17.07.2017, 11:02 Uhr

Meisterwerk der Baukunst wird 110 Jahre alt

Ein imposantes Bauwerk: Das Saugraben-Viadukt. (Foto: Archiv)

Die Mariazellerbahn feiert dieser Tage einen besonderen Geburtstag – ein geschichtlicher "Streifzug" und NÖVOG-Geschäftsführer Gerhard Stindl im Interview.

PIELACHTAL (ag). Heute durchqueren die Himmelstreppe-Garnituren der Mariazellerbahn fast lautlos die Region. Früher ging es da schon etwas lauter zu - mit glühenden Kohlen und mächtig viel Dampf. Am 23. Juli feiert man ein besonderes Jubiläum - 110 Jahre Bergstrecke. Aber wie war das damals eigentlich?

Alle Fraktionen dagegen

Mit viel Pomp wurde die Pielachtalbahn (St. Pölten bis Kirchberg) am 2. Juli 1898 eröffnet. Doch schon damals wurden Stimmen laut, die Bahnstrecke zu erweitern. Bauherr Josef Fogowitz legte wenig später erste Pläne einer Erweiterung dem Landtag vor. Das Ergebnis war ernüchternd - alle Parteien sprachen sich dagegen aus: die angrenzenden Gemeinden, das Traisental und die Militärverwaltung. Fogowitz aber gab nicht auf. Der Fremdenverkehrsverein St. Pölten und Umgebung reichte eine Bittschrift an das Land ein. Am 27. Jänner 1903 gab der Landtag schließlich seine Zustimmung.

Meisterwerk Gösingtunnel

Im Frühjahr 1905 begann man mit dem Ausbau der Strecke von Kirchberg nach Laubenbachmühle, dem heutigen modernen Betriebszentrum. Gastarbeiter aus der gesamten Donaumonarchie waren beim Bau der Bergstrecke tätig. 21 Tunnel, über 50 Viadukte und Steigungen bis zu 27 Promille forderten die Arbeiter und Ingenieure heraus. "Bis zum Herbst des Folgejahres war eine der spektakulärsten Bahnen Österreichs - mit dem Gösingtunnel als Vorzeigeleistung - fertiggestellt", beschreibt der Historiker Eduard Gugenberger die Pionierleistung im Buch "Kirchberg. Eine Reise durch die Zeit". Der 2.369 Meter lange Gösingtunnel war damals als auch heute der längste Schmalspurtunnel Österreichs. Nur ein Jahr und 200 Tage brauchte man für den von Hand erbauten Tunnel. Am 2. Mai 1907 erfolgte die Eröffnung des Gesamtverkehrs der "Niederösterreichisch-Steirischen Alpenbahn", wie sie damals hieß, bis Mariazell und am 15. Juli bis Gußwerk. Am 7. Oktober 1907 wurde die Bahn bereits elektrifiziert.

Pilgern einst und jetzt

Mariazell ist seit jeher ein beliebter Wallfahrtsort. Mitte des 19. Jahrhunderts pilgerten bereits 100.000 Wallfahrer pro Jahr in die steiermärkische Stadt. Heute wie damals, nach der Fertigstellung der Bergstrecke, kommen viele mit dem Zug.

Der Kaiser zu Besuch

Überall in der Donaumonarchie sprach man von der spektakulären Bergbahn. Das ließ sich auch der Kaiser nicht entgehen und unternahm am 24. September 1910 eine Eisenbahnfahrt nach Mariazell. Noch heute spricht man im Tal von diesem hohen Besuch.

Interview mit NÖVOG-Geschäftsführer Gerhard Stindl
BEZIRKSBLÄTTER: Einst und heute: Inwiefern änderte sich die Mariazellerbahn im Laufe der Zeit?
Gerhard Stindl: "In den vergangenen sieben Jahren wurden insgesamt über 150 Millionen Euro in die Mariazellerbahn investiert.
Investiert wurde in
· 9 Niederflurtriebwagen (Himmelstreppe)
· 4 Panoramawagen
· Werkstätten und Hochbauten
· die Stromversorgung (ab Juni 2014: Energieversorgung für die gesamte
Strecke aus Klangen) und den Oberleitungen
· ein modernes Fahrgastinformations- und Sicherheitssystem mit Halteanzeigen und touristische Informationen
· die Infrastruktur des Fahrwegs
· die Zugsicherung Sanierung von Brücken: Bodingbrücke (Tausch), Steinklammbrücke
· Bahnhofsumbauten (Klangen und Ober-Grafendorf)
· und ins neue Betriebszentrum Laubenbachmühle das seit März 2013 in Betrieb ist:
o ein Betriebszentrum mit Bahnhof, Werkstatt und Remise bon dem aus alle NÖVOG- Bahnen gesteuert werden
o mit 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Standort
o die Investition betrug hier 23 Mio. Euro

Diese baulichen Maßnahmen am gesamten Fahrweg führen zu
- Erhöhung der zulässigen Geschwindigkeit
- Mehr Fahrkomfort durch lückenlos verschweißte Gleise
- Mehr Sicherheit durch unzählige Eisenbahnkreuzungen entlang der Strecke und umfassende Beleuchtung.
Dies alles führte zu einem Fahrgastrekord bei der Landesausstellung 2015 mit 610.000 Fahrgästen."


BEZIRKSBLÄTTER: Welchen Stellenwert hatte die Bergstrecke der Bahn bei der Eröffnung vor 110 Jahren? Und heute?
"1850 wurde erstmals erwogen eine Eisenbahnstrecke von St. Pölten nach Mariazell zu bauen. Anreize dafür gab es mehrere. So war und ist die Strecke St. Pölten-Mariazell ein beliebter Wallfahrtsweg. 1850 waren bereits 100.000 Wallfahrer pro Jahr nach Mariazell unterwegs. Doch das Eisenbahnzeitalter war erst ganz am Anfang. 1853 fuhren erst die ersten Lokomotiven auf der Westbahn. Der Bedarf nach einem weiteren Ausbau der Strecke war gegeben. Ein weiterer Anreiz für den Bau einer Bahn war die infrastrukturelle Erschließung eines Verkehrsgebietes von 480 Quadratkilometern mit damals etwa 25.000 Einwohnern.
Durch den Bau einer Bahn würden aber vor allen Dingen auch materielle Interessen befriedigt: Die Gegend ist reich an Holz sowie Kohle- und Erzlager. 1906 Aufnahme des Güterverkehrs nach Mariazell. 1907 Der erste Personenzug fährt nach Mariazell. Das Interesse war so hoch, dass der Bedarf nicht gedeckt werden konnte. Die Beförderungsanzahl lag damals an Spitzentagen bei 10.000 Menschen.
Heute ist die Mariazellerbahn für Pendler, Wallfahrer und Touristen eine der wichtigsten Verbindungen in Niederösterreich."


BEZIRKSBLÄTTER: Was wäre die Region ohne die Mariazellerbahn?
"MzB hat große historische Bedeutung für die Region
· MzB brachte den Gemeinden:
· die rasche Elektrifizierung
· Anschluss an das Verkehrsnetz
· Rege Handelstätigkeit (Holz, Kohle- und Erzlager)
· Tourismus
· Wallfahrer
· Der infrastrukturelle Fortschritt wäre ohne sie nie so schnell von statten gegangen.

MzB ist ein Wirtschaftsfaktor. Heute mehr denn je:
· Regionale Wertschöpfung derzeit: 2,6 Mio. Euro pro Jahr
· Schafft touristische Arbeitsplätze in der Region
· Schafft Arbeitsplätze im Bahnbetrieb (Schaffner, Lokführer, Personal)
· Es profitieren: Pendler und Touristen (Fahrkomfort, Service Fahrzeiten)"

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