Hohes Interesse an Bürgerbeteiligung
L(i)ebenswertes St. Georgen vereint und polarisiert zugleich

Lösungssuche "vor Ort": Die seit Jahren leerstehende, ehemalige Billa-Filiale bot ein authentisches Ambiente für eines der Schwerpunktthemen "Wiederbelebung des Zentrums".
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  • Lösungssuche "vor Ort": Die seit Jahren leerstehende, ehemalige Billa-Filiale bot ein authentisches Ambiente für eines der Schwerpunktthemen "Wiederbelebung des Zentrums".
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Über 200 Interessierte, unzählige Ideen, aber auch auch einige fast unverrückbare Hemmnisse und Meinungspolaritäten: Das ambitionierte Bürgerbeteiligungsprojekt "Gemeinsam St. Georgen Gestalten" bringt frischen Wind aus vielen Richtungen  in das Gemeindeleben. Am 24. September wurde bei der Ergebnispräsentation der überparteilichen Beteiligungswoche ein erstes Resümee gezogen.
ST.GEORGEN/G. Die Location ist bewusst gewählt: Anstatt des Gemeinderatssitzungssaals bildet die alte Billa-Filiale, seit  vielen Jahren eine optisch schmerzende Wunde am Marktplatz, das Ambiente für einen mehr als dreistündigen Bürgerdialog. "Jeden Quadratmeter in St. Georgen gibt`  s nur einmal, er ist einzigartig. Und das ist unser gemeinsamer Auftrag, Visionen und daraus reale Lösungen zu schaffen, die unseren Ort einzigartig machen oder ihm diese Eigenschaft zurückgeben!"  Die beiden erfahrenen Projektbegleiter, die Architekten und Ortsentwickler Gerhard Dollnig und Richard Steger bringen gut auf den Punkt , was das Ziel der Beteiligungswoche vom 18. bis 24. September war und was folgen wird.

Positive Konfliktkultur für vier Schwerpunkte

Miteinander leben, lokale Arbeit und Versorgung, zukunftsfähige Mobilität und vor allem die Rückeroberung eines lebenswerten Ortszentrums sind die Schwerpunkte. In den Grundzügen besteht breiter Konsens: "Zentraler Erfolgsfaktor ist eine nachhaltige, positive Konfliktkultur, die Offenheit, sich auch auf persönliche Veränderungen einzulassen und aktiv selbst anzupacken, anstatt nur zu delegieren. Neue Lokale, Geschäfte und Veranstaltungen, die sich fast alle im Zentrum wünschen, benötigen Pioniere,  die sich drüber trauen, Politiker und Behörden, die sie dabei unterstützen und Konsumenten, welche dann ihr Angebot nutzen. Gleichzeitig muss die Lebensqualität der Anrainer geschützt werden.  Weniger Autoverkehr im Zentrum heißt, die Parkflächen in 200 Meter Entfernung und nicht jene direkt am Marktplatz anzusteuern. Erst so schaffen wir überhaut Möglichkeiten, den Ortskern wieder lebenswert zu machen!"

Mühlstein am Hals: Leerstände am Marktplatz

Die Meinung der St. Georgener Bevölkerung ist eindeutig: Fast alle wollen ein attraktives Zentrum, finden dieses derzeit aber deprimierend, laut und langweilig. Der schon ewig leerstehende frühere Billa, der abgewohnte Block der ehemaligen Raika bzw. Gendarmerie gegenüber, seit Jahren Spekulationsobjekt seiner Eigentümer, das alte Kino. Für das Elektrogeschäft Gerstmaier gibt es nach der absehbaren Pensionierung des Besitzers keinen Nachfolger, düster sieht es auch bei weiteren Zentrumsgeschäften aus. "Ein einziger Leerstand kostet die Gemeinde jährlich 3.500 bis 5.000 Euro. Die Standortqualität sinkt, weniger Kunden kommen, weitere Geschäfte machen zu, die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller", rechnen die Experten vor. Ihr Appell: "Einzelkämpfer in Einzelobjekten werden es nicht schaffen. Es braucht ein gemeinsames, integratives Paket aus Wohlfühlfaktoren für die Bevölkerung, sinnvoller Vernetzung und Kooperation der Betriebe, seitens der Gemeinde pragmatische Unterstützung als Behörde, bei der Finanzierung und der Gestaltung einer attraktiven Umgebung. Eine Positivspirale, wo eines das andere befeuert. Und das schnell!"

Schwierige Praxisumsetzung 

So müsse die Gemeindeverwaltung Expertise aufbauen, etwa im Wissen um Besitzverhältnisse, Ausstattung und Potentiale freier Leerstände, verbunden mit eigenen Unterstützungspaketen, um rasche Anreize zu setzen. Wie schwierig das in der Praxis ist, zeigt sich in der Diskussion. Für das Billa-Areal gibt es mehrere Ideen, von einem permanenten Hofladen-Markt über ein Kochstudio bis zu einer Bibliothek oder Kleinwerkstätten. Es fehlt aber eine Heizung. "Wir möchten ein Gesamtkonzept umsetzen, welches das desolate Gebäude gegenüber am Marktplatz mit einbezieht, das wir aber noch nicht besitzen. Bis dahin werden wir nichts in künftige Abrissobjekte investieren, wollen Spekulation hintanhalten", argumentiert Bürgermeister Erich Wahl. "Ich kann aber nicht fünf Jahre warten, bis ihr so weit seid", meint eine potentielle Geschäftsfrau völlig zurecht. Auffällig: Unter den Interessenten, die sich einen eigenen Betrieb im Zentrum vorstellen könnten, sind acht Frauen, nur drei Männer. Generell vermissen vor allem die St. Georgenerinnen Cafe, Eisdiele, eine Bibliothek und andere familiengeeignete Treffpunkte am Platz. Von ihnen kam der Großteil der Inputs in diesem Bereich.

Geh- und Radwegring gegen Autoflut

Bei den Öffis ist St. Georgen Mustergemeinde. Schlecht schaut es aber beim Individualverkehr aus. 8.000 tägliche Autos rauschen durch den Ort, eine lokale Umfahrung ist in den nächsten Jahrzehnten unrealistisch; weder finanziell noch räumlich.
Interessante Vision: Ein geschlossener Ring attraktiver Geh- und Radwege in unmittelbarer Zentrumsnähe mit Speichen direkt auf den Marktplatz und in alle St. Georgener Wohngebiete. Er soll Fußgänger und Radler abseits von der lauten und gefährlichen Durchzugstraße schnell und sicher ins Zentrum führen.  Alles, was an lokalem Autoverkehr vermeidbar ist, wird gefördert, die Durchfahrt Externer soll verlangsamt und unattraktiv gemacht werden. Daher bleiben etwa die Bushaltestellen ohne Bucht am Marktplatz. "Haltebuchten rauben viel Gestaltungsfläche und steigern die Gefahr durch vorbeifahrende Autos. Hält der Bus nicht am Platz, dann haben viele St. Georgener keinen täglichen Grund mehr, ihr Zentrum zu besuchen. Das wäre kontraproduktiv für dessen positive Belebung", so der Rat des Verkehrsplaners. Eine 20km/h -Begegnungszone lässt sich im Bereich der Durchzugsstraße rechtlich nicht machen, am Rest des Platzes aber schon. Bäume, Pergolas mit Pflanzentrögen und optisch gestalteter Dämmbelag als Abgrenzung, Lärm- und Sichtschutz zur Fahrbahn und gleichzeitige Designelemente am Marktplatz hätten Potential, brauchen aber neben den Ideen der Bürger Experten Know-how zur Umsetzung.

Kontrovers: Zuzug und Zentrumsverdichtung

Völlig einig sind sich die St. Georgener bei ihren Ansichten zum Wohnen im Ort: Kein weiterer Zuzug, Stopp dem hemmungslosen Flächenverbrauch, Attraktivierung leerer Wohnungen im Zentrum statt neuer Wohnblocks. Letztere sind im Empfinden der meisten in den vergangenen Jahren wie die Schwammerl aus dem Boden geschossen. "Wenn wir das Zentrum beleben wollen, dann muss es gerade  beim Wohnen verdichtet  werden, anstatt Einfamilienhäuser an der Peripherie zu bauen", so das Credo von SPÖ und Teilen der ÖVP.  "Muss es dann aber derartig hässliche Betonarchitektur sein?", spricht Grünen-Fraktionsobfrau Renate de Kruijff aus, was die Mehrzahl der Bürger ähnlich sieht und in der Aktionswoche vielfach artikuliert hat: Man präferiert kleinere Wohnparks mit baumbestandenen Wegen und Grünflächen, nachhaltigen Holzbau und Begegnungszonen mit den Nachbarn. "Würde ich mir auch wünschen, aber die Förderkriterien für sozialen Wohnbau geben das nicht her, die Kosten für diese Wünsche wären um ein Viertel höher", spielt Bürgermeister Erich Wahl den Ball ans Land OÖ weiter. Kleinere Maßnahmen wie Gründächer, Fassadenbegrünung und weitere Baumpflanzungen durch die Gemeinde sollen die Optik verbessern helfen, so recht überzeugt sind einige Diskutanten trotzdem nicht.

Knackpunkt: Wie geht es weiter?

Nach fast dreieinhalb Stunden geht die Bürgerversammlung zu Ende. Sie bot eine erste Bilanz unzähliger Ideen, Analysen und Projektvorschlägen von über 200 Teilnehmern und einer Schulklasse. Nun muss daraus aber etwas wachsen. Florian Bachinger, Vereinsobmann von "Li(e)ebenswertes St. Georgen", und einer der zentralen Knoten dieses Beteiligungsprojektes, formuliert einen leidenschaftlichen Abschlussappell: " Wir sind gerade erst gestartet. Jetzt brauchen wir jedes Hirn, jede Hand, jedes Quäntchen Expertise, jede Minute Zeit. Das ist kein Projekt der Gemeinde oder des Vereins - das ist eine Zukunftsinitiative für euer St. Georgen. Eure Ideen brauchen euch und Eure Energie: Machen wir aus vielen Visionen reale tolle Ergebnisse für unseren gemeinsamen Heimatort!"
Die nächsten Schritte für die Phase zwei werden in den kommenden Wochen konkretisiert.

Abschlussbericht der Beteiligungswoche und alle aktuellen News:
https://www.gemeinsam-stgeorgen-gestalten.com/

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