28.11.2017, 09:03 Uhr

Gerade bin ich als 27-Jähriger ...

Episoden aus meinem Leben

3. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

Bitte nützt die Möglichkeit, Euch abzumelden oder Freunde einzuladen

Kleriker
Gerade bin ich als Siebenundzwanzigjähriger aus diesem katholischen Männerorden ausgetreten und nach vier Jahren in Italien mit meinem Motorrad, einer Gilera, zurückgekehrt. Ich bin also wieder in Innsbruck.

Nach all den Turbulenzen, die mit einem Klosteraustritt einhergehen, gilt es jetzt, mich ausschließlich auf ein neues Leben zu konzentrieren, das dabei ist, sich in so vielen Punkten zu ändern.

Obwohl ich bereits ein klösterlicher Außenseiter bin, wohne ich in der Innsbrucker Niederlassung dieses Mönchsordens und versuche, von hier aus die nötigen Voraussetzungen zu schaffen.

Wenngleich ich mich vom Orden verabschiede, werde ich von allen hier wohlwollend aufgenommen. Ich kenne jeden von Ihnen von früher und bin mit den meisten befreundet.

Die Mitbrüder in meinem Alter begrüßen mich herzlich. Man merkt jedoch, dass meine Entscheidung sie nicht unberührt lässt. Direkte Folgen hat das - meines Wissens - freilich keine, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass sie bereits ihre Priesterweihe erhalten haben oder knapp davor stehen. Das ist ein - offizieller, aber auch gefühlter - Point of no return. Irgendwie sickern diese grundsätzlichen Erwägungen bei unseren kurzen Gesprächen durch. Alle sind jedoch prinzipiell von einem unerschütterlichen Willen getragen, dem Ideal, welches sie in ihrer Ausbildungszeit als solches erkannt haben, zum Erfolg zu verhelfen. Sie wollen die guten Seiten in den ihnen anvertrauten Mitgliedern der Pfarre wecken, indem sie ihnen die überlieferten Werte von Jesus, Gottes Sohn, und seiner Mutter Maria, dem speziellen Objekt der Anbetung im Orden der Serviten oder zu deutsch 'Diener Mariens', vorleben.

Wir kennen uns von unserer gemeinsamen Zeit im Juvenat, dem Internat bis zur 8. Klasse Gymnasium, vom Noviziat, der Vorbereitungszeit auf das Leben im Kloster, in dem wir bereits die Ordensgewänder tragen dürfen, und dem Klerikat, währenddessen wir das Studium der Philosophie und Theologie absolvieren.

Wir sind auch Freunde durch all das, was wir gemeinsam erlebt haben, beispielsweise beim gemeinsamen Theaterspiel. Ich erinnere mich daran, dass ich bei einem mittelalterlichen Stück rund um die Kreuzzüge den exotischen Scheich, Anführer des Verteidigungsheeres mit einem kunstvoll nachgemachten Sarazenen-Schwert gespielt habe: "Was sucht Ihr hier. Das ist unser Land. Schert Euch zum Teufel!" Bei der Auswahl des Bühnenstücks waren wir hier im Männerkloster ziemlich beschränkt, weil keine Frauen vorkommen sollten, denn niemand von uns wollte einen weiblichen Part spielen.

Unsere Freundschaft rührt auch von den gemeinsamen Schiausflügen nach Scharnitz, wozu wir von einem sehr sympathischen Freund meiner Mutter (soll man 'Hausfreund' sagen, weil mein Vater nicht involviert war?) eingeladen wurden, um uns mit seinen Töchtern (!) auf der Schipiste zu vergnügen und dann gemeinsam mit ihnen bei einem Mittagmahl zu schäkern, wie es von uns - schon wegen der Seltenheit - besonders genossen wird.

Da die Tiroler Johannes-Feuer im Laufe der Zeit zu den rein weltlichen Sonnwendfeuern umgedeutet wurden, waren von der klerikal-religiösen Warte die Herz-Jesu-Feuer eine Woche danach ins Leben gerufen worden. Diese feierten wir ebenfalls gemeinsam mit großem Enthusiasmus. Die Organisation dieser Bergfeuer hatte uns einen bestimmten Abschnitt der Nordkette zugeteilt, der für unsere Pfarre recht nahe bei der Endstation der Bergbahn war. Das heißt wir mussten die super brennbaren schweren Autoreifen nicht sehr weit am Berggrat zu den Feuerstellen rollen. Zuvor waren wir und diese Autoreifen gratis mit der Hungerburgbahn zur Hungerburg, mit der Seegrubenbahn zur Seegrube und mit der Hafelekarbahn hier zum Hafelekar befördert worden. Sonst wäre es uns wohl unmöglich gewesen, solche Lasten auf die Nordkette zu befördern. Obgleich die Organisation der traditionsbezogenen Sonnwendfeuer selbstverständlich von den Stadtbetrieben unterstützt wurde, wurde auch uns, die wir mit dem kirchlichen Hintergrund etwas abschätziger angesehen wurden, dieses Service zugestanden.

Einmal haben wir auch die letzte Talfahrt der Hafelekar-Bahn um 23 Uhr versäumt und und es blieb uns nichts anderes übrig, als die Seegrube zu Fuß zu erreichen. Dabei fühlte ich mich in meinem Element und stürmte allen voran die extrem steilen Gesteinsrinnen zur Seegrube hinunter, mussten wir doch die Seegruben-Bahn noch erreichen. Per pedes von der Seegrube bis nach Innsbruck hinunter zu marschieren, wäre wohl nach all den Anstrengungen diese Tages eine kaum bewältigbare Aufgabe gewesen. Und die unangenehmen Schimpfkanonaden des grantigen Klosterbruders, zuständig für den Einlass zur Nachtzeit, wären kein passender Abschluss dieses ereignisreichen Tages gewesen.

Auch mein ehemaliger Beichtvater, der mir so oft trotz meiner kleineren und größeren Vergehen Mut eingeflößt hatte, begrüßt mich liebevoll. Zuletzt war er als Magister des Noviziats und Klerikats mein unmittelbarer Chef gewesen. Mit ihm verbindet mich ein ausgezeichnetes, weil von Vertrauen getragenes, Verhältnis. Auch er lässt mich nicht fühlen, dass ich mich durch meine Entscheidung außerhalb seiner und meiner bisherigen Welt gestellt habe.

Pater Provinzial, der oberste Würdenträger dieses Ordens in Österreich, vermittelt mir zu Beginn unverkennbar, dass er nicht zum ersten Mal mit solchen oder ähnlichen Situationen konfrontiert ist, und dann, dass er im Einzelfall, so auch in meiner Angelegenheit, souverän und einfühlsam reagiert. Ich bin richtiggehend erleichtert, als er meinen Entschluss mit fester, überzeugter Stimme als verantwortungsvolle Entscheidung hinstellt. Er verspricht mir zu meiner seelischen Entlastung, für mich um Dispens von der feierlichen oder ‘ewigen’ Profess, dem Versprechen, dem Orden für immer anzugehören, und von dem von mir erworbenen Weihegrad des Subdiakonats anzusuchen. Ich bin ihm zutiefst dankbar für alle diese klaren Worte, die mich tatsächlich erleichtern und mir Hoffnung darauf machen, in Ruhe mein künftiges Leben angehen zu können.

Im Moment habe ich aber noch ein anderes Problem zu lösen. Da ich - als Angehöriger eines geistlichen Ordens - von der Wehrpflicht befreit war, bin ich jetzt verpflichtet, mich der Stellungskommission zu präsentieren. Ich finde jedoch die Vorstellung unerträglich, als Rekrut von einem bedeutend jüngeren Vorgesetzten, Gefreiten, Korporal oder was auch immer, dirigiert oder möglicherweise auch schikaniert zu werden.

Aus diesem Grund lasse ich mir für den entscheidenden Moment der Feststellung, ob ich tauglich oder untauglich bin, ein ärztliches Attest ausstellen, welches meine - tatsächlichen - chronischen Kopfschmerzen meinen - tatsächlichen - Unfällen mit Gehirnerschütterung zuschreibt. Weil ich jedoch meine Chancen, als nicht tauglich zu gelten, intensivieren möchte, greife ich - obwohl davon keine Rede sein konnte - zu einer Notlüge: “Meine Großmutter ist in geistiger Umnachtung gestorben.” - Zu meiner großen Erleichterung wird mir geglaubt. So körperlich fit und sportlich ich auch bin, erhalte ich doch die Bestätigung meiner Untauglichkeit zum Wehrdienst.
.
Einer unmittelbaren Berufstätigkeit steht somit nichts mehr im Wege. Dazu fahre ich zu meiner Tante nach Salzburg, die mir versprochen hatte, mich für die erste Zeit in meinem neuen Leben bei sich zu beherbergen. Ich brause also mit meiner Gilera und meinen Habseligkeiten, die alle auf den beiden Gepäcksträgern dieses Motorrads Platz haben, dorthin und werde von ihr herzlich willkommen geheißen.

Ein weiteres Problem tut sich auf: Meine Gilera hat ein italienisches Kennzeichen und ich muss sie in Italien ab- und in Österreich anmelden, was schwierige, langwierige Behördenwege mit sich bringt, Da kommt die - weise und äußerst kulante - Entscheidung meiner Tante: “Stell das Motorrad in meinen Holzschuppen und vergiss es!” - Obwohl ich die freie Beweglichkeit mit diesem Fortbewegungsmittel kennen und schätzen gelernt habe, sehe ich diese Vorgangsweise ein und beuge mich - schweren Herzens aber doch - diesem 'unerhörten' Ansinnen meiner Tante.

Jetzt sind alle Hindernisse beseitigt und ich kann mich ganz ungeniert meiner weiteren Lebensplanung zuwenden.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.