"Irgendjemand wird es einmal lesen..."

Karolina Weiss, geb. Kittl
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STUHLFELDEN. "Vor meinem sechsten Lebensjahr wohnten meine Eltern die meisten Monate des Jahres in den Bergen. Mein Vater war Jäger und sein Dienst war in den Bergen in den Wäldern - dort wo es wild und schön war", beschreibt Karolina Weiss, geb. Kittl, ihre frühe Kindheit. Als die Schulpflicht beginnt, kommt sie "aus der wundersamen Romantik der Bergwelt in das Dorf und in die Wirklichkeit".

Karolina, genannt Lina, wurde 1893 als älteste Tochter von Michael und Maria Kittl auf Schloss Lichtenau in Stuhlfelden geboren. Der Vater war hier als Jäger im Dienst. Mit 14 Jahren beginnt das Mädchen ein Tagebuch zu führen. Sie setzt damit die Tradition von Großmutter und Mutter fort. Bereits die Großmutter hat in alten Kalendern Begebenheit der Zeit festgehalten. "Neben Berichten über Geburten, Begräbnisse, Wetterschlag, Hochzeiten, Feuersbrünste und Viehtod fand man auch Volkslieder aufgeschrieben," heißt es in Linas Aufzeichnungen. Die Mutter setzte diese Gewohnheit fort, benützte aber bereits richtige "Aufschreibhefte" und ergänzte ihre Chroniken mit Rezepten zum Einkochen von Obst etc.

Hartes Dasein

Die Tagebucheinträge von Karolina Kittl und ihre späteren Anmerkungen werden nun mit dem Titel "Kinderherz" vom Ecowin-Verlag veröffentlicht. Einiges hat die Autorin in späteren Jahren offensichtlich umgeschrieben - vor allem die Umgangssprache der Kindheit schien ihr wohl zu derb. Dabei sind gerade die unverfälschten Passagen aus der Zeit in Stuhlfelden am interessantesten und authentischsten.

Sie beschreibt beispielsweise sehr anschaulich das harte Dasein auf der Alm, wohin der Vater sie als Kleinkind noch mit der Käsekraxe und mit Stricken gesichert, getragen hat. Obwohl sie dieses "schöne Fleckchen Erde" sehr liebte, schildert sie auch ihre Sehnsucht nach der Weiten Welt. "Ganz nach Amerika hätte ich wollen - aber weil mir das Geld fehlte... so wollte ich wenigstens nach Bruck zur Tante fahren, die wohnte aber auch einen ganzen Gulden weit weg". Zum Vergleich: 1907, nach dem Ende der Volksschulzeit muss Karolina "schlenkern" und arbeitet in einem kinderreichen Haushalt, wo sie monatlich drei Gulden verdient.

Herrschaft am Schloss

Die Tante Nanni und Onkel Heinrich Rouge wohnen auf Schloss Fischhorn, der Onkel ist Jäger für die adeligen Besitzer. Karolina verbringt hier immer wieder längere Aufenthalte und hilft bei der vielen Arbeit, was sie durchaus humorvoll beschreibt. So gibt es einmal große Aufregung, als der Schweinestall ausgemistet wird und ein Schwein entkommt. "Mir wurde himmelangst, der Fack war schon auf dem Weg zum Schloss und dort waren so viele vornehme Leute. Unser Thronfolgerpaar war dort und seine Kinder..." Lina versucht das Schwein aufzuhalten, aber das Tier gerät mitten unter die hohen Herrschaften. "Es war viel schneller als ich denn es hatte vier Haxen zum Rennen und ich nur zwei - mir war zum Sterben..." Beide haben den Ausflug überlebt, aber die Tante hat wohl recht geschimpft.

Aber dem nicht genug: "Wegen so einem Facken hatte ich noch einmal großen Kummer". Die Tante fuhr zwei Tage weg und "ich musste für den Onkel und den Facken kochen". Dem Onkel ist nichts passiert, aber das Schwein wurde krank - und Lina flehte alle 14 Nothelfer an, dass es wieder gesund würde.

Das Leben der Familie ist geprägt von Armut. Ihre Existenz ist ständig gefährdet, weil der ansonsten liebenswerte Vater einen Fehler hat, nämlich gern im Wirtshaus sitzt, wie die Tochter schildert. 1909 nimmt der Vater eine Stelle in der Steiermark an, die Familie zieht aus dem Pinzgau fort. 1920 heiratet Karolina Weiss und bekommt ein Kind. Die Eltern sparen sich 100.000 Kronen vom Mund ab um ihre Tochter zu unterstützen. Diese löst den Notgroschen allerdings nie ein, rahmt später den Schein mit handschriftlichen Notizen (siehe Foto). Karolina Weiss stirbt 1986 in Korneuburg.

"Kinderherz" - das Buch

"Irgendjemand wird es einmal lesen ...", notiert die Schreiberin gleich zu Beginn ihrer Einträge. Vielleicht könne sie jemand Freude bereiten und es könne jemand von Nutzen sein, hält sie fest. An eine Veröffentlichung scheint sie allerdings nicht gedacht zu haben.

Das Buch über das Leben von Karolina Weiss ist ab 20. September im Buchhandel erhältlich. "Kinderherz" behandelt die Zeit ihrer Kindheit in Stuhlfelden bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, als sie als Vertreterin für die Firma Maggi tätig war.
Tochter Luzie (1920 - 2002) hat die Aufzeichnungen der Mutter abgetippt und der Uni Wien übergeben. Das rund 300 Seiten umfassende Manuskript enthält weit mehr Material, der Verlag stellt daher einen zweiten Band in Aussicht.

Derzeit sind keine Fotos aus ihrer Zeit im Pinzgau bekannt. Wenn jemand Informationen zur Familie Kittl hat oder Fotos besitzt, bitte mit den BB Kontakt aufnehmen: gduernberger@bezirksblaetter.com.

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Autor:

Gudrun Dürnberger aus Pinzgau

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