24.09.2014, 17:19 Uhr

Bevor die Glocken läuten lernten.

Ein ehemaliger Ministrant aus Vils erinnert sich:

Drei Glocken waren aus dem zweiten Weltkrieg nicht mehr "heimgekehrt". Man musste sich mit der "Großen", der Susannaglocke aus der Gießerei “Löffler“ aus dem Jahr 1524 und der "Kleinen" von der St.- Anna - Kirche geliehenen Glocke aus dem Jahr 1653, die sich heute wieder im Turm der St. Annakirche nördlich von Vils befindet, das Auslangen finden. Umso größer war die Freude, als im Jahre 1950 die neuen drei Glocken nach der Weihe im Glockenstuhl Platz genommen hatten. Wir Ministranten konnten kaum den Tag erwarten, an dem wir die Glocken das erste Mal erklingen lassen durften.

An Festtagen wurde nicht im Erdgeschoss des Turmes, sondern direkt im Glockenhaus geläutet. Der Zeitpunkt für das Angelusläuten während einer Andacht wurde durch das "Heilig - Geist - Loch" "erspäht". Das Läuten im Glockenhaus musste gelernt sein. Zunächst wurde der Klöppel mit dem Seil nahe an die Glockenwand herangezogen, das Seil um den Klöppel gewickelt und schließlich um den Metallarm, an dem das Glockenseil befestigt war, einige Mal herumgewickelt. Dadurch konnte die Glocke in Schwung gebracht werden, ohne dass der Klöppel mehrmals angeschlagen hatte. Wenn die Glocke genügend "Schwung" hatte, wurde der Klöppel freigegeben. Die Glocke schlug sofort beidseitig an. Das Läuten im Glockenhaus hatte auch den Vorteil, dass wir den Glocken hin und zurück mit dem Seil Schwung geben konnten. Je höher die Glocken schwangen, umso öfter schlugen die Klöppel an die Glockenwand. Davon, dass die Klöppel nur die Glocke „küssen“ sollten, wie es der letzte Klöppelschmied Österreichs in der Sendung „Zurück zur Natur“ empfohlen hatte, war bei dieser Art des Läutens keine Rede mehr. Dieser Empfehlung kommen auch manche elektrischen Glockenantriebe neuester Bauart nicht nach. Außerdem war es nicht sehr sinnvoll, die historischen Joche durch "pflegeleichte" Metallbügel zu ersetzen. Zum "Absetzen" beim Angelusläuten konnte man den Klöppel mit dem Seil "fangen". Zum Abschluss wurde die obenerwähnte Seiltechnik abermals angewendet. Dies geschah allerdings in umgekehrter Reihenfolge und unter erschwerten Bedingungen, da die Glocke in Bewegung war. Es grenzt an ein Wunder, dass diese Tätigkeit ohne größere Unfälle verlaufen ist. Die Mutprobe, sich während des Läutens auf das Glockenjoch zu setzen, wurde zwar diskutiert. Verwirklicht wurde sie nur vom Hörensagen. Das "Abseilen" am Seil der großen Glocke über zwei Stockwerke verursachte zumindest einen Armbruch.

Anlässlich eines Gewitters wurde auch das Sterbeglöckchen aus dem Jahre 1769 geläutet. "Es hat die höchste Weihe und ist deshalb am wirkungsvollsten" belehrte man die Neulinge. Einmal kam während des Wetterläutens aus dem Lichtschalter im Glockenhaus ein langer Feuerstrahl heraus. Der Blitz fand offensichtlich den geringsten Widerstand über das elektrische Leitungsnetz. Ein "Rastender", der gegenüber auf der Stiege stand, beklagte sich über Lähmungen in den Beinen, die aber rasch wieder verschwanden. Ein beliebter fast täglich geübter "Sport" bestand darin, zum Sterbeglöckchen aufzusteigen. Im Glockenstuhlbereich und in der Kuppel dienten Leitern für den Aufstieg. Es kam einmal zu einer kritischen Situation, als ein Sterbefall zu verkünden war, während wir uns in der "Laterne" aufhielten.
Das Ersteigen des Kirchturms sollte eines Tages dadurch verhindert werden, indem kurzerhand in Höhe der Kirchturmuhr zugeschalt und eine verschließbare "Falle" angebracht wurde. Nach vollbrachter Arbeit hatte der Zimmermeister bedenken, ob die Lausbuben nicht doch noch durch eine nur mit größerem Aufwand zu beseitigende Öffnung schlüpfen könnten. Er forderte "einen von uns" auf, zu versuchen, ob er das Hindernis überwinden könnte. Der Bursch zwängte sich in die Öffnung und erklärte feierlich: "unmöglich". In sicherer Entfernung eröffnete er, dass er gleich bemerkt habe, dass man unter Ausnutzung der ovalen Maueraussparung hindurch schlüpfen kann. So blieb uns der hervorragende Panoramablick über unsere Heimatstadt noch für lange Zeit erhalten.

Früher nahmen die Menschen während des Angelusläutens den Hut vom Kopf und unterbrachen die Arbeit für ein kurzes Gebet. Heute ist das Angelusläuten elektrifiziert und automatisiert - auch in den Köpfen der Menschen, die das Angelusläuten kaum noch wahrnehmen.

Robert Keller Vils
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