11.11.2017, 12:25 Uhr

Ich bin weit weg...

Episoden aus meinem Leben

65. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

Ich freue mich, wenn Ihr für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Euren individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar an mich schickt: egon.biechl@chello.at Auch der Wunsch, die Splitter regelmäßig per Email zu erhalten, kann hier deponiert werden.
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Ich bin weit weg. Weit weg vom Tiroler Ötztal, wo meine Mutter ist, weit weg von Salzburg, Wahl-Domizil meiner spendablen Tante, von der ich unter anderem meinen Fotoapparat habe, weit weg von Innsbruck, wo ich geboren bin, wo meine Gymnasial-Kolleginnen und -Kollegen sind und wo ich meine deutschsprachigen Ordensbrüder zurückgelassen habe. Ich bin im italienischen Piemont, in einem Kloster der Serviten oder - wie man hier zu sagen pflegt. „in un monastero dei Servi di Maria“.
Vieles ist anders, aber nicht alles. Hier spricht man Italienisch, trägt Tonsur und spielt Boccia. Man trinkt täglich Wein statt einmal in der Woche Bier. Man scherzt, spielt sich gegenseitig Streiche und fotografiert. Besser gesagt: ich fotografiere mit meinem Fotoapparat.
Außer der Lustbarkeit, die ich mit meinem stümperhaftem Italienisch bei der Tischlesung zu bieten habe, machen mich meine Foto-„Künste“ zur Attraktion unserer Studenten-Gemeinschaft. Gerne lassen sich meine Berufsgenossen fotografieren, gerne lasse ich mich von ihnen ablichten. Der professionelle Touch kommt dazu, als ich von Blumen und Obstbäumen im Klostergarten und von Gemälden und Statuen im Klosterhof und in der Kirche Aufnahmen mache.
Diese meine Beschäftigung findet Anklang bei meinen Mitbrüdern, insbesondere bei Frater Domenico, der bald zu meinem speziellen Freund wird. Aber auch der Pater Magister, der Pater Prior und andere im Universitätsbetrieb lehrende Geistliche finden Interesse daran.
Dieses ist so groß, dass meinem Ansuchen nach einem Vergrößerungsgerät und einer Dunkelkammer stattgegeben wird. Das fototechnische Gerät ist von der weltbekannten Marke Durst und die Dunkelkammer eine leerstehende Zelle im Dachgeschoß.
Jetzt beginnt die eigentliche Lustbarkeit für mich und Fra Domenico, den ich daran teilhaben lasse.
Statt Boccia zu spielen oder gar Fußball, was einige von uns vorziehen, verbringen wir und vor allem ich viele Stunden in dieser Kabause, belichten, entwickeln und fixieren unsere Schnappschüsse. Uns fasziniert diese Tätigkeit, die für einen Klosterbruder im Theologiestudium ziemlich ungewohnt ist, noch dazu in Italien!
Besonders interessant wird die Funktion, die ich mittlerweile erfülle, als wir beginnen herumzureisen.
Ein Ausflug in das naheliegende schweizerische Mendrisio, an dem alle von uns fünfzehn Jungen unter der Führung von dreien unserer geistlichen Gebieter im offiziellen Klostergewand teilnehmen, bietet willkommenen Anlass zum Fotografieren. Nachdem ich der Kloster- und Kirchenfotograf bin, fehle ich leider auf dem Lichtbild und muss mich - der Vollständigkeit halber - erst nachträglich dazu kopieren.

Manchmal freilich bin auch ich bei der Schar der Fotografierten, sodass ich mich im Gefühl des Wichtig-Seins räkeln kann.Ganz bedeutsam fühle ich mich, als mich mein Freund ganz allein inmitten zweier Genueser Familien auf dem gebirgigen Pian della Regina, wo wir einen Teil unserer Sommerferien verbringen, mit meinem Fotoapparat ablichtet.

Fünfzig Jahre später bin ich weit weg vom italienischen Piemont, weit weg vom Kloster, weit weg von Tirol. Ich bin in Wien.
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