„Atomstrom rechnet sich nicht!“

Aktion von atomstopp in Temelin anlässlich Fukushima-Gedenken.
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Atomstopp fordert den europaweiten Atomausstieg. Atomkraftwerke seien ein Sicherheitsrisiko.

BEZIRK (hed). Heuer jährt sich die Fukushima-Katastrophe zum fünften und der Tschernobyl-Supergau zum 30. Mal. Die BezirksRundschau sprach mit atomstopp-Obmann Roland Egger über Gefahren durch grenznahe Atomkraftwerke und die Zukunft der Atomenergie.

BezirksRundschau: Heuer jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum fünften und die von Tschernobyl zum 30. Mal. Welche Aktionen sind vonseiten atomstopp geplant?
Roland Egger: Wir werden in diesem heurigen Gedenkjahr 2016 unsere Projekte für den europaweiten Atomausstieg forcieren und dabei die Rolle der Europäischen Atomgemeinschaft EURATOM besonders kritisieren. Österreich ist nach wie vor Mitglied bei EURATOM und unterstützt somit die europäische Atompolitik. Wir wollen, dass sich das Parlament in Wien im Rahmen einer Enquete ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzt und der Bevölkerung erklärt, warum ein Antiatom-Land wie Österreich bei einer Organisation Mitglied ist, das die Atomindustrie fördert!
Außerdem wollen wir, dass die EU-Kommission endlich dafür sorgt, dass die Betreiber von Atomkraftwerken umfassend für alle potenziellen Folgeschäden eine Versicherung abschließen müssen. Derzeit haften die französischen Betreiber nur mit 50 Millionen Euro – der potenzielle Schaden liegt aber jenseits von 400 Milliarden (!) Euro.

Vortrag zum Gedenken an Tschernobyl

Es wird öffentliche Aktionen am 25. April, also am Vortag zum Tschernobyl-Gedenktag geben. atomstopp beteiligt sich dabei an einer europäischen Aktion. In hunderten Städten werden Lichteraktionen zur Erinnerung an die Reaktorkatastrophe in der Ukraine stattfinden. Im Vorfeld des Fukushima-Gedenktages wird es Radiosendungen und Fernsehsendungen geben, in denen wir Leute zu Wort kommen lassen, die uns einen Einblick in die Situation in Fukushima geben können. 100.000e Menschen dürfen wegen der Strahlenbelastung wohl nie mehr wieder in ihre Heimat zurück.

Ausstieg aus der Atomkraft

BezirksRundschau: Bei der Klimakonferenz in Paris wurde langjährig der Ausstieg aus Kohle, Erdöl, Erdgas zur Energiegewinnung gefordert und festgeschrieben. Besteht da nicht die Gefahr, dass wieder verstärkt Atomkraftwerke unter dem Deckmantel „CO2- neutrale Energiegewinnung“ forciert werden?
Roland Egger: Die Gefahr besteht durchaus und die Atomlobbyisten haben in Paris auch sehr darauf geachtet, dass Atomkraft als klimafreundliche Energieform berücksichtigt wird. Zum Glück ist es ihnen aber nicht gelungen, dass im Abschlussdokument irgendwo die Atomkraft erwähnt wird. Das allein ist schon ein gutes Zeichen! Die Atomlobbyisten haben zur Zeit das Problem, dass durch die Erneuerbaren Energien die Strompreise an den internationalen Börsen so gering sind, dass sich die Investition in Atomkraft absolut nicht rechnet!

Das AKW Temelin

BezirksRundschau: Auch um das Atomkraftwerk Temelin ist es in letzter Zeit still geworden?
Beim AKW Temelin sehen wir, dass die Störfallanfälligkeit in der letzten Zeit typischerweise etwas zurückgegangen ist. Das bedeutet aber leider nicht, dass die von Anfang an kritisierten Sicherheitsmängel behoben wären. Nach wie vor ungeklärt ist aus dem Melker Prozess die Frage der Erdbebensicherheit, der Qualifikation der Sicherheitsventile und auch die Führung der hochenergetischen Leitungen. Im Hintergrund und auf Expertenebene wird zwischen Österreich und Tschechien immer noch diskutiert und verhandelt, was prinzipiell gut ist. Fakt ist aber auch, dass im Melker Abkommen vereinbart wurde, dass alle Sicherheitsfragen noch vor der Aufnahme des kommerziellen Betriebs gelöst werden sollten. Und das ist leider nicht passiert. Die heftigen Proteste der Bevölkerung haben aber sicher dazu beigetragen, dass die Politik nach wie vor auf die Umsetzung der offenen Punkte drängt, auch wenn das manchmal als zu lasch und zu wenig engagiert erscheint.

AKW Dukovany

BezirksRundschau: In den letzten Monaten hat es auch in Tschechien große Aufregung wegen der Schweißnähte im AKW Dukovany gegeben? Was ist davon zu halten?
Roland Egger: Es ist unglaublich, aber man herausgefunden, dass im AKW Dukovany tausende Schweißnähte mangelhaft sind oder dass Kontrollbilder gefälscht wurden. Das hat die tschechische Atomaufsicht sehr erzürnt. Und offenbar ist auch das AKW Temelin betroffen! Natürlich beruhigt man in Tschechien, dass alles unter Kontrolle sei, aber dass ein solcher Schlendrian in Atomkraftwerken vorkommt, ist höchst bedenklich und sollte eigentlich die sofortige Abschaltung der Atomreaktoren zur Folge haben!

BezirksRundschau: Ist der geplante weitere Ausbau realistisch?
Roland Egger: Der tschechische Atomkonzern CEZ hat 2014 die jahrelang vorbereitete und öffentliche Ausschreibung für zwei Reaktoren am Standort Temelin abgesagt, weil der Ausbau ohne massive staatliche Subventionen nicht durchführbar ist und die jetzige tschechische Regierung andererseits klargelegt hat, dass es keine solche Subventionen geben wird. Solange also die staatlichen Subventionen verweigert werden, ist der Ausbau völlig unrealistisch.

Endlagerstätte in Grenznähe?

BezirksRundschau: Wie schaut es mit der Endlagerstätte in unserem Nachbarland Tschechien aus. Ist das geplante Endlager in Grenznähe endgültig vom Tisch?
Roland Egger: Beim Standort Boletice, der in einem Militärsperrgebiet und mit nur 18 km zu Oberösterreich am nächsten liegt, sind die geologischen Voraussetzungen für eine Endlagerung des hochradioaktiven Abfalls nicht gegeben. Das hat das tschechische Industrieministerium im Feber 2014 bestätigt. Man kann nur hoffen, dass sich die Expertenmeinung nicht wieder ändert.

Was tun gegen Atomstrom?

BezirksRundschau: Was kann jeder Einzelne gegen die Atomkraft unternehmen?
Roland Egger: Wichtig ist, dass man sich genau anschaut, woher man seinen Strom bezieht und dass man ausschließlich jenen Stromanbieter wählt, der 100% Erneuerbare Energie anbietet und das auch entsprechend nachweisen kann. Leider gibt es eine gesetzliche Lücke bei der Stromkennzeichnung. So ist es möglich, dass die Stromanbieter durch den Kauf von Zertifikaten jeden Strom – auch Graustrom bei dem Atomstrom nicht ausgewiesen wird und den sie an der Börse einkaufen – „sauber waschen“ können und somit als 100% erneuerbar verkaufen. Man sollte also unbedingt nachfragen, woher die Zertifikate kommen und am besten nur jene Anbieter auswählen, die Erneuerbaren Strom 100% aus Österreich anbieten mit Zertifikaten aus Österreich. So kann man sich sicher sein, dass man die Atomindustrie nicht unterstützt!
Wir bieten immer wieder Aktionen zum Mitmachen an, Unterschriftenaktionen, Appelle, offene Briefe. Nähere Informationen dazu findet man auf unserer Internet-Seite: www.atomkraftfrei-leben.at

Zur Sache:

atomstopp ist ein loser Zusammenschluss von atomstopp_atomkraftfrei leben! und den Freistädter Mütter gegen Atomgefahr.
Unser Ziel: Wir wollen den europäischen Atomausstieg und das Ende des EURATOM-Vertrages. Letztlich wollen wir den völligen Verzicht auf die Nutzung der Atomenergie - weltweit. In der Vernetzung mit anderen Anti-Atom-Organisationen arbeiten wir an Projekten europäischer Dimension. Aufklärungs- und Pressearbeit, regelmäßige Informationen für Mitglieder und Lobbying bei Politiker /-Innen und Meinungsbildner_innen - gemischt mit einer guten Portion "Aktionismus" sind unsere Instrumente dazu.

http://www.atomkraftfrei-leben.at

Autor:

Helmut Eder aus Rohrbach

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