Luis Stadlober
"Hauke und Baldauf sind für mich gestorben"

Luis Stadlober ist maßlos enttäuscht. Seine Karriere wird er voraussichtlich nach der Saison beenden.
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Luis Stadlober nimmt im Bezirksblätter-Interview zu den Dopingvorfällen seiner Ex-Kollegen Max Hauke und Dominik Baldauf Stellung.

RADSTADT (aho). Die Weltmeisterschaft in Seefeld wurde vom Dopingskandal im Langlauflager überschattet. Die Bezirksblätter haben mit dem Teamkollegen der beiden überführten Athleten Dominik Baldauf und Max Hauke gesprochen: Der Radstädter Luis Stadlober hat den ersten Schock überwunden und schließt mit den Vorfällen ab. 

Wie hast du die Razzia in Seefeld miterlebt?
LUIS STADLOBER: Diese Razzia ist genau so abgelaufen, wie man sich das in einem Hollywood-Film vorstellt. Ich war an dem besagten Vormittag in meinem Hotelzimmer, im gleichen Gang, gegenüber von Hauke und Baldauf. Ich war angespannt vorm Rennen und habe ferngesehen, um mich abzulenken. Plötzlich habe ich die Stimme des Hotelchefs gehört, die Rede war vom Bundeskriminalamt. Ich habe mich gefragt, ob ich das richtig gehört habe, wusste dann aber gleich: Das BKA kommt nicht zum Spaß, wenn die da sind, muss was Gröberes sein. Ich bin dann Essen gegangen und man hat mich gefragt, wo Baldauf sei. Bei der Teambesprechung hatte er gesagt, er will langlaufen gehen. Den haben sie dann von der Loipe geholt. Unsere Betreuer waren schon alle draußen, nur wenige Physios waren noch im Hotel. Als ich vom Essen zurückgekommen bin, ist mir auch der Gandi (Anm.: Markus Gandler, ÖSV-Rennsportdirektor für Langlauf und Biathlon) schon fluchend entgegengekommen. Er hat mir erzählt, dass die beiden festgenommen wurden und wir sie nicht mehr sehen werden, weil sie auf frischer Tat ertappt wurden. Wir waren alle einfach schockiert, fassungslos eigentlich.

Wieder betrifft es Teamkollegen. Wie hart ist dieser erneute Schlag für dich als ÖSV-Athlet?
Ich bin maßlos persönlich enttäuscht, innerlich entwickelt sich fast ein Hass. Ich bin kein aggressiver Mensch, aber wenn ich den jetzt treffen würde, wüsste ich nicht, wie ich reagieren würde. Man fühlt sich, wie wenn dir hinten einer das Messer reinsticht, es ist ein Wahnsinsschlag aus dem Nichts. Es ist unglaublich, dass man das für diese Ergebnisse macht. Hauke hatte heuer ein Preisgeld um die 200 Euro, das steht doch in keiner Relation.

Wem kann man in dieser Situation überhaupt noch (ver-)trauen?
Das ist die große Frage. Eigentlich nur noch dir selbst, wenn du ehrlich bist. Meiner Schwester Teresa vertraue ich zu 100 Prozent, weil wir ein extrem gutes Verhältnis haben. Ich traue jenen, bei denen sich die Leistung schrittweise und nachvollziehbar steigert. Sobald das wegfällt, denkst du schon nach. Ich verurteile aber keinen und stelle niemanden unter Generalverdacht. Ich möchte nicht so misstrauisch sein und lieber selbst Leistung bringen.

Bist du selbst mit den Pauschal-Vorwürfen gegen den Langlaufsport konfrontiert?
Gegen mich persönlich gibt es kaum Vorwürfe. Bei einem Instagram-Posting hatte ich zuletzt einen negativen Kommentar. Bei Teresa sind es etwas mehr, sie steht eben mehr in der Öffentlichkeit. Da wird leider alles über einen Kamm geschoren. Im Hinblick auf die Langläufer ist es aber auch nur menschlich, dass dieses Vertrauen einfach nicht mehr da ist.

Johannes Dürr erhob in einer ARD-Dokumentation schwere Vorwürfe gegen den Skiverband, nannte aber keine Namen. Ist plötzlich jeder verdächtig?
Sowas machst du nicht alleine, du brauchst irgendwen, der das vermittelt. Die Beschuldigten haben gesagt, sie wurden angesprochen. Ich bin noch nie angesprochen worden und kann mir nicht vorstellen, wie man so ein Gespräch mit einem Wildfremden beginnen könnte. Es braucht dafür sicher einen Vertrauensmann. Im ÖSV-Lager waren aber alle so enttäuscht und von den Emotionen gezeichnet, dass es kaum vorstellbar ist, dass jemand das nur gespielt haben könnte. Wenn man solche Vorwürfe erhebt wie Joe, muss man Namen nennen. Genau das schürt nämlich den Generalverdacht gegen alle. Mit Namen könnte man weiterarbeiten, es müssen Beweise her. Und das ist er dem Sport eigentlich schon schuldig.

Es gibt täglich neue Geständnisse von Athleten verschiedener Sportarten. Radsport und Langlauf sind ganz vorne dabei. Wie weit wird sich dieser Skandal deiner Meinung nach noch ausweiten?
Es wurden so viele Blutbeutel gefunden, da werden noch einige kommen. Es ist ja auch gut so, denn es zeigt, dass das System der Überwachung zum Glück funktioniert. Der Ausdauersport ist natürlich für Doping besonders gefährdet. In dem Labor wurden offenbar aber auch andere Präparate gefunden, auch für andere Sportarten. Es ist ein systematisches Netzwerk, das sicher groß gespannt ist.

Dieses Labor in Erfurt wird vermutlich nicht das einzige auf der Welt sein.
Wenn das bei uns so ist, gibt's das sicher wo anders auch noch. So lange die Möglichkeit zum Doping besteht, wird es immer welche geben, die das machen. Das ist leider so. Da müssten noch viel härtere Strafen her, um das zu verhindern. Die Weitergabe ist strafbar, aber als Athlet gehst du ja nicht in den Knast. Du musst alles zurückzahlen, aber sonst passiert nicht viel. Die mögliche Haftstrafe wegen Sportbetrug wird meistens finanziell geklärt, mit Rückzahlungen und Strafen wie bei Dürr. Ich wüsste keinen, der für Doping im Langlauf wegen Sportbetrug eingesperrt worden ist.

Wie holst du dir Motivation für den Langlauf-Spitzensport, wenn immer wieder solche Ereignisse auftreten?
Eigentlich nur über die Liebe zum Sport, deswegen mache ich es ja. Ich liebe es, in der Natur zu laufen und Rennen zu bestreiten. Im Endeffekt ist es ein Privileg, das Hobby zum Beruf zu machen. Die genannten Gründe fürs Doping, der Druck sei so groß oder es würden eh alle gleich machen, ist Schwachsinn, das sind scheinheilige Ausreden. Die machen das wegen der Gier nach Erfolg und nach Profit, dabei geht aber alles Wesentliche vom Sport verloren. Ich mache den Sport, weil ich ihn gerne mache, weil ich sehen will, wie weit der Körper gehen kann, wo mein persönliches Potential ausgeschöpft ist. Und ich kann immer in den Spiegel schauen.

Würdest du deinen Kindern selbst einmal raten, in den Profi-Langlaufsport einzusteigen?
Das würde ich auf jeden Fall machen, weil die Zeit und Erfahrung super cool ist. Das Wichtigste ist aber, dass die Persönlichkeit sehr gefestigt ist. Jeder träumt vom Olympiasieg als Jugendlicher, ich selbst auch. Aber es ist nicht jeder geschaffen für ganz vorne. Bei mir sind das Maximum ein paar Weltcuppunkte. Da muss man dann eben auf das stolz sein. Leistungssport ist eine super Lebensschule. Das Umfeld ist das Wichtigste, weil dort die Werte vermittelt werden. Und wenn du an dem Punkt angelangt bist, wo nicht mehr geht, wo man was anderes bräuchte, um weiter zu kommen, musst du innerlich so stark sein, nicht zu Doping zu greifen. Dann musst du eben in andere Dinge mehr investieren. Das kriegst du als Kind mit und lebst das auch.

Hattest du mit deinen ehemaligen Teamkollegen seit den Vorfällen Kontakt?
Nein, hatte ich nicht und will ich auch nicht. Auf die Entschuldigung kann ich ehrlich gesagt scheißen, die hilft dann auch nix mehr. Für mich sind die beiden wie gestorben, ich möchte mit denen nichts mehr zu tun haben. Max Hauke hat vor ein paar Wochen noch über Joe Dürr gesagt, der lebe in einer Scheinwelt und sei schizophren. Im Endeffekt ist er genau der gleiche und verleugnet die Realität. Die tauchen da in zwei Welten ein, das musst du erst einmal schaffen. Für mich wäre das unvorstellbar, jeden anzulügen. Sie sollen sich jetzt äußern, damit zumindest alle auffliegen und die Unschuldigen entlastet werden.

Der ÖSV denkt darüber nach, den Langlauf nur mehr individuell zu fördern und nicht mehr die ganze Sparte. Was bedeutet das für die Zukunft deiner eigenen Karriere?
Der ÖSV ist wie eine Firma und die Abteilung Langlauf macht immer Probleme, da ist es klar, dass es Konsequenzen gibt. Der Langlauf ist aber besonders für den Nachwuchs wichtig, weil er auch Voraussetzung für Kombination und Biathlon ist, das kann man nicht einfach ganz abdrehen. Ich selbst habe ohnehin wegen muskulärer Probleme schon an ein Karriereende nach dieser Saison mit der Heim-WM in Seefeld als Highlight gedacht. Das wäre ein schöner Abschluss gewesen. Natürlich hätte ich mich gerne besser verabschiedet. Für die anderen wird die Neuaufstellung der Langlaufsparte aber bestimmt ein großer Einschnitt sein.

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Luis Stadlober ist maßlos enttäuscht. Seine Karriere wird er voraussichtlich nach der Saison beenden.
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