Pilgern in Rohrbach
"Die Sehnsucht nach Entschleunigung wächst"

Das Mühlviertel ist ein relativ naturbelassenes Land, sodass Pilger hier wirklich Ruhe und Erholung finden können.
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  • Das Mühlviertel ist ein relativ naturbelassenes Land, sodass Pilger hier wirklich Ruhe und Erholung finden können.
  • Foto: Verein Mühlviertler Granitland/Andreas Balon
  • hochgeladen von Nina Meißl

Das Mühlviertel hat sich zu einem Geheimtipp für Pilger entwickelt. In Rohrbach wurde etwa der neue Granitpilgern-Weg zu einer wahren Erfolgsgeschichte. Warum sich der Böhmerwald und das Obere Mühlviertel so gut eignen, um beim Wandern zu sich selbst zu finden, verraten Abt Lukas Dikany, Bürgermeister Klaus Falkinger und Unternehmer Johannes Artmayr.

BEZIRK ROHRBACH. "Pilgern boomt." Da sind sich Abt Lukas Dikany vom Stift Schlägl sowie der Kleinzeller Bürgermeister Klaus Falkinger und Johannes Artmayr von Strasser Steine einig. "Gerade in Zeiten mit rasantem, technischem Fortschritt wächst die Sehnsucht nach Entschleunigung und nach unmittelbarem Kontakt zur Natur. Abschalten, dem Alltag entfliehen und zu sich selbst finden – Pilgerwanderungen eignen sich dafür optimal, egal ob für Jung oder Alt", sagt Artmayr. Der Unternehmer ist, gemeinsam mit Falkinger, dem St. Martiner Bürgermeister Wolfgang Schirz und dem Helfenberger Gastronomen Peter Haudum, Initiator und treibende Kraft hinter dem "Granitpilgern-Weg". Sie alle sind Mitglieder im Verein "Mühlviertler Granitland", der das Projekt trägt.

Gut ausgelastete Betriebe

2019 wurde der rund 90 Kilometer lange Rundweg eröffnet und entwickelte sich seither zu einer Erfolgsgeschichte – trotz oder vielleicht sogar ein bisschen wegen Corona. "Viele machen nun Urlaub in Österreich und das hat einige dazu bewegt, den Granitpilgern-Weg zu gehen", sagt Falkinger. Seine Gemeinde Kleinzell ist eine von insgesamt zehn Ortschaften entlang des Weges. Die Betriebe seien auch in Corona-Zeiten gut ausgelastet und sehr zufrieden gewesen. Der Pilgerweg sei ein "kräftiger Impuls für den Tourismus in der Region", sagt auch Artmayr. Falkinger hebt vor allem die geschaffenen Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Wertschöpfung hervor: "Die Beherberungsbetriebe sind um eine Vielzahl mehr geworden." In den kommenden Jahren soll die Strecke noch attraktiver werden: "Wir versuchen immer wieder, den Weg schöner zu machen. So haben wir etwa bereits einige Rastbänke ergänzt und den Weg von Asphalt auf Wiesen umgelegt. Es ist uns ein großes Anliegen, den Gästen optimale Bedingungen zu bieten", sagt der Kleinzeller Bürgermeister.

"Hochkarätig sehenswürdige" Region

Pro Jahr wandern rund 10.000 bis 13.000 Menschen auf dem Granitpilgern-Weg. Auch andere Strecken wie der Donausteig oder der "Weg der Entschleunigung" (siehe unten) sind beliebt. "Das obere Mühlviertel erfüllt alle Voraussetzungen für ein stärkendes, Kraft spendendes Pilger-Erlebnis. Es ist wie geschaffen für den sanften Tourismus, weil hier nicht einzelne, hochkarätige Sehenswürdigkeiten um Aufmerksamkeit buhlen, sondern weil die gesamte Region hochkarätig sehenswürdig ist", so Artmayr. Dies, und die prägende Geschichte des Granits, inspirierten den Geschäftsführer von Strasser Steine auch zur Idee für Weg, der Entschleunigung und Kontemplation ermöglicht. Der Unternehmer hat selbst bereits zehn einschlägige Wege zwischen Mariazell und Regensburg erkundet. Auch den Granitpilgern-Weg hat er nicht nur in mehreren Teilstücken begangen, sondern die Gesamtstrecke auch in drei Tagen bewältigt. "Jeder Teilbereich hat seine Reize. Das zeigt sich zum Beispiel in den weit mehr als hundert Marterl, Kapellen & Kirchen am Weg und den zum Teil unglaublich schönen Weitblick."

Ausblicke, Perspektiven und Wandlungen

Pilgern hat, im Gegensatz zum Spazierengehen, auch immer einen spirituellen Aspekt. Man geht ein Stück eines Weges und "öffnet sich innerlich für die Begegnungen mit Mensch und Natur und entdeckt darin Gott", so Lukas Dikany, Abt des Stiftes Schlägl. Wer pilgert, "möchte sich den Wandlungen des Lebens aussetzen". Das Mühlviertel eignet sich dafür ideal, daher bietet Dikany auch einmal im Jahr im Seminarzentrum des Stifts eine Woche "Besinnung und Wandern" an. Gemeinsam sind die Teilnehmer im Böhmerwald unterwegs und genießen die Kraft des Waldes und der Landschaft des Mühlviertels. "Da gibt es immer wieder neue Ausblicke und Perspektiven. Die hügelige Landschaft überfordert uns nicht, sondern lässt uns atmen und verweilen." Dikany schätzt dabei auch die schönen Rastplätze mit Aussicht: "Wer nicht rastet, der rastet mit der Zeit aus. Pilgern ist niemals Leistungssport. Wenn ich mich am Abend über die zurückgelegten Kilometer definiere, dann ist etwas falsch. Die Wege in unserem Bezirk laden zur Entschleunigung ein."

Lieblingswege

Abt Dikany verfügt über lange Pilgererfahrung. Nach seiner Priesterweihe 1993 war er mit einer Jugendgruppe auf dem spanischen Jakobsweg. "Es war ein Erlebnis, das mich immer wieder auf den Weg gebracht hat. Seither bin ich im Urlaub auf Pilgerwegen unterwegs, zum Beispiel auf dem Mariazellerweg." Gern geht Dikany auch an einem Tag von Schlägl auf den Pöstlingberg – "eine Herausforderung, aber immer ein sehr schönes Erlebnis". Der Weg von Schlägl auf dem Kirsteig nach Maria Trost bei Rohrbach zählt ebenfalls zu seinen Lieblingstrecken. "Gerne gehe ich die Wege der Umgebung. Da führt mich der Weg zum Beispiel über St. Wolfgang, Mitterreith, Ödenkirchen nach Ulrichsberg und entlang der Mühl nach Schlägl zurück. Es ist an einem heißen Tag erfrischend, entlang der Mühl zu gehen, manchmal in den Fluss zu steigen und Gottes Schöpfung wohltuend zu erfahren."

Pilgerwege in Rohrbach

  • Donausteig

Der Weitwanderweg Donausteig führt auf 450 Kilometern von Passau über Linz nach Grein. Ergänzend zu den 23 Haupt-Etappen führen 49 Rundtouren ins Umland des Donautals. Diese eigenen sich besonders gut für Tageswanderungen. Zu den Donausteig-Orten gehören auch Hofkirchen (Wasserfallrunde mit Bockbach-Wasserfall, 8,4 km), Kirchberg (Donausteigrunde mit Aussichtsturm und Burgstallblick, 16,8 km), Kleinzell und St. Martin (Der steinige Weg mit Resilacke, Erlebniswelt Granit und Schloss Neuhaus, 12,8 km), Lembach (Leinenweberweg mit Abenteuerspielplatz und Mühlholzkapelle, 15,1 km), Niederkappel (Donauschlingenweg mit Burgruine Haichenbach, Naturlehrpfad und Donauschlinge, 19,2 km), Oberkappel und Pfarrkirchen (Traumblickrunde im Naturschutzgebiet Rannatal mit Ruine Falkenstein, 15,7 km). Jede der Donausteig-Runden ist mit einem spirituellen Ansatz aufgeladen der ein tieferes Eintauchen in die Geschichte der Region, aber auch in sich selbst ermöglicht.
Infos: donausteig.com

  • Granitpilgern

Der Granitpilgern-Weg wurde 2019 eröffnet. Er verläuft entlang von zehn Gemeinden des Bezirks Rohrbach auf einer Gesamtlänge von rund 90 Kilometern. Die Pilger durchqueren St. Martin, Kleinzell, Neufelden, St. Ulrich, St. Peter, Auberg, Haslach, Helfenberg/Ahorn, St. Johann und Niederwaldkirchen. Entlang des Weges, der je nach Sportlichkeit in drei bis vier Tagesetappen bewältigt werden kann, befinden sich zahlreiche Kirchen, Kapellen und Marterl.
Infos: granitpilgern.at

  • Jakobsweg im Böhmerwald

Der Mühlviertler Jakobsweg West hat seinen Ursprung im tschechischen Krumau. Er führt über das Stift Schlägl, Rohrbach-Berg, Sarleinsbach und Neustift nach Passau und weiter über Kufstein. Zahlreiche bekannte Wallfahrtskirchen befinden sich entlang des Weges, etwa die Jakobskirche in Rohrbach-Berg oder die Pfarrkirche Pfarrkirchen.
Infos: boehmerwald.at

  • Weg der Entschleunigung

Der Weg der Entschleunigung führt auf insgesamt 133 Kilometern zu Energie- und Kraftplätzen im Mühlviertel. Er kann in vier, sechs oder acht Tagesetappen erwandert werden.
Infos: wegderentschleunigung.at

  • Kraft-Quelle-Baum-Weg

Der rund 60 Kilometer lange Rundwanderweg widmet sich der Baumheilkunde. Insgesamt 30 Tafeln informieren über die Heilkraft, die Mythologie und die Wirkungen verschiedener Bäume. Von St. Johann am Wimberg ausgehend führt der Weg in einer großen Schleife gegen den Uhrzeigersinn durch die Gemeinden St. Veit, Oberneukirchen, Ahorn, Helfenberg, St. Stefan-Afiesl, Haslach, Auberg und St. Peter wieder zurück an den Ausgangspunkt.
Infos: hansbergland.at

Einen guten Überblick über die Pilgerwege in unserem Bundesland bietet etwa ein Folder des OÖ Tourismus. Dieser kann hier abgerufen werden: oberoesterreich.at
Geheimtipps zum Thema Pilgern und spirituelles Wandern gibt’s auch auf meinbezirk.at/4252533

Veranstaltungen rund ums Pilgern

Von 6. bis 8. August findet im Stift Schlägl ein Seminar für Pilgern und spirituelles Wandern statt. Christine Dittlbacher, Pädagogin, Theologin und Kommunikationstrainerin, informiert unter anderem zur Geschichte und Spiritualität des Pilgerns oder die Heilkraft des Gehens und gibt auch praktische Tipps zu Vorbereitung, Planung, Kartenlesen und mehr. Kosten: 95 Euro. Mehr Infos und Anmeldung auf stift-schlaegl.at

Am Samstag, 9. Oktober, lädt der Soroptimist Club Rohrbacher Land ein, die Etappe des Granitpilgerwegs von Neufelden nach St. Peter (ca. 19 km) gemeinsam zu gehen. Highlight am Weg ist ein Orgelkonzert von Gustav Auzinger in der St. Anna-Kirche in Steinbruch. Dieses "Frauen-GEHspräch" für einen guten Zweck findet unter dem Motto "Schritt für Schritt eine Wohltat" statt. Die Soroptimistinnen freuen sich, wenn Pilger für jeden gewanderten Kilometer 50 Cent spenden. Mehr Infos auf soroptimist-rohrbach.at

Pilgergebet von Abt Lukas Dikany

Guter, barmherziger Gott,
ich habe mich auf den Weg gemacht.
Segne mein Pilgern.

Sei du bei mir auf dem Weg.
Lass mich dich auf neue Weise erfahren.
Lass mich deine Nähe spüren.

Wandernd wandle mich.
Ich möchte in meinem Leben nicht stehen bleiben,
sondern auf ein Ziel hin unterwegs sein.
Letztlich bist DU das Ziel meiner Pilgerschaft,
dass dein Geist mich immer mehr formt und durchdringt.

Im Gehen schaue ich auf das, was sich mir auf dem Weg zeigt.
Ich staune und werde dankbar.
Die Landschaft zeigt mir wieder neu ihr Gesicht.
Das Rauschen der Bäume, das Singen der Vögel berührt mein Herz.
Ich rieche den Duft der Landschaft.
Ich genieße den Sonnenstrahl.
Ich danke dir, dass du mich überall umgibst mit deiner Schönheit und Lebendigkeit.

Ich bin auf einem Weg unterwegs,
auf dem schon viele Menschen gebetet haben.
Sie haben im Gebet Kraft, Stärkung, Trost und Zuversicht erfahren.
Ich bete für mich und für die Menschen, die mir am Herzen liegen.

Schenke mir Vertrauen, dass ich zu dir kommen darf mit allem,
was mich bewegt und dass du meine Bitten hörst und erhörst
und mich mit deiner Liebe umgibst. Amen.


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