Experten fordern Versachlichung
Stollensystem Bergkristall: Spannende Diskussion, viele Fragen bleiben

Einblick in einen unterirdischen Giganten: Tunnelexperte Martin Scheiber erklärte die Sicherung von 8 Kilometern Stollen.
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Zwei Tage zuvor hatte der Wartberger Filmemacher Andreas Sulzer 250 Interessierten in seiner Heimatgemeinde seine neuesten Erkenntnisse präsentiert. Am 24. Oktober ging dazu im St. Georgener Aktivpark4222 eine weitere, diesmal mit staatlichen und lokalen Historikern, Behörden- und Gemeindevertretern prominent besetzte Infoveranstaltung mit rund 120 Besuchern über die Bühne. Kein Gegenevent, sondern sachliche Ergänzung, wie alle Beteiligten unisono betonten.

ST.GEORGEN/GUSEN. Über Jahrzehnte wurde verdrängt und vergessen, seit einigen Jahren ist es weit über die Region hinaus Dauerbrenner: Das KZ Gusen II und das riesige Stollensystem Bergkristall, in dem die Häftlinge unterhalb von St. Georgen Düsenflugzeuge produzierten, geraten fast zyklisch in die Schlagzeilen. Gibt es noch unerforschte Teile, wurde gar Raketen- oder Atomforschung betrieben? Liegen Altlasten unter heute weitläufig bebautem Gebiet? Recherchen des Filmemachers Andreas Sulzer, der immer wieder neues Material aus internationalen Archiven -  in einigen Aspekten spekulativ - in TV-Dokumentationen im ZDF verarbeitet, polarisierten erst vor einigen Wochen wieder einmal kräftig. In der Vergangenheit kamen dazu fast reflexartig meist abschätzige Dementis von staatlichen und behördlichen Stellen und deren Experten, die Sulzers Dokus als unwissenschaftlich und mit ihren eigenen Ergebnissen unvereinbar erklärten.
Ein weiteres wichtiges Fragment des Wissens bildet die umfangreiche, international respektierte Arbeit lokaler Experten wie Anton Haunschmied und Martha Gammer vom Gedenkdienstkomitee Gusen. Für ihr jahrzehntelanges Engagement wird ihnen vom offiziellen Österreich erst allmählich die verdiente Würdigung entgegengebracht.  Gusen und Bergkristall zeigten auch an diesem Abend die Ochsentour ernsthafter Geschichtsaufarbeitung. Man muss allen Beteiligten lobend attestieren, an diesem Abend trotz verschiedener Zugänge viel an Information und Diskussionskultur sehr positiv vermittelt zu haben.

"Lassen wir uns nicht verrückt machen"

Man wolle unaufgeregt und sachlich das auf den Tisch legen, was man aktuell wisse, betonten DDr. Barbara Glück (Direktorin KZ Gedenkstätte Mauthausen), Univ.-Prof. Dr. Bertrand Perz (Universität Wien Wien, Institut f. Zeitgeschichte), Dr. Christian Dürr (Kurator KZ Gedenkstätte Mauthausen) und DI Martin Scheiber (für die Bundesimmobiliengesellschaft BIG) gemeinsam mit  Martha Gammer (Gedenkdienstkomitee Gusen) und den Bürgermeistern Erich Wahl (St. Georgen) und Christian Aufreiter (Langenstein). Das wünsche man sich auch von Andreas Sulzer und dem ZDF, man komme sich in dieser Hinsicht nun langsam näher. Aus journalistischer Sicht nach Widersprüchen zu suchen sei legitim, müsse dann aber auch haltbar untermauert werden. Sulzer sei  dazu eingeladen, seine Erkenntnisse auf Augenhöhe in die Forschung einzubringen. Dass die aktuell gezeigten Luftaufnahmen angeblicher Lüftungsschächte im Süden von Gusen definitiv auf kein unterirdisches KZ hindeuten, war angesichts von Schotterboden und Grundwasser in nur zwei Metern Tiefe auch Laien klar. Die Experten tippen eher auf Stellungen für Schützen der Wachmannschaft.

Geschichtsbewusstsein mehr als nur Wissenschaft 

Christoph Freudenthaler von der Pfarrplattform Johann Gruber mahnte generell in Richtung der Wissenschaftler, dass Aufarbeitung nicht heißen könne " Gebt uns was ihr habt und wir sagen euch dann, wie ihr darüber denken sollt".  Bautechnik und kühle Wissenschaft hätten bei der Stollensanierung die Spuren der tausenden menschlichen Schicksale vernichtet, wurde in weiteren Wortmeldungen der Besucher angemerkt. "Vor knapp zwanzig Jahren stand zuallererst die Sicherung der einsturzgefährdeten Anlage im Fokus, oft war Verfüllen die einzige Möglichkeit. Unsere  Arbeiter wären vielerorts akuter Lebensgefahr ausgesetzt gewesen, ich konnte sie da nicht reinschicken. Was zu bergen war, haben wir rausgeholt", so der damalige Bauleiter, Tunnelexperte Martin Scheiber. 1,8 Kilometer von rund 8 Kilometern der 8 Haupt- und 16 Quergänge mit 45.000 erforschten Quadratmetern seien aktuell begehbar.

"Hohe Strahlenwerte haben natürliche Ursache"

Thema war auch die hohe Radonbelastung, die aus Expertensicht im Granit natürlich entsteht. Aktueller Grenzwert für einen Arbeitsplatz sind aktuell 400 Bequerel pro Kubikmeter, bei Stollenführungen nach ausgiebigem Auslüften würden etwa 30 bis100 gemessen. Ohne Lüftung reichert sich die Luft auf 2.000 bis 3.000, in den hintersten Winkeln sogar bis 10.000 Bequerel pro Kubikmeter an - obwohl das gesamte Stollensystem in Sandstein liegt und nur an einer Stelle an Granitgestein stößt. Ganz überzeugte diese Erklärung die Skeptiker nicht.

Staatliche Ignoranz über 50 Jahre 

Martin Scheiber und Martha Gammer beschrieben die heutzutage völlig unverständliche Ignoranz staatlicher Behörden, welche fast bis zur Jahrtausendwende einen lokalen Sandwerksbesitzer große Teile der Anlage,  die in mehreren Ganglagen übereinander verlief, systematisch zerstören ließen. Oder auch die Gleichgültigkeit vieler Einheimischer. "Wir hatten gerade einen Schacht untersucht, waren kurz weg und fanden ihn dann halb mit Ziegelbruch zugeschüttet. Ein Bauer  kam mit der nächsten Fuhre und hat uns erklärt, dass man das hier schon immer so mache . Wo ein Loch sei oder was einbreche, das fülle man eben mit Mist auf", erinnert sich Scheiber.

Appell an gemeinsames Bewusstsein

Die Bewusstseinsregion und die Aktivitäten aller darin aktiven Institutionen, Gemeinden und Einzelpersonen sei unverzichtbar, wolle man aktuellen und künftigen Generationen verantwortungsvolles, gemeinsames und humanitäres Handeln und das nötige Wissen dazu vermitteln, apellierte Bgm. Erich Wahl abschließend.  Dass etwa beim Vortrag in Wartberg,  nur 15km entfernt, die Mehrzahl der Besucher die Stollen in St. Georgen nicht einmal gekannt hätten, oder selbst hohe Landespolitiker nur rudimentär darüber Bescheid wüssten, sei Anlass genug, die Anstrengungen zu verstärken. Nächster Schwerpunkt dazu wird das viertägige Menschenrechtssymposium ab 7. November in St. Georgen, Langenstein und Mauthausen sein.

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