02.12.2017, 13:23 Uhr

Episoden aus meinem Leben - Reisen mit 3 Pässen

68. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Es ist bereits ein großes Ereignis für mich, als ich, 7-jährig und begleitet von meiner Mutter, auf der Mittenwald-Bahn, über Garmisch-Partenkirchen nach Innsbruck fahre. Unser Waggon nach Innsbruck wird an der österreichisch-deutschen Grenze versiegelt und gestattet uns daher nicht, in Deutschland auszusteigen. Trotzdem bin ich in einem fremden Land und genieße es wie ein Abenteuer.

Ein vierjähriger Aufenthalt in Italien, Reisen nach Skandinavien und Nordamerika sind für mich, den Buben vom Lande, noch viel spannender und aufregender. Es gibt viele Momente, in denen ich begeistert in der Gewissheit schwelge, dass nicht jeder solche Auslandserfahrung sammeln kann.

Viele Reisen nach Italien, wo ich meine Italienischkenntnisse auspacken kann, und Griechenland, wo mir mein Studium des Altgriechischen überhaupt nichts nützt, machen mich sattelfest im kontinuierlichen Ortswechsel.

Als ich jedoch die Verantwortung für den Verkauf der Produkte unserer Papierfabrik im Mittleren Osten und Nordafrika übernehme, wird das Reisepensum zumindest anfänglich zur Herausforderung. Zunächst ist da die Pflicht, sechs/sieben verschiedene Impfungen über sich ergehen zu lassen. Das ist weiter nicht tragisch, trotzdem unangenehm, weil es mir die Zeit für Aufgaben nimmt, die mir wichtiger erscheinen. Prompt „vergesse“ ich alle vorgesehenen Nachimpfungen ein für allemal.

Die weiteren Vorbereitungen für meine Reisen, bei denen ich Länder wie Jordanien, Jemen und die Vereinigten Arabischen bereise, kann ich an unser Backoffice delegieren. Das ist zwar ein Büro, das jede einschlägige Arbeit zu erledigen hat, aber für das und jenes kristallisieren sich Experten heraus. Meine „liebe Expertin“ bucht für mich die Flüge, besorgt die Fremdwährungen und - was eigentlich als erstes passiert - sie lässt die Visa für die einzelnen Länder, die auf meinem Reiseplan stehen, in meinen Pass eintragen. Das ist eine lange Prozedur, besuche ich doch sechs oder sieben Länder im Laufe einer vierzehntägigen Reise.

Was für mich angenehm ist: ich brauche nur exakte Anweisungen zu geben. Bald stellt sich jedoch heraus: meine „liebe Expertin“ muss resignieren. Die Zeit für das Sammeln der einzelnen Visa reicht nicht. Meine Firmenleitung besorgt mir unter diesen Umständen zur Förderung des österreichischen Exports einen Zweitpass, damit einer von ihnen während meinen Reisen in irgendeiner Botschaft auf den Stempel wartet. Damit sind wir beide diese Sorgen los.

Bei der Abrechnung des ausländischen Bargelds ergeben sich andere Schwierigkeiten: in den arabischen Ländern ist es nicht üblich, dass man für kleine Beträge wie Taxispesen, Flughafentaxen oder gar für Trinkgelder eine Rechnung erhält. Ich will diese Ausgaben nicht auf mich nehmen. Pro Land summieren sich diese Beträge auf rund öS 1.000, beispielsweise auf Syrische Lire 4.200 oder auf Türkische Lira 4.500 in einem Jahr wie 1992, in Israel beläuft sich das sogar auf Neue Schekel im Wert von zirka öS 2.000. Also muss ich dafür Ersatzbelege ausstellen, die dank meiner Argumentation anstandslos akzeptiert werden. So muss ich die Abrechnung meiner Spesen aus einem dubiosen Gedächtnisprotokoll zusammenstellen und damit herumtrödeln, während sich meine Kolleginnen und Kollegen um wichtigere Aufgaben kümmern. Zuständig für europäische Länder können sie ihre Reiseabrechnungen, versehen mit exakten schriftlichen Belegen, locker delegieren. Um die Übernachtungen in den Hotels freilich brauche auch ich mich nicht sonderlich zu kümmern. Dafür habe ich offizielle Rechnungen, beglichen mit meiner Firmen-Kredit-Karte.

Bei einem meiner Israel-Besuche will die Dame an der Grenzkontrolle nach meiner Ankunft aus Ägypten, das nach meiner Wahrnehmung als einziges arabisches Land Flüge nach Tel Aviv gestattet, unbedingt meinen Pass mit der israelischen Stampiglie versehen. Bereits von österreichischen Behörden vorgewarnt weiß ich, dass das nicht unbedingt erforderlich ist. Der Grund besteht darin, dass man mit dem israelischen Hoheitszeichen im Pass nicht mehr in arabische Staaten weiterreisen darf. Ich weigere mich daher und drohe, sofort wieder umzukehren, wenn sie darauf besteht. Daraufhin erkundigt sie sich bei ihrem Chef, entspricht meinem Wunsch und stempelt ein Blatt Papier, das sie meinen Pass beilegt.

Meine Firma will mir in Kooperation mit amtlichen Stellen die bestmöglichen Voraussetzungen für meine Reisen in den Mittleren Osten verschaffen. Ich bekomme einen Dienstpass, der sich nicht nur durch die blaue Farbe von meinen anderen zwei grünen Pässen unterscheidet, sondern mir einen besonderen Status verleiht. Ich darf mich also wichtig fühlen, wenn es auch nichts mit mir, sondern nur mit den Handelsbeziehungen Österreichs zu tun hat. Jetzt habe ich ja drei Pässe zur freien Wahl.

Dieses Dokument bringt keinen Vorteil außer dem, dass man mich etwas höflicher behandelt aber auch argwöhnischer mustert. Das trifft mich nicht. In Saudi-Arabien werde ich nach dem langwierigen Wühlen in meinen Gepäckstücken zu Beginn der Einreise-Prozedur bei jeder der restlichen sechs Kontrollen - aus Langeweile zähle ich sie manchmal - jedes Mal aufgehalten.

Anders ist das im Iran. Angekommen am Flughafen in Teheran geleitet mich ein Beamter nach der Erkenntnis, das ich einen Dienstpass habe und damit ein Privileg genießen muss, an allen weiteren Kontrollen vorbei und führt mich galant zum Taxistand. Insgeheim wundere ich mich sehr über diese bevorzugte Behandlung. Es ist aber auch das einzige Mal, dass mir so etwas bei meinen Reisen widerfährt.

Ich nehme das gelassen zur Kenntnis und bin nicht mehr so aufgeregt wie einst bei meiner Fahrt mit der Mittenwald-Bahn durch deutsches Hoheitsgebiet.
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Josef Draxler aus Melk | 02.12.2017 | 14:38   Melden
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Egon Biechl aus Rudolfsheim-Fünfhaus | 02.12.2017 | 14:52   Melden
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