Franz Raminger 1928-2015

Franz Raminger ist gestorben. Der pensionierte Postbeamte war Rieder Stadthistoriker und führendes Mitglied des Rieder Philatelievereines. Kongenial wusste er beide Zugänge zu verbinden. So konnte er als einer von nur wenigen deutschsprachigen Historikern länger im Privatarchiv der fürstlichen Familie Thurn und Taxis arbeiten. Wegweisende Aufsätze zur Innviertler Postgeschichte wuchsen daraus. Franz Raminger hatte als Historiker eine immense inhaltliche Breite: Eine Arbeit über den Papstbesuch von Pius VI. 1782 hatte da genauso Platz wie die Rieder Stadtgeschichte nach 1945. Es ist unbestreitbar sein Verdienst, der Rieder Zeitgeschichtsforschung nach Jahrzehnten in denen diese vorwiegend von national denkenden Historikern betrieben wurde, in den 80er und 90er Jahren einen unaufgeregteren und seriöseren Zugang zu ermöglichen. Auch war Franz Raminger einer der ersten, die sich auf hohem historischem Niveau mit den Rieder Opfern des Nationalsozialismus beschäftigten. Es sind seine Grundlagen gewesen, auf denen andere aufbauen konnten und es immer noch tun. Was ich neben vielen anderen Eigenschaften an Franz Raminger mochte war sein unaufgeregter Zugang zur historischen Zunft. Der humanistisch-reformatorische Ruf „Ad fontes“ (zu den Quellen) wäre so recht nach seinem Herzen gewesen. In der Geschichte geht es heute viel um Deutungshoheit und moralische Werturteile. Diese ungesunde Entwicklung der historischen Klasse war nie die Sache von Franz Raminger. Der akribisch geschulte Forscher, der in Archiven Kurrentdokumente noch klar lesen konnte, die für mich gefühlte Herz-EKG-Nulllinien darstellten, war kein Ideologe. Das war er nie. Werturteile über seine akribische historische Arbeit hat sich Franz nicht angemaßt. Ich denke, nein ich weiß, dass es seine Erfahrungen waren, die ihn das gelehrt haben. Franz ist nach dem Krieg weit gereist - für die Begrifflichkeit der 50er Jahre. Er war in Frankreich, er war in Italien. Die längste Reise seines Lebens führte ihn aber schon vorher nach Berlin. Dort hat er 1945 Zeitgeschichte nicht geschrieben sondern erlitten. Er sah als 17-Jähriger wie die Stadt eingekesselt wurde, sah das Leid, die Zerstörung, die Granaten und Bomben. Er sah, was Hitlers Nero Befehl, die Zerstörung aller zivilen Einrichtungen, anrichtete. Der damalige Reichsminister Speer fragte ihn im Schützengraben vor Berlin persönlich, wie es ihm gehe. Den Russen später knapp entronnen, gelangte Franz auf seiner Odyssee in die nun freie Tschechoslowakei. Die Wut der Tschechen, die Angst der deutschen Minderheit, die Gräuel, die Folter und Demütigungen. Franz sah sie. Halb verhungert schaffte er es wieder nach Ried. Er fand zurück in das sogenannte bürgerliche Leben, hat aber sein Ziel, das historische Forschen, nie aus den Augen verloren. Mit den Jahren wurde Franz Raminger zum Zeitzeugen an Rieder Schulen. Anders als bei vielen seiner Alterskollegen, die hier ihre eigene Lebensgeschichte aufarbeiteten, war Franz wirklich ein Zeuge der Zeit: Wenn eine 20,5 cm Artilleriegrantate neben dir einschlägt oder man gesehen hat, wie 15-jährige Kinder im Krieg verheizt werden, dann braucht das keine mahnende Deutung für die Jetztzeit mehr. Dann reicht das eigene Leben als große Erzählung. Ohne Pathos. Das wusste Franz gut. Er hat verstanden, dass man Geschichte zwar offiziell „aufarbeiten“ kann, ein Lernen aus der Geschichte aber kaum möglich ist. Hier war Franz Raminger auf seine Weise erstaunlich postmodern. Zu Recht.
Franz war nicht nur Ehemann, Großvater, Vater, Rieder, Historiker und Sammler. Franz war als Historiker hilfsbereit und rechtschaffen. Ein seltenes Gut in unserer Zeit. Franz hat viele seiner Forschungsergebnisse im Rieder „Bundschuh“ – der Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde publiziert. Dieser an sich schon hervorragende Reihe, hat er mit seinen Beiträgen zur Rieder Geschichte auch fachhistorisch zu weiterem Ansehen verholfen.
Es ist schwer, ein gelungenes Leben wie dieses abschließend zu beschreiben. Ich denke, ich weiß; Franz Raminger war vor allem eines: durch und durch integer. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das Wort „Integrität“ zuletzt gelesen oder gar selber auf Menschen angewandt habe. Franz war integer. Genau das.
Franz Raminger hat auf die Frage von Albert Speer 1945 damals nicht geantwortet. Es gibt Fragen, darauf gibt es keine Antwort.

Wo: Ried im Innkreis, Ried im Innkreis auf Karte anzeigen
Autor:

Hannes Eichsteininger aus Ried

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