10.11.2017, 12:54 Uhr

Leserpost

Das war einmal ein Kastanienbaum. (Foto: Schneider)

Nur ein alter Kastanienbaum?

Es war am 16. Oktober. Beim Parkplatz vor dem Gasthaus Edelweiß. Kurz bevor die Allgäuer- in die Bahnhofstraße übergeht. Da haben Gemeindearbeiter auf Anweisung den dicken, stattlichen Roßkastanienbaum gefällt. Aus Sicherheitsgründen! Immer ein gutes Argument wenn man etwas kaputt macht! Sie wollen auch wieder ein Bäumchen pflanzen. Er war einer von vielen Alleebäumen, die wahrscheinlich vor langer Zeit gemeinsam gepflanzt wurden. Da waren Rosskastanien modern. Jetzt sind von den alten Bäumen nicht mehr viele übrig. Einer nach dem anderen wird aus dem Weg geräumt.
Mit seinem besonders dichten Blätterdach hat er vielen Autos in der Sommerhitze Schatten gespendet. Bis 10 Grad weniger heiß wird es unter einem Baum. In einem Buch lese ich, dass eine 100 jährige Buche 50 Menschen mit Sauerstoff versorgt. Dieser Kastanienbaum ha sicher genauso viel oder mehr für die Menschen geleistet. Er hat, so wie auch die nachfolgenden Alleebäume, die Luft mit Sauerstoff versorgt, und die Luft verbessert, wenn, wie so oft die Blechlawine samt Abgasen durch die Allgäuer Straße hinein in in den Untermarkt sprich Zentrum gerollt ist.
Während die Blätter uns mit Sauerstoff versorgten, hat sie Unmengen an Kohlendioxyd aus unserer Luft wieder eingeatmet.
Im Herbst, wenn die Kastanien reif waren und herunterfielen, war das ein Freudenfest für die Kinder und Mütter. Wir haben die Kastanien aufgesammelt, gebastelt oder sie als Herbstdekoration verwendet. Klar, ich weiß, es ist nicht der letzte Baum, aber einer der letzten seines Alters!

Wir hatten unsere Freude mit dir, aber auch die Vögel, die zwischen deinen Zweigen ihr Nest gebaut haben. In deiner Rinde und an Blättern fanden sie ja noch Unmengen an Käfern, Raupen, Bienen oder Schmetterlingen als Leckerbissen für sich und ihre Nachkommen.
Auch vor Regen haben nicht nur die Vögel und Insekten sondern auch ich an manchen Tagen mit meinem Fahrrad Schutz gefunden. Vom Kronendach wurde das Wasser sanft den Stamm hinunter geleitet, bis zu den Wurzeln, die das Wasser gierig aufsaugten. Der Baumstumpf steht noch da, aber die Wurzeln werden kein Wasser mehr aufsaugen, statt dessen von Pilzen, Bakterien und Bodentieren langsam aufgefressen werden. Dann wird der Boden austrocknen und das Wasser ungehindert in die Kanalisation fließen.
Biergärten ohne deine Art – unvorstellbar! Und du? Warst Teil einer Allee. Hast den Ort verschönert, bereichert, beschützt und beschenkt. Ich trauere um dich und um all die alten Bäume, die still und leise, einer nach dem anderen aus Reutte verschwinden.
Ein paar neu eingesetzten Bäumchen können Euren Wert niemals ersetzen.
Leb wohl - mein Freund!


Christine Schneider

Reutte
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