03.10.2016, 11:07 Uhr

130 Jahre Sonnblick-Observatorium

Extremer Arbeitsplatz Sonnblick-Observatorium: Die Techniker der ZAMG leisten am Sonnblick unterschiedlichste Arbeiten, von der Betreuung der wissenschaftlichen Messgeräte bis zum Enteisen der Materialseilbahn. (Foto: ZAMG/Krombholz.)
RAURIS. Am Sonnblick-Observatorium der ZAMG in den Hohen Tauern (Salzburg) wird seit September 1886 in 3106 Meter Seehöhe das Wetter gemessen. Das ist die weltweit längste durchgehende Messreihe in so großer Höhe. Das anfangs rein meteorologische Observatorium ist heute ein gefragter Forschungsstandort bei nationalen und internationalen wissenschaftlichen Einrichtungen unterschiedlichster Disziplinen, von der Klimaforschung bis zu Medizin.

Visionen realisiert

Ein visionärer Wissenschaftler und ein an der Natur interessierter, durchsetzungsstarker Geschäftsmann legten die Basis, dass aus einer scheinbar absurden Idee eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte mit weltweiter Bedeutung wurde. Der eine war Julius Hann. Er war von 1877 bis 1897 Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und forcierte den Ausbau von Gebirgswetterstationen zur Erforschung der höheren Luftschichten. Der andere war Ignaz Rojacher, Besitzer eines Goldbergwerkes in Rauris. Nach einigen Besteigungen von Gipfeln in seiner Region kam er zum Schluss, einen optimalen Ort für eine meteorologische Messtation gefunden zu haben: den frei stehenden Gipfel des Hohen Sonnblicks, in 3106 Meter Seehöhe.

Rasche Umsetzung

Im Februar 1885 diskutierte Rojacher seinen Plan in Zell am See mit dem Bezirkshauptmann, mit dem Bürgermeister und mit dem Bezirksarzt, der auch meteorologischer Beobachter war. Sie verfassten einen Brief an den Direktor der ZAMG Julius Hann: „, .. und ersuche Euer Hochwohlgeboren, mir bekanntgeben zu wollen, ob die meteorologische Central-Anstalt in der Lage wäre, etwas zur Errichtung einer solchen Station zu thun … Ich glaube das Projekt dürfte der Beachtung werth sein. " Hann war begeistert und setzte sich auch bei der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie für die Umsetzung ein. Bereits im Frühsommer wurde mit dem Bau des Observatoriums begonnen. Das Material wurde mit improvisierten Seilzügen und teilweise zu Fuß auf den Gipfel gebracht. Die Eröffnung des Sonnblick-Observatoriums fand am 2. September 1886 statt und die meteorologischen Messungen konnten beginnen.

Erster Beobachter irrtümlich für tot erklärt

Der erste Wetterbeobachter am Sonnblick-Observatorium, Simon Neumayer, wurde schon nach kurzer Zeit von der Bevölkerung im Rauriser Tal für tot gehalten, sogar dementsprechende Zeitungsberichte wurden veröffentlicht. Denn während eines heftigen Sturms im November 1886 riss die Telefonverbindung zum Observatorium ab und tagelang konnte niemand zum Gipfel aufsteigen. Alle Vorurteile der Bevölkerung in den Tälern rund um den Sonnblick schienen bestätigt: Ein Haus auf einem 3100 Meter hohen Gipfel könne nicht lange Sturm, Schnee und Blitzschlag standhalten.

Doch Neumayer und das Observatorium überstanden das extreme Wetter unbeschadet. Er versah wie geplant seinen Dienst den gesamten Herbst und Winter alleine am Gipfel und wurde erst im Frühling 1887 abgelöst. Auch die folgenden Wetterbeobachter waren alleine am Sonnblick. Um ihnen die Einsamkeit erträglicher zu machen, hatte die Österreichische Gesellschaft für Meteorologie eine vollständige Einrichtung für Laubsägearbeiten und fotografische Arbeiten zur Verfügung gestellt.

Sonnblick-Betreuer heute

Die Sonnblick-Betreuer heute sind Techniker, Alpinisten und Forschungsmitarbeiter. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Arbeitsbild am Sonnblick massiv gewandelt. Heute sind jeweils zwei Techniker der ZAMG durchgehend 15 Tage am Observatorium im Dienst. Sie garantieren, dass hier alle Messgeräte der nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen korrekt messen und nicht etwa durch Vereisung oder Reif funktionslos werden. Weiters nehmen die Techniker Proben für Forschungsprojekte (Luft, Schnee, etc.) und liefern Informationen, die messtechnisch unter diesen extremen Bedingungen nicht oder nur unzureichend automatisch gemessen werden können (Wolkenart, Sichtweite, Reifansatz, etc.). Wie extrem und vielfältig die Aufgaben sind, zeigt ein Auszug aus den Themen der regelmäßigen Trainings: Betrieb der Seilbahn, Höhen- und Absturztraining, Rettung aus Gletscherspalten, Einweisungen in die Messgeräte der jeweiligen Forschungsprojekte.

Nationale und internationale Forschungsprojekte

Die ganzjährige Betreuung und die einzigartige Lage sowie der unermüdliche Einsatz vieler Menschen machten das Sonnblick-Observatorium zu einem nationalen und internationalen Kompetenzzentrum zur Erforschung von Atmosphäre, Eis und Biosphäre. Jedes Jahr ist das Observatorium Teil von rund 40 Forschungsprojekten. Aus dem anfangs rein meteorologischen Observatorium ist ein bei nationalen und internationalen Universitäten und Forschungseinrichtungen gefragter Standort geworden. Das bringt zahlreiche Synergien. So werden zum Beispiel die Messungen der UV-Strahlungen auch in Projekten der Biologie und Medizin verwendet. Das Sonnblick-Observatorium schlägt auch eine Brücke von der Grundlagenforschung zu anwendungsorientierter Forschung. Beispielsweise gehen die hier erhobenen Daten und Ergebnisse in das Erstellen von Klimaszenarien für die nächsten Jahrzehnte in Österreich und Europa ein. Daraus können konkrete Anpassungsmaßnahmen für die Folgen des Klimawandels entwickelt werden.

Weltweites Spezialprogramm zur Überwachung der Atmosphäre

Die herausragende Qualität des Sonnblick-Observatoriums macht es zu einem international gefragten Partner. So wurde das Observatorium im Frühling 2016 in den kleinen Kreis der 40 globalen GAW-Stationen aufgenommen. Das Programm Global Atmosphere Watch (GAW) der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) überwacht weltweit die chemische Zusammensetzung und die physikalischen Eigenschaften der Atmosphäre. Der Sonnblick war viele Jahre eine von weltweit rund 300 GAW-Regional-Stationen und wurde dieses Jahre auf Grund der hochwertigen Messungen zur GAW-Global-Station aufgewertet.

Herausforderungen Infrastruktur

Die neue Leiterin des Sonnblick-Observatoriums, die Meteorologin und Klimaforscherin Elke Ludewig, arbeitet zum einen an der optimalen interdisziplinären Nutzung des herausragenden Forschungsstandorts und an seiner weiteren internationalen Vernetzung sowie an neuen Themen wie der Erforschung der Wolkenphysik. Zum anderen ist auch die Erhaltung der notwendigen baulichen Infrastruktur eine ständige Herausforderung. Konkret müssen mittelfristig die 20-Kilovolt-Stromleitung auf den Sonnblick und die Seilbahn erneuert werden. Zwei Vorhaben, die auf Grund des extremen Wetters und der großen Höhe sehr arbeits- und kostenintensiv sind.

Gipfel der Wetterrekorde

Wie extrem das Wetter am Sonnblick sein kann, zeigt ein Blick in die Aufzeichnungen der letzten 130 Jahre. Die tiefste jemals am Sonnblick gemessene Temperatur ist auch der österreichweite Kälterekord: Am 2. Jänner 1905 wurden hier minus 37,4 °C gemessen. Der Wetterbeobachter schrieb damals „...Thermometer zu kurz...Hygrometer erkrankt vor Kälte...". Auch viele Schneerekorde hält die Wetterstation am Sonnblick, zum Beispiel die höchste jemals in Österreich gemessene Schneehöhe: 11,90 Meter am 9. Mai 1944. Außerdem ist der Sonnblick jene Messstation, an der pro Jahr der meiste Neuschnee zusammenkommt: Die durchschnittliche Neuschneesumme pro Jahr liegt hier bei 21,03 Meter. Der Sonnblick gehört auch zu den stürmischsten Regionen Österreichs. So wurden hier zum Beispiel am 20. Dezember 1993 Windspitzen bis 202 km/h gemessen.

Text und Fotos: ZAMG
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