Corona
"Psychischen Auswirkungen der Krise wenig Beachtung geschenkt"

Bei vielen leidet inzwischen die psychische Gesundheit. Ungewissheit, Existenzängste und Isolation setzen den Rohrbachern zu.
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Die Corona-Pandemie hält uns bereits seit mehr als einem halben Jahr in Atem. Mit teils drastischen Folgen: Rund ein Fünftel der Österreicher leidet unter depressiven Verstimmungen, bei 8 von 100 Menschen findet sich sogar eine schwere depressive Symptomatik. Wir haben mit Experten aus dem Bezirk gesprochen, was man gegen die Unsicherheit und Einsamkeit in Lockdown oder Quarantäne tun kann.

BEZIRK ROHRBACH. Die derzeit herrschende Unsicherheit belastet die Menschen am meisten, sagen Verena Linhart und Maria Leibetseder, Klinische Psychologinnen am Klinikum Rohrbach: "Mit der Corona Pandemie erleben wir so viel Unsicherheit wie noch nie in unserem Leben. Sogar die selbstverständlichen Dinge sind nicht mehr gewiss. Ob wir in einem Monat noch einen Job haben, unsere Familie an Weihnachten sehen, ob das Kind morgen immer noch in die Schule darf und ob im Supermarkt noch Toilettenpapier da ist?" Diese Unsicherheit verlange von den Menschen ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. "Vor allem für Menschen, die sich in ihrem bisherigen Leben an einen starren und streng geregelten Lebensablauf gewohnt haben, ist es sehr schwierig", sagt Linhart.

Soziale Kontakte fehlen

Soziale Kontakte, die normalerweise dafür sorgen, dass man schwierige Phasen besser übersteht, sind in der Corona-Krise plötzlich auf ein Minimum reduziert. "Damit fallen wichtige, psychisch stärkende Faktoren weg. Fast jeder sorgt sich um Eltern, Großeltern, Kinder oder die eigene Gesundheit. Menschliche Kontakte werden plötzlich zum Krankheitsrisiko und zur potenziell tödlichen Gefahr", sagt Leibetseder. Vor allem alte und kranke Menschen sind stark betroffen. Durch das Besuchsverbot in den Altersheimen und Krankenhäusern fehlt der unmittelbare Kontakt zu den Angehörigen. Die Isolierung kann ganz unterschiedliche Auswirkungen haben: Unsicherheit, Überforderung, gesteigerte Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit, Ausweglosigkeit, Angst, Stress, Schlafstörungen, Wut bis hin zur Panik.

"Psychosoziale Folgen wenig beachtet"

Den psychosozialen Folgen der Quarantäne-Maßnahmen sei laut den beiden Expertinnen vom Klinikum Rohrbach "eindeutig zu wenig Beachtung geschenkt" worden. Aber auch den psychischen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und finanziellen Unsicherheit sollte mehr Aufmerksamkeit gegeben werden, so die Klinischen Psychologinnen. Beides hat nachweislich schwerwiegende Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der betroffenen Menschen, führt vermehrt zu Stress und zu Hilflosigkeit. "Wenn sich Existenzangst bemerkbar macht, bestimmt sie oft das gesamte Leben und verdrängt Freude und positive Gefühle."

Belastungen für Familien

Auch, wer seinen Job behalten wird, steht jedoch oft vor Veränderungen, die sich auf die Psyche auswirken. Das Homeoffice stellt angesichts veränderter Arbeitsumgebungen alle Beteiligten vor völlig neue Herausforderungen. Wer nicht von zu Hause arbeiten kann, ist vermehrt mit Belastungen, beispielsweise ungeduldigen oder aggressiven Kunden oder auch der eigenen Angst vor Ansteckung, konfrontiert. Dazu kommt, dass die Corona-Krise auch an Beziehungen und Familien nicht spurlos vorüber geht. Warum das so ist, weiß Josef Hölzl von der Beratungsstelle Beziehungleben.at in Rohrbach: "In Zeiten der Krise und Unsicherheit werden soziale Einsamkeit, Familien- und Paarkonflikte, aber auch das Aggressionspotential stärker spürbar. ‚Bewährte‘ Bewältigungsstrategien sind nicht verfügbar, auch Ablenkungsmöglichkeiten fallen plötzlich weg. Die Medienvielfalt und Online-Technologien sind nicht nur unterstützend, sondern werden manchmal auch zur Last und zum Zankapfel, wenn nicht ausreichend Geräte vorhanden sind oder auch, wenn Kinder und Jugendliche Handy und PC exzessiv nutzen. Das setzt viele Eltern, die ohnehin durch Homeoffice und Homeschooling gefordert sind, zusätzlich unter Spannung.“

"Verschärfte Lage" für psychische Erkrankte

Menschen, die ohnehin bereits mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, gehören zu jenen, die die Folgen der Corona-Maßnahmen am deutlichsten spüren. Sind sie häufig schon unter normalen Umständen auf Hilfe und soziale Unterstützung angewiesen, verschärft sich ihre Situation in der aktuellen Lage. "Zudem wurden viele und gut etablierte unterstützende Einrichtungen in der Krise minimiert bzw. stillgelegt, sodass die psychosoziale Hilfe nur eingeschränkt verfügbar war. Selbsthilfegruppen und Gruppentherapien finden kaum noch statt", erklärt Leibetseder. Viele psychosoziale Einrichtungen, Psychologen und Psychotherapeuten in freier Praxis haben jedoch auf die neuen Umstände sofort reagiert und auf telefonische Beratung, Onlineberatung oder Videotelefonie umgestellt. Auch neue psychosoziale Helplines wurden geschaffen. "Falls Sie sich in einer Krise befinden, bitte zögern Sie nicht, davon Gebrauch zu machen", raten die Expertinnen.

Herausforderung für alle

Aber nicht nur psychisch erkrankte Menschen werden strapaziert, auch Gesunde, denn die Krise betrifft in unterschiedlichem Maß fast alle. Je länger die Krise andauert, desto anstrengender wird sie auf psychischer Ebene. Dies stelle einen "Nährboden für psychische Erkrankungen dar", so Linhart: "Grundsätzlich verfügen Menschen über ein erhebliches Potenzial, psychische Gefährdungen und Krisen zu durchleben und sich auch allein wieder davon zu erholen. Die Corona-Pandemie stellt die menschlichen Selbstheilungskräfte jedoch vor eine außergewöhnliche Herausforderung, weil ein Ende derzeit nicht absehbar ist."

Ruhe und Entspannung

Die Expertinnen raten, Ruhe zu bewahren und nicht in Panik zu verfallen. "Entspannung, Ruhe und positive Gefühle sind wichtig, um das Immunsystem zu stärken. Um sich zu entspannen, kann es hilfreich sein, die Kontrolle abzugeben und die gegebenen Umstände zu akzeptieren. Ein wichtiger Schritt ist, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten: Was ist wichtig in meinem Leben? Wofür bin ich dankbar? Wen oder was liebe ich? Was tut mir gut? Dies sind Fragen, die uns in schwierigen Phasen auf einen positiven Kurs bringen können", so Linhart. Die Krise zeige auch, "wie wichtig soziale Nähe ist, füreinander da zu sein, ein offenes Ohr zu haben, Geborgenheit zu geben und anzunehmen. Ein gutes Gespräch mit einem Vertrauten wird zu etwas ganz Besonderem", sagt Leibetseder.

Das Gespräch suchen

Auch Josef Hölzl von der Beratungsstelle Beziehungleben.at weiß, dass "Zuspruch und Ermutigung im offenen Gespräch ein wirksamer Beitrag für das seelische Wohlbefinden sind und dass daraus wieder Hoffnung und Zuversicht entstehen". Hölzl rät daher, eine Beratung aufzusuchen, wenn man unter der Einsamkeit leidet oder einem die Sorgen über den Kopf wachsen: "Ein vertrauensvoller und wertschätzender Austausch im geschützten Rahmen mit einem kompetenten Berater bewirkt vielleicht keine schnellen Lösungen und Veränderungen, schafft jedoch Erleichterung und schärft den Blick für neue Perspektiven: Das ist die Erfahrung vieler Klienten, die jetzt zu uns kommen.“ Beratungen bei Beziehungleben.at in Rohrbach sind derzeit unter Einhaltung aller Corona-Sicherheitsbestimmungen  in der gewohnten Form in der Pfarrgasse 8 möglich. Als Alternative wird aber auch eine Beratung per Mail oder Telefon angeboten. Mehr Infos unter 0732/77 36 76 oder www.beziehungleben.at

Strategien im Umgang mit Ängsten und Sorgen

Häusliche Isolation und Quarantäne sind Ausnahmesituationen. "Die meisten Menschen haben so etwas noch nicht erlebt. Für Betroffene kann das sehr belastend sein", wissen Verena Linhart und Maria Leibetseder. Die beiden Klinischen Psychologinnen vom Klinikum Rohrbach haben Tipps, um den Lockdown beziehungsweise eine Quarantäne möglichst gut zu überstehen:

  • Halten Sie eine Tagesstruktur ein.
  • Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken.
  • Gehen Sie Beschäftigungen nach, die Ihnen guttun.
  • Bewegen Sie sich.
  • Tanken Sie in der Natur auf. Falls Sie nicht in die Natur gehen können, lüften Sie ausgiebig.
  • Pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte über Videotelefonie.
  • Konsumieren Sie Medien sehr bewusst und gezielt.
  • Sieht man die Krise als Chance, kann man die Zeit für einen persönlichen Wandel nutzen: Wo ändern sich meine Prioritäten? Welche Ziele kann ich verfolgen? Wo liegen neue Chancen und Möglichkeiten?

Beratung bei der TelefonSeelsorge

Die Telefonseelsorge OÖ – Notruf 142 bietet kostenfreie telefonische Beratung für alle Menschen, die mit den Herausforderungen der aktuellen Situation schwer zu Rande kommen oder vielleicht schon damit überfordert sind. Für Menschen, die psychotherapeutische Hilfe benötigen, hat die TelefonSeelsorge OÖ ihr Angebot erweitert, wie deren Leiterin Silvia Breitwieser erklärt: „Unter der amtlichen Notrufnummer 142 kann aktuell auch der Kontakt zu PsychotherapeutInnen hergestellt werden. Durch die Kooperation mit dem OÖ Landesverband für Psychotherapie können die Mitarbeiter der TelefonSeelsorge nun im Bedarfsfall ein Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten bzw. einer Psychotherapeutin vermitteln. Die psychotherapeutische Behandlung findet in der gegenwärtigen Ausnahmesituation telefonisch, per Skype oder im Chat statt. Insgesamt fünf Einheiten können in dieser Aktion mit der Österreichischen Gesundheitskasse kostenfrei in Anspruch genommen werden.“

Die Leiterin der TelefonSeelsorge OÖ betont, wie wichtig es in der momentanen Situation ist, besonders gut auf sich zu schauen. „Selbstfürsorge sollte zur täglichen Routine werden. Das Für-sich-selbst-Sorgen ist dabei nicht mit Egoismus gleichzusetzen. Denn nur, wenn man sich selbst wohl fühlt, ist man gut in der Lage, auch für andere da zu sein. Wir sind widerstandsfähiger, wenn wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und sie so gut als möglich stillen. Körperliche Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen, Trinken und ausreichende Bewegung sind vorrangig zu behandeln“, so Breitwieser. Die telefonische Beratung ist unter der Nummer 142 möglich, die Chat- und Mailberatung ist unter www.onlineberatung-telefonseelsorge.at erreichbar.

Tipps der TelefonSeelsorge für Krisenzeiten

Eigene Bedürfnisse wahrnehmen und akzeptieren
Hilfreiche Fragen dabei sind beispielsweise: Wie geht es mir in diesem Moment? Wie fühle ich mich? Was tut mir jetzt gut? Es gilt, einen achtsamen Blick auf sich selbst und den eigenen Körper zu entwickeln und zu spüren, was gebraucht wird. Das kann ein kleiner Moment der Entspannung sein, wenn ich morgens ungestört die erste Tasse Kaffee trinke. Das kann heißen, bewusst wahrzunehmen, dass mein Körper Durst hat, und dann ausreichend zu trinken. Das kann bedeuten, den Medienkonsum drastisch zu reduzieren und nur mehr drei Mal täglich die aktuelle Corona-Situation zu recherchieren.
Achten Sie auch bei Ihren sozialen Kontakten auf Ihre Bedürfnisse: Welche Begegnungen tun Ihnen gut? Welche kosten Kraft und könnten reduziert werden?

Feste Strukturen etablieren
Routine gibt Kontrolle über das eigene Leben. Zudem bekommen die Tage Struktur, wenn sie mit guten Gewohnheiten gefüllt werden. Mögliche Routinen zum Beispiel nach dem Aufstehen könnten sein: aufstehen, das Bett machen, Morgentoilette, zehn Minuten meditieren/turnen/Yogaübungen machen, frühstücken. Auch ein täglicher Spaziergang oder ein Nachmittagskaffee mit einer süßen Kleinigkeit können gute Rituale sein, auf die man sich freut. Wichtig ist es, die Tage zu planen. Tägliche Fixpunkte sollten neben Homeoffice und etwaiger Kinderbetreuung Bewegung, sozialer Austausch, kurze Entspannungsrituale, Mahlzeiten und geregelte Schlafenszeiten sein.

Bewegung an der frischen Luft, gesunde Ernährung, geringer Alkoholkonsum
Körperliche und psychische Gesundheit sind eng miteinander verwoben. Ein gesunder Körper kann widrigen Lebenssituationen besser standhalten als ein geschwächter. Achten Sie auf ausgewogene, vitaminreiche Ernährung. Schlingen Sie Ihre Mahlzeiten nicht im Stehen oder zwischen Tür und Angel hinunter, sondern nehmen Sie sich bewusst Zeit dafür. Decken Sie den Tisch, essen Sie von Tellern und nicht aus Take-away-Kartons. Trinken Sie ausreichend, begrenzen Sie den Konsum von zuckerhaltigen Getränken, Kaffee oder Alkohol. Sie brauchen Ihren Körper, achten Sie ihn und gehen Sie liebevoll mit ihm um. Das gilt auch für die Körperpflege. Nehmen Sie sich Zeit dafür und machen Sie ein entspannendes Ritual daraus, auch wenn Ausgangssperre und Homeoffice angesagt sind.

Ausreichend schlafen
Gehen Sie möglichst immer zur selben Zeit ins Bett. Lassen Sie Smartphone, Tablet, Fernsehen und alles, was mit Corona zu tun hat, vor der Schlafzimmertür zurück.

Kontrolle behalten
Wenn wir uns überfordert und hilflos fühlen, ist es gut, sich mit den Dingen zu beschäftigen, über die wir Kontrolle haben können: unsere Gedanken, unsere Gewohnheiten und die Gestaltung unseres Alltags. Es gibt trotz der Pandemie immer noch vieles, auf das wir Einfluss haben. Im Hier und Jetzt zu bleiben und uns auf das zu fokussieren, was wir bewirken können, sowie gute Gewohnheiten zu implementieren, macht uns aktiv. Wir spüren unsere Selbstwirksamkeit und merken, dass wir viele Dinge gut im Griff haben. Das gibt Kraft und ermutigt.

Grübeln nur in Maßen
Es erfordert etwas Übung, nicht in der Gedankenspirale hängen zu bleiben. Probieren Sie, das Grübeln ganz konkret zu benennen: „Jetzt grüble ich und bin nicht mehr im Hier und Jetzt!“ Versuchen Sie dann, die Gedanken ziehen zu lassen, oder denken Sie bewusst an etwas anderes. Hilfreich kann auch sein, sich jeden Tag um eine bestimmte Uhrzeit 10 Minuten fürs Grübeln zu nehmen. Ertappen Sie sich außerhalb dieser Zeit beim Grübeln, sagen Sie „Stopp, Grübeln ist erst ab 17.00 Uhr erlaubt“ oder „Stopp, die Grübelzeit war heute schon.“ Auch das bewusste Fokussieren auf den eigenen Atem oder das Aufschreiben von belastenden Gedanken hilft beim Loslassen.

Mit sich selbst liebevoll und dankbar umgehen
Versuchen Sie, Gutes bewusst wahrzunehmen. Notieren Sie am Ende jeden Tages bis zu vier Dinge, für die Sie dankbar sind. Schreiben Sie auch auf, was Ihnen heute gut gelungen ist und worüber Sie sich gefreut haben. So lassen Sie den Tag mit einer positiven Stimmung ausklingen und konzentrieren sich auf Ihre Stärken sowie auf Aktivitäten und Menschen, die Ihnen guttun.

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