Ortsreportagen Hundert Jahre Republik
Ortsreportage Zell am See unter dem Motto "100 Jahre Republik"

Schmittenhöhebahn 1927
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Kinderstube der Demokratie

Die Zeit nach dem 1. Weltkrieg war in Zell am See politisch hochbrisant - und wesentlich geprägt von starken Bürgermeisterpersönlichkeiten, die mit ihrer jeweiligen politischen Gesinnung die Kursrichtung der Gemeinde bestimmten. Der Krieg hatte dem Gemeinwesen alles abverlangt, und in den Bemühungen, die Lebensmittel- und Rohstoffknappheit, die Versorgung der Verwundeten und die Inflation in den Griff zu bekommen, standen alle politischen Lager zusammen. 1918 jedoch, nach dem Zusammenbruch der Monarchie, traten die unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen der Parteien bald offen zutage. Wohin das kleine "Restösterreich" steuern sollte, darüber herrschten unterschiedliche Auffassungen: Die Sozialdemokratie sah in der Republik die Chance, eine direktere Demokratie zu verwirklichen (das Frauenwahlrecht war eine Errungenschaft dieser Zeit), die Interessen der arbeitenden Klasse zu stärken und das alte hierarchische System aufzulösen. Das bürgerliche und nationale Lager hingegen strebte einen Anschluss an den großen Bruder Deutschland an (eine Option, die von weiten Kreisen der Bevölkerung begrüßt wurde), suchte den "Kommunismus" der Sozialdemokratie zu verhindern und setzte auf Werte und Hierarchien der untergegangenen Monarchie.

Lagerkämpfe

In Zell wurde 1919 - überraschend für das bürgerliche Lager - der Sozialdemokrat Anton Werber, "Lokomotivführer, Installateur und Hausbesitzer", zum Bürgermeister gewählt. Schon bald sah er sich mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert. Der Gemeindevertreter der Deutschen Arbeiterpartei und spätere Bürgermeister Josef Ernst suchte gezielt die Auseinandersetzung mit Werber, und in den Sitzungsprotokollen jener Zeit wird zum ersten Mal ein ausgeprägtes Lagerdenken spürbar. Auf dem Rücken aktueller Inhalte, wie dem Problem des Schleichhandels, wurde ein politischer Kampf um die Vorherrschaft ausgefochten, der über die Gemeindestube hinaus auch auf den Straßen stattfand: 1920 kam es bei Parteiveranstaltungen im Hotel Lebzelter zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der sozialdemokratischen und der nationalsozialistischen Partei; bei einer Großdemonstration der Sozialisten protestierte die bürgerliche Heimwehr; Unruhen und Zusammenstöße waren an der Tagesordnung. In der Gemeindestube hingegen wurde mit Rücktritten, Drohungen, Fernbleiben von den Sitzungen, Manipulation und gegenseitigen Unterstellungen gekämpft.
Aus diesem Tauziehen der Kräfte ging schließlich bei der Bürgermeisterwahl 1922 der Herausforderer Josef Ernst - mit Unterstützung des nationalen und des bürgerlichen Lagers - als Sieger hervor. Er sollte in seiner Amtsperiode der Gemeinde Zell am See wesentlich sein Siegel aufdrücken - auf eine bis heute nachwirkende, produktive Weise als auch auf eine äußerst verhängisvolle Weise.

Bürgermeister in dunkler Zeit

Sein politisches Credo überschattete seine wegweisenden Leistungen für die Stadtgemeinde nach 1922.

Josef Ernst hat sich in seiner Amtszeit als Bürgermeister (1922 - 1931) in besonderer Weise um Zell am See verdient gemacht: Auf seinen Antrag hin - noch als Gemeindevertreter - wurde die erneute Zulassung des Fremdenverkehrs nach dem Krieg beschlossen. Er erwarb den Elisabethpark für die Gemeinde, baute das Strandbad und förderte den sozialen Wohnbau. Von ihm ging die Initiative zur Stadterhebung 1928 aus, und er war wesentlich am Bau und an der Eröffnung der Schmittenhöhebahn 1927 beteiligt, deren Bedeutung für die Entwicklung des Fremdenverkehrs er damals schon richtig erkannte: Mit dieser Großinvestition wurde ein wesentlicher, bis heute zentraler Grundstein für die Entwicklung der Gemeinde gelegt. Seiner entschlossenen Persönlichkeit und seinem engagierten Einsatz für Zell am See steht jedoch seine politische Gesinnung gegenüber, die ihn zum Wegbereiter für nationalsozialistisches Gedankengut im Pinzgau werden ließ.
Die DAP, der Josef Ernst angehörte, war eine von vielen deutschnationalen Bewegungen zur Jahrhundertwende, die sich bewusst nach Deutschland orientierten und das kleine "Restösterreich" ideologisch zu untergraben suchten.

"Hitlerbewegung"

Seit 1918 nannte sie sich DNSAP (Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei) und agierte zu Beginn in Österreich noch unabhängig. In den Zwanzigerjahren näherte sie sich immer mehr der aufstrebenden "Hitlerbewegung" in Deutschland an, deren Ziele sie teilte: eine Besserstellung der "deutschen" Arbeiterschaft, aber auch Antisemitismus, Antiklerikalismus und der Kampf gegen das pazifistisch und international ausgerichtete Gedankengut der Sozialdemokraten. Josef Ernst sah sich ganz bewusst als Wegbereiter für die "Hitler-Bewegung", die er maßgeblich durch Reden und Agitiation unterstützte. Der "Bürgermeister-Bonus" in Zell am See, wo sich seit 1925 alle "rechten" Parteien zu einer Einheitsliste zusammengeschlossen hatten, kam ihm dabei sicher zu Hilfe: 1931 wurden die Nationalsozialisten bei den Gemeinderatswahlen in Zell am See mit 31,9 Prozent der Stimmen zweitstärkste Partei.
Bald stellte sich jedoch das bürgerliche Lager gegen die "Hitlerbewegung" und suchte den Konsens mit den Sozialdemokraten - Ernst verlor die Bürgermeisterwahl und legte in der Folge sein Mandat zurück. Die Kämpfe gingen jedoch weiter, und zwar so heftig, dass 1933 eine Regimentskompanie in Zell am See stationiert werden musste, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

Der Boden war bereitet

Am Beispiel Zell am See zeigt sich einmal mehr, dass Österreich nicht, wie so oft dargestellt, "plötzlich" und "von außen" von Hitler überrannt wurde. Die Entwicklung hin zum Anschluss 1938 hatte sich kontinuierlich vorbereitet und wurde von vielen dementsprechend begrüßt. Für andere war es eine Katastrophe - das Ausmaß dessen, was dann tatsächlich auf Österreich zukam, konnten jedoch weder Gegner noch Befürworter damals wirklich ermessen.

Hier gibt's die bereits erschienenen Ortsreportagen für den Pinzgau zum Nachlesen:
<linkembed href="meinbezirk.at/Ortsreportagen-Pinzgau">meinbezirk.at/Ortsreportagen-Pinzgau
</linkembed>
Und <a href="https://www.meinbezirk.at/pinzgau/lokales/horst-scholz-historiker-aus-leidenschaft-d2844344.html">HIER</a> noch ein Artikel über Archivar Horst Scholz, er war unser "Informant".

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