähnlichen Initiative in der Region um das in Südostpolen gelegene, während der Besetzung im Zweiten Weltkrieges vom NS-Regime eingerichtete und betriebene KZ-Lager Sobibor. Über gemeinsame Projekte soll sukzessive eine Vernetzung entstehen, die eine zeitgemäße, wertschätzende und partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe  ermöglicht. 
In Gusen wird wohl eine klar geregelte Kooperation aller proaktiven nationalen und internationalen Akteure und ein zeitnaher Lösungsvorschlag der Republik Österreich  für die Zukunft der betroffenen Areale wohl am besten helfen, auch aus diesem Ort für alle einen würdigen Platz unserer Geschichte zu machen.

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