02.11.2017, 11:22 Uhr

Warum es keine Metzger und Fleischhacker gibt

Dieter Kremer, Dietlinde Kremer, Karl Hohensinner
GREIN, LEIPZIG. „Ich glaube, die Leute haben bei uns auch geschaut, dass sie manche Namen erst gar nicht bekommen oder gleich wieder loswerden. Stell Dir vor, du gehst wo und es schreit einer 'He, Fleischhacker!' Und in Wirklichkeit bist du Arzt oder Apotheker! Wie schaut das aus?“, meint Karl Hohensinner.

Der Ruf der Universität Leipzig als namenkundliches Zentrum ist weltbekannt. Jetzt trafen sich Experten aus Deutschland, Schweiz, Polen, Russland, Lettland, Schweden, Finnland und Österreich zur internationalen Tagung „Namen und Berufe“. Als Repräsentant der österreichischen Familiennamen-Forschung nahm Karl Hohensinner aus Grein teil.

In seinem international viel beachteten Referat präsentierte Karl Hohensinner nach einer neuen Methode geografische Verteilungskarten von Familiennamen. Es zeigt sich, dass in Deutschland wesentlich andere Familiennamen häufig und üblich sind als in Österreich. Im hochdeutschen Sprachbereich wurden vielfach Berufsbezeichnungen als Familiennamen herangezogen. So heißen in Deutschland um ein Vielfaches mehr Personen Müller, Schmied, Schneider, Schulze, Metzger und Köhler.

Karl Hohensinner: „Der Name Müller ist in Österreich im Vergleich zu Deutschland selten. Der Familienname Müller stammt von der Berufsbezeichnung Müller. Bei uns in Österreich geht es bei Familiennamen oft um den Wohnort und nicht um den Beruf. Der häufigste österreichische Familienname ist Gruber.
Im Österreichischen Donauraum wurde bei der Familiennamengebung um 1600 versucht, möglichst genau eine Art Wohnortsangabe ähnlich einer Adresse zur Familiennamenbildung heranzuziehen. Sehr oft findet sich als Ursprung eines Familiennamens ein mittelalterlicher Hofname, wie bei Rafetseder, Lumetsberger, Leonhardsberger, Steiner, Großebner, Oberklammer. In Österreich werden von den Ortsbezeichnungen Nußbaummühle, Bruckmühle, Kloibmühle die Namen Nussbaummüller, Bruckmüller und Kloibmüller abgeleitet.

Nur in seltenen Fällen wurden im österreichischen Donauraum aus Berufsbezeichnungen Familiennamen gebildet. Berufe die mit Fleisch zu tun haben, kommen bei unds nahezu nicht vor, obwohl es viele Archivtexte von 1400 bis 1800 gibt, die das Fleischhacker-Gewerbe regeln. Im Innviertel ist das Dialektwort dafür Metzger, ansonsten Fleischhacker. „Ich glaube, die Leute haben bei uns auch geschaut, dass sie manche Namen erst gar nicht bekommen oder gleich wieder loswerden. Stell Dir vor, du gehst wo und es schreit einer "He, Fleischhacker!“. Und in Wirklichkeit bist Du Arzt oder Apotheker! Wie schaut das aus?“, meint Karl Hohensinner

Die Tagung wurde von der "Deutschen Gesellschaft für Namenforschung" abgehalten. Eröffnet wurde die Tagung von Dieter Kremer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung. Einführende Worte brachte Dietlind Kremer, Leiterin der Namenberatung Leipzig. Die Referate werden im Frühjahr 2018 gedruckt als umfangreicher Sammelband erscheinen.

Karl Hohensinner: Als Repräsentant der österreichischen Familiennamen-Forschung nahm Karl Hohensinner aus Grein teil. Er ist durch die Forschungsprojekte Ortsnamenbuch des Landes Oberösterreich und Oberösterreichischer Familiennamenatlas bekannt und Gründungsmitglied der Institution VESNA (Vereinigung zur Wissenschaftlichen Namenforschung in Österreich).

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Namenkundliches Zentrum der Universität Leipzig 
Deutsche Gesellschaft für Namenforschung
http://research.uni-leipzig.de/namenforschung/

Internationale wissenschaftliche Tagung
Namen und Berufe, Leipzig 22017  

Universität Leipzig, Neuer Senatssaal, Ritterstr. 26


Programmübersicht
Freitag
9.30 Eröffnung
9.45 Dieter KREMER (Trier/Leipzig)
Namen und Berufe – Berufe und Namen
Kaffeepause
11.00 Rosa KOHLHEIM (Bayreuth)
Beinamen nach dem Beruf als Quelle des mittelhochdeutschen Wortschatzes
11.30 Dietlind KREMER (Leipzig)
Regionale Namenüberlieferung als Spiegelbild beruflicher Tätigkeiten (am Beispiel Sachsen)
12.00 Monika CHOROŚ (Opole)
Familiennamen nach dem Beruf in oberschlesischen Urbaren aus dem 16. Jahrhundert
Mittagspause
14.00 Henryk DUSZYŃSKI-KARABASZ (Uppsala)
Berufs-, Amts- und Standesbezeichnungen in den Familiennamen slawischer und deutscher Herkunft anhand der Kirchenbücher der orthodoxen Gemeinden von Ostkujawien und Dobriner Land an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
14.30 Karlheinz HENGST (Leipzig/Chemnitz)
Personen mit slawischen Namen und ihre Tätigkeiten im weltlichen sowie kirchlichen Bereich vom 10. bis 13. Jahrhundert östlich der Saale
15.00 Walter WENZEL (Leipzig)
Zunamen aus Bezeichnungen von Vertretern der altsorbischen Führungsschicht (mit Karten)
Kaffeepause
16.00 Lennart RYMAN (Uppsala)
Occupational designations in late medieval Stockholm
16.30 Martina HEER (Bern)
Historische Beinamen nach Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen im Kanton Bern
17.00 Karl HOHENSINNER (Grein)
Familiennamen aus Berufen in Österreich
18.00 Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Namenforschung/GfN

Samstag
9.30 Wolf-Armin V.REITZENSTEIN (München)
Berufsbezeichnungen als Ortsnamen in Bayern
10.00 Evgeny SHOKHENMAYER (Denzlingen)
Comparative study of the most frequent German, British, French and Russian occupational surnames
Kaffeepause
11.00 Maria KALSKE (University of Lapland, Rovaniemi)
Occupational names in the Parish of Rymättylä in Southern Finland
11.30 Renāte SILIŅA-PIŅĶE (Riga)
Mit Eisenverarbeitung verbundene Berufe in den Siedlungsnamen Livlands im 17. Jahrhundert
12.00 Natalija VASIL’EVA, (Moskau)
Widerspiegelung maritimer Berufe in russischen Zunamen
Mittagspause
14.00 Masahiko MUTSUKAWA (Nanzan)
Names and Professions in Japan
14.30 Angelika BERGIEN (Magdeburg)
Berufsbezeichnungen als Komponenten von Familien- und Firmennamen
15.00 Volker KOHLHEIM (Bayreuth)
Beruf und Name in der Literatur des deutschen Realismus
15.30 Schlussdiskussion und Zusammenfassung
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