29.06.2017, 16:50 Uhr

„Der Fall Gruber“ berührte im Linzer Mariendom

Franz Froschauer als Johann Gruber im historisch einigartigen Ambiente des Linzer Mariendoms. (Foto: Bernhard Mühleder)

Bis auf den letzten Platz ausverkauft war die Uraufführung des Theaterstücks „Der Fall Gruber“ von Thomas Baum am 24. Juni 2017. Die Bühne: der leergräumte Altarraum des Linzer Mariendoms. Mehr als 400 BesucherInnen erlebten eine bewegende Inszenierung von Franz Froschauer, der mit seiner Darstellung von Johann Gruber tief beeindruckte.

LINZ, ST. GEORGEN AN DER GUSEN. Die Lebensgeschichte des Priesters und Reformpädagogen Johann Gruber, die von folgenreichen Konflikten mit den Obrigkeiten gekennzeichnet war und tragisch im KZ Gusen endete, wurde als Theaterstück „Der Fall Gruber“ am 24. und 25. Juni 2017 im Linzer Mariendom auf die Bühne gebracht – und war restlos ausverkauft.

Bedeutender Widerstandskämpfer Österreichs – im KZ Gusen ermordet

Johann Gruber zählt zu den bedeutendsten Widerstandskämpfern Österreichs. Er war Priester der Diözese Linz und ein engagierter Reformpädagoge des Landes Oberösterreich. Als Direktor der Linzer Blindenanstalt wurde er am 10. Mai 1938 wegen seiner Ablehnung des Nationalsozialismus und eines angeblichen Sittlichkeitsdelikts von der Gestapo verhaftet. 1939 wurde er verurteilt, kam ins Konzentrationslager Dachau und wurde schließlich 1940 ins Konzentrationslager Gusen überstellt. Dort wurde er am Karfreitag, 7. April 1944 von Lagerkommandant Seidler nach tagelanger Folter grausam ermordet.

Johann Gruber war eine herausragende Persönlichkeit, die von den Überlebenden als „Engel in der Hölle“ von Gusen verehrt wird und nach Schilderung der Häftlinge vielen Kameraden das Leben rettete. In der Nachkriegszeit geriet Gruber weitgehend in Vergessenheit. Erst am 7. Jänner 2016 wurde Dr. Johann Gruber vom Strafgericht Wien vollständig rehabilitiert. Für die überlebenden Häftlinge und für die in der Gedenkarbeit Engagierten gilt Dr. Johann Gruber als Heiliger und als Schutzpatron der Solidarität.

Facettenreiche Persönlichkeit Grubers auf der sakralen Bühne

Außergewöhnlicher Spielort ist der Linzer Mariendom, dessen Altarraum wegen der Innenraum-Neugestaltung derzeit leergeräumt ist. Vor dieser beeindruckenden Kulisse entfaltete sich das von Thomas Baum verfasste Theaterstück. In drei durch die Musik von Peter Androsch angedeuteten Akten wurden drei Lebensstationen von Johann Gruber lebendig: seine Tätigkeit am Blindeninstitut, der Prozess in der NS-Zeit und die Inhaftierung im KZ Gusen. Für die Dramaturgie zeichnet Franz Huber verantwortlich.

Tief berührend

Der Hauptdarsteller Franz Froschauer, der auch für die Regie verantwortlich ist, gestaltet die Figur des Johann Gruber auf eine subtile, leidenschaftliche und facettenreiche Weise, die tiefe Berührtheit hinterlässt. Das Stück wird wesentlich von Froschauers herausragenden schauspielerischen Leistung getragen. So gräbt sich etwa die Szene, in der Gruber als Leiter der Linzer Blindenanstalt ein zauderndes blindes Mädchen liebevoll dazu ermutigt, seine Schritte durch eine zwischen Mädchen- und Bubentrakt geöffnete Tür zu setzen, tief im Gedächtnis der ZuschauerInnen ein. Besonders berührend und beklemmend: die Szene, in der Gruber im Todeskampf ausdrucksstark ein Zwiegespräch mit Gott führt.

Der restlos ausverkauften Premiere wohnten zahlreiche Ehrengäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft bei, darunter Bischof em. Dr. Maximilian Aichern, Domdechant Mag. Maximilian Mittendorfer, Landeshauptmann a. D. Dr. Josef Pühringer, Landesrätin Birgit Gerstorfer und Landesrat Rudi Anschober sowie Dr. Friedrich Forsthuber, Präsident des Landesgerichtes für Strafsachen in Wien, und der wissenschaftliche Leiter des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes Mag. Dr. Gerhard Baumgartner. Forsthubers Wunsch: „Dieses Stück sollte in Wien zur Aufführung gebracht werden!“ Wie beeindruckt die über 400 BesucherInnen waren, brachten sie am Ende des Stücks nach kurzer Stille mit minutenlangen Standing Ovations zum Ausdruck.

Landeshauptmann außer Dienst Josef Pühringer begeistert

Auch Landeshauptmann a. D. Josef Pühringer zeigte sich begeistert: „Dem Autor ist es hervorragend gelungen, die Sache auf den Punkt zu bringen: Einerseits wurde die Brutalität des NS-Regimes veranschaulicht, vor der auch Institutionen schwach geworden sind, andererseits wurde beeindruckend dargestellt, dass es auch Querköpfe gegeben hat, die sich um keinen Preis mit dem System arrangiert haben. Ein herausragendes Stück und eine hervorragende schauspielerische Leistung in einem einzigartigen Ambiente.“

Vom Verein "Plattform Johann Gruber" in St. Georgen/Gusen in Auftrag gegeben

In Auftrag gegeben wurde das Theaterstück vom Verein „Plattform Johann Gruber“ und vom Papa-Gruber-Kreis in St. Georgen an der Gusen. Dr. Christoph Freudenthaler, Vorsitzender der „Plattform Johann Gruber“: „In der großartigen und einzigartigen Kulisse des Linzer Mariendoms konnten die BesucherInnen durch die herausragenden schauspielerischen Leistungen insbesondere von Franz Froschauer den Weg Grubers innerlich mitgehen. Ob die Mauern des Linzer Mariendoms ein Gedächtnis haben und die Begebenheiten ihre Spuren hinterlassen? Diese Frage wurde am Beginn des Theaterstückes gestellt. Johann Gruber kehrte mit dieser Aufführung symbolisch an den zentralen Ort seiner Diözese zurück, in den Mariendom, wo er 1913 zum Priester geweiht wurde – auch damals war der Dom übrigens eine Baustelle. Für die Diözese Linz war es ein historischer Abend und ein historischer Meilenstein in der selbstreflexiven Auseinandersetzung mit der vielschichtigen Rolle der Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus. Möge dieses Theaterstück an möglichst vielen Orten Österreichs zur Aufführung gelangen!“

Gebanntes Publikum, hervorragende schauspielerische Leistung

Franz Froschauer hat sich intensiv mit der Person Johann Gruber beschäftigt und ihn in der Darstellung bei der Premiere in seiner Emotionalität verinnerlicht. Froschauer zur Urafführung: „Es war für mich sehr ergreifend, im Linzer Mariendom das Stück zur Aufführung zu bringen. Die gebannte Aufmerksamkeit der BesucherInnen war während der gesamten Vorstellung spürbar und für mich als Schauspieler tragend. Wenn das Publikum so lange stehend applaudiert, dann berührt das nach so einem Theaterabend emotional natürlich besonders stark.“ Der Schauspieler ist beeindruckt von der Persönlichkeit Johann Gruber: „Gruber hat sich ein Leben lang für Schwächere und Benachteiligte eingesetzt. Mit seiner unbequemen Kritik hat er die Keule der Systeme mit voller Wucht zu spüren bekommen, die ihn mundtot machen wollten“, so Froschauer. Für ihn ist der Schlüsselsatz Grubers im Stück: „Mit dem Herzen bin ich bei den Menschen, mit dem Kopf bei der Zukunft, beim Reformieren.“


Die NebendarstellerInnen schlüpfen in unterschiedliche Rollen: Handlungen werden im Zeitraffer erzählt und kommentiert. Hervorzuheben ist die einfühlsame Darstellung des blinden Mädchens durch die 15-jährige Anna Valentina Lebeda.

Andreas Puehringer wechselt gekonnt professionell zwischen den Rollen als psychisch kranker, Gruber diffamierender Josef Baumgartner, Verteidiger Ludwig Prammer und als französischer Häftling Père Jacques.

Katharina Bigus stellt als Schwester Virgina Grubers Gegenüber in der Blindenanstalt dar und wird seine Verbündete als Grubers Schwester Katharina.
In der Schlussszene wird durch eingespielte Statements von Bischof em. Maximilian Aichern und Bischof Manfred Scheuer sowie durch die im Chor der SchauspielerInnen dargebrachte Urteilsaufhebung die Rezeptionsgeschichte Grubers dem Publikum eindrucksvoll dargebracht.

Bischof Scheuer: „Erinnerung an Johann Gruber ist auch Anfrage an die Kirche“

Bischof Dr. Manfred Scheuer besuchte die zweite Vorstellung am Sonntag, 25. Juni 2017. Scheuer im Programmheft zum Theaterstück: „'Der Fall Gruber' dient einer Kultur der Erinnerung. Wir erinnern uns an Johann Gruber als ein Opfer des Nationalsozialismus, aber auch ein Opfer der innerkirchlichen Umstände jener Zeit. Wir wollen nicht, dass er Opfer eines Vergessens wird. Es ist vielmehr unsere Pflicht, die Erinnerung an ihn, an das, wofür er einstand, wofür er schlussendlich ermordet wurde, wachzuhalten. Es ist notwendig zu analysieren, wie und warum geschah, was geschehen ist. Geschieht das nicht, bleibt Erinnerung ein frommes Ritual. Was unaufgeklärt bleibt, droht mit Wiederholung. Das Gedenken ist letztlich auch eine Mahnung wider die Verrohung und den Rückfall in die Barbarei. Die Erinnerung an Johann Gruber schließt eine Anfrage an die Kirche mit ein, wie sie es innerhalb ihrer selbst mit Rivalitäten und Konflikten hält.“ Der Dom, die Bischofskirche der Diözese Linz, sei daher ein angemessener Ort für die Inszenierung dieses Theaterstückes, denn: „In der konkreten Wirklichkeit von Kirche gibt es nach wie vor gestörte, zerstörende und zerstörte Beziehungen, Behinderungen, Belastungen, Kränkungen, Machtverhältnisse im Miteinander. Die Kirche muss die Spiritualität der Gemeinschaft immer neu entdecken und fördern. In der Beschäftigung mit Johann Gruber und seinem Glaubenszeugnis kann sie dazu eine prägende Orientierungshilfe finden.“

„Der Fall Gruber“ geht auf Tournee durch Oberösterreich

Das Theaterstück wurde speziell für Kirchen als Spielort konzipiert. Nach den Erstaufführungen im Linzer Mariendom wird „Der Fall Gruber“ ab Herbst 2017 auf Tournee gehen und kann für Kirchen in OÖ gebucht werden. Termine in Vöcklabruck (21. September), Schwanenstadt (22. Oktober) und St. Georgen an der Gusen (9. November) sind bereits fixiert.
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