10.02.2017, 11:32 Uhr

Verlegt? Vergessen? Dement!

Helmut und Annemarie Brieger sind Stammgäste im Demenzcafé.

Was passiert, wenn die geistige Leistung abbaut? Ein Thema, das in unserer alternden Gesellschaft alle betrifft.

ZELL AM SEE. Vergisst ihr Vater manchmal wie Sie heißen, oder wer Sie sind? Haben Sie selber schon erlebt, dass Sie ihre Brille in den Kühlschrank gelegt haben? Ab 65 muss jeder Fünfte damit rechnen, an Demenz zu erkranken. Im Pinzgau dürften aufgrund von Schätzungen rund 1600 Menschen davon betroffen sein.

Schleichender Verfall

Auch Helmut Brieger musste zur Kenntnis nehmen, dass er dement wird. Der Saalfeldner besucht mit seiner Frau Annemarie regelmäßig das Treffen "vergissDeinnicht". Angehörige und Betroffene tauschen im "Demenzcafé" in Schüttdorf Erfahrungen aus. Helmut Brieger kommt gerne her. Er ist ein sehr charmanter, geselliger Mann, der gerne singt und sich über Unterhaltung freut. Manches was er früher gern gemacht hat, ist aber durch die Erkrankung nicht mehr möglich. Obwohl er körperlich sehr fit ist, kann er beispielsweise nicht mehr skifahren, weil die Koordination nicht mehr funktioniert. Helmut Brieger ist sich seiner Erkrankung bewusst, das ist eher untypisch. Eine weitere Besucherin des Cafés teilt dieses Schicksal, versucht das aber (noch) zu verbergen und will nicht dass ihre Angehörigen davon erfahren. Einmal im Monat besteht die Gelegenheit zu dem Treffen, das gern in Anspruch genommen wird. Gestartet ist das Projekt "Demenzcafé" 2014 in Piesendorf durch die Unterstützung der Gemeinde und freiwilligen Helfern. Nun wird es die nächsten drei Jahre als Leaderprojekt gefördert.


Mobile Angebote

In der Nationalparkregion wird es auch mobile Angebote geben. Sechs mal im Jahr wird das Demenzcafé in einer der Gemeinden veranstaltet. Zudem sind Vorträge und Workshops von Experten geplant. Beteiligt sind auch Apotheken, die als Drehscheibe für Informationen dienen sollen und wertvolle Tipps geben können. Gerade die richtige Einnahme und Verwendung von Medikamenten ist ein wichtiges Thema für Angehörige und Patienten.

Schwierige Kommunikation

Hilfreich ist auch die Validation für betroffene Familien. Auf Wunsch kommt eine ausgebildete Fachkraft ins Haus, und bemüht sich um neue Kommunikationstechniken mit den Patienten. Dadurch können Stress und Angst abgebaut, und das Selbstvertrauen wieder aufgebaut werden.

Hilflose Angehörige

Angelika Miesl hat dafür eine spezielle Ausbildung gemacht. Sie kann aufgrund ihrer Erfahrung oft schon vor der offiziellen Diagnose durch einen Facharzt abschätzen, ob ein ungewöhnliches Verhalten auf "normale" Vergesslichkeit zurückzuführen ist, oder es sich tatsächlich um Demenz handelt. Manche Patienten reagieren aggressiv, Angehörige sind damit schnell überfordert, aber Miesl hilft, einen Zugang zu den Kranken zu finden. Angehörige fühlen sich besonders hilflos durch den Kontrollverlust und die Unberechenbarkeit, so Miesl.

Makel beseitigen

Die Erkrankung wirkt sich bei den Betroffenen unterschiedlich aus, erklärt Tina Widmann, Initiatorin des Projekts. Während manche Angst haben das Haus zu verlassen, sind andere froh über Gesellschaft und kommen gern ins Café. Sie suchen Geborgenheit und fühlen sich hier wohl. "Es ist mir ein Anliegen, dass das Thema Demenz in unserer Leistungsgesellschaft anders bewertet wird, und Betroffene nicht den Stempel der Krankheit wie einen Makel auf der Stirn tragen".


Info:

Einmal im Monat findet für Betroffene, Angehörige und Interessierte um 15 Uhr das Demenzcafé in der Kitzsteinhornstraße 43 in Zell am See statt. Das nächste Treffen zum Austausch, zur Ermutigung und Information in vertraulicher Atmosphäre ist am 8. März. Info: 0664/8565777.
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