16.10.2014, 17:17 Uhr

Der öffentliche Verkehr wird zum Schlüsselthema für den Tourismus

Der Trendforscher und Innovationsberater Oliver Puhe sieht in der Veränderung der Mobilität große Chancen für den Tourismus. (Foto: BÖTM/Grießenböck)
Geinberg: Therme Geinberg |

70 Tourismusmanager diskutierten beim diesjährigen BÖTM Top Seminar in Geinberg über die Konsequenzen des gesellschaftlichen Wandels für die Tourismusbranche.

Welche Wege wird der Gast der Zukunft beschreiten, wenn immer mehr Menschen in urbanen Ballungszentren leben? Wie werden Gäste reisen, wenn immer weniger Menschen ein Auto besitzen? Die Veränderung des Alltags bestimmt auch den Urlaub. Über diese und andere Entwicklungen und ihre Konsequenzen für die Tourismusbranche wurde vergangene Woche beim dreitägigen BÖTM Top Seminar in Geinberg diskutiert. 70 Tourismusmanager aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und Italien trafen sich mit geladenen Experten zum jährlichen Branchengespräch.

Neueste Studien der Österreich Werbung belegen: Das Auto verliert an Bedeutung.
„In Zürich und Basel haben 50 Prozent der Haushalte kein eigenes Auto mehr“, bestätigte Carmen Breuss, die ÖW-Markt Managerin der Schweiz. Es zeichne sich eine Renaissance des Busverkehrs ab. Busfahren boomt. Wer kein eigenes Auto hat, der leiht sich kurzfristig eines aus. „Bereits jeder zehnte Züricher nützt das Car-Sharing“, so Breuss. Ein Trend der sich Europaweit immer mehr durchsetzt. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf die zunehmende Verstädterung. Gerade im Hauptmarkt der Tourismusbranche zeichnet sich diese Veränderung deutlich ab. „85 Prozent der Deutschen leben bereits in Städten“, berichtet Richard Bauer, der ÖW-Bereichsleiter für Partnermanagement. Der Zuzug in die Städte hält an. „Der Gast der Zukunft wird ein städtischer Gast sein.“ Die Frage der Mobilität müsse aber weit über das Car-Sharing hinausgedacht werden. Denn immer mehr Menschen besitzen keinen Führerschein mehr. „77 Prozent der unter 21jährigen in Baden Württemberg haben keinen Führerschein“, zitiert Bauer eine aktuelle Studie. Für Menschen aus urbanen Ballungszentren gewinnen die öffentlichen Verkehrsmittel immer mehr an Bedeutung. Deshalb müssen die Tourismusdestinationen die Frage der Mobilität anders lösen als bisher. Vor Ort will der Gast weiterhin mobil sein.

Diese Entwicklung sieht der Trendforscher Oliver Puhe als große Chance für den Tourismus. Die neue Form der Mobilität soll künftig als erweiterte Dienstleistung genutzt werden. „Der gesamte Ablauf der Reise kann neu inszeniert werden. Der Urlaub beginnt mit der Abreise“, so Puhe. Touristiker müssen sich eine durchgängige Transportkette überlegen und buchbare Gesamtleistungen schaffen. Die Veränderung der Mobilität bedeute auch, dass auf die Tourismusorganisationen künftig ganz neue Aufgabenfelder zukommen. „Tourismusverbände werden sich in den nächsten 10 Jahren neu erfinden müssen“, prophezeit Puhe. Die Entwicklung gehe von der reinen Marketingorganisation hin zu Managementorganisationen, die ganze Dienstleistungsketten für den Gast organisieren. „Wir müssen weg vom Nächtigungsdenken hin zu Kooperationen auf allen Linien.“ Netzwerklösungen sind gefragt.
Ein noch ungenütztes Potential sehen die Experten in den unzähligen Gästedaten, die in den Gästekarteien der Tourismusverbände und Betriebe liegen. „Die Tourismusbranche besitzt Kundendaten, von denen die Industrie nur träumen kann,“ sagte Oskar Hinteregger, der ÖW Region Manager Deutschland. Gäste legen ihre Wünsche und Bedürfnisse offen, man wisse wann sie ankommen, wann sie abreisen. Diese Informationen sollen genutzt werden, um den Service weiterzuentwickeln. „Wir haben kein Vermarktungsproblem, aber wir müssen das Produkt nach innen verbessern,“ so Hinteregger. Die Gästedaten seien das Thema des Tourismus der Zukunft. Offen blieb die Frage, wie diese Daten aufbereitet werden sollen.
„Digital hilft, aber Analog entscheidet“, gab Beat Krippendorf, der renommierte Dozent für Dienstleistungsmarketing zu bedenken. Im digitalen Zeitalter gewinnt das Prinzip der Menschlichkeit immer mehr an Bedeutung. Die Zeit der rein ökonomischen Ausrichtung sei vorbei, soziale Werte steigen wieder. „Die persönliche Ansprache findet man auf keiner App“, so Krippendorf.
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