Interview
Autorin Mareike Fallwickl verrät ihre Lieblingsplatzerl in Salzburg

Mareike Fallwickl beim Spaziergang im Wald.
  • Mareike Fallwickl beim Spaziergang im Wald.
  • Foto: Gyöngyi Tasi
  • hochgeladen von Sabrina Moriggl

Was bewegte Sie zum Schreiben und was in der Gegend zu bleiben?

FALLWICKL: Ich bin ein wandelndes Klischee: Ich habe schon als Kind heimlich unter der Bettdecke gelesen. Das Schreiben war stets da, es war immer Teil meines Lebens, ich hab das nie infrage gestellt – für mich war klar: Was man da machen kann, mit Worten Welten erschaffen, Geschichten erfinden, das will ich auch. Meinen ersten Roman hab ich auf der Schreibmaschine getippt, als ich dreizehn war, er hieß „Lena Katzenauge“. In der Gegend bin ich erst mal nicht geblieben, dafür aber später zurückgekehrt: Als ich überlegt habe, eventuell selbst eine Familie zu gründen, bin ich wieder nach Salzburg gezogen.

Ihr Buch „Dunkelgrün fast schwarz“ feiert viele Erfolge. War Ihnen bereits beim Schreiben bewusst, dass dieses Buch erfolgreich werden würde?

FALLWICKL: Nein, absolut nicht. Das kann man weder ahnen noch planen. Nichts davon war absehbar – es gab zuerst nur die Idee, dann ein paar Seiten, mehr nicht. Dass das derart durch die Decke gehen würde, hab ich nicht einmal ansatzweise erwartet – und zum Glück nicht gewusst, denn es hätte mich unter Druck gesetzt. So konnte ich das Buch unbedarft schreiben, frei von Erwartungen.

Warum wählten Sie den Schauplatz Hallein/Salzburg Stadt?

FALLWICKL: Weil ich mich da sehr gut auskenne. Ich habe eine persönliche Verbindung zu den Orten, ich kann sie besser beschreiben. Ich wurde inzwischen wohl hundertmal gefragt, ob die Geschichte auch woanders spielen könnte: Ja, freilich. Solche Kinder wie Raffael – die gibt es überall.

Sie verorten die Geschichte gezielt an bekannten Orten in der Innenstadt, wie das Take five oder die Würstlkönigin. Eine Hommage an Salzburg, Erinnerungen an früher oder rein fiktiv?

FALLWICKL: Die Orte sind real, die Figuren und die Ereignisse sind rein fiktiv. Und selbstverständlich ist das zum Teil auch eine Hommage an die Stadt, die im Buch mehr ist als eine Kulisse.

Sie setzen bei „Dunkelgrün fast schwarz“ auf eine kunstvolle Sprache. Haben Sie sich bewusst dafür entschieden?

FALLWICKL: Das Schreiben ist ein fließender Prozess, ich glaube, vieles davon ist weniger bewusst, als man glaubt. Man ist zwar als Autorin der Meinung, man habe die Oberhand, doch das ist nur zum Teil wahr. Eine gute Geschichte hat ihren eigenen Flow, und dem muss man sich ergeben. Das neue Buch, das ich gerade fertigstelle, ist ganz anders geworden als ursprünglich geplant. Auch bei „Dunkelgrün fast schwarz“ hatte ich nie die Absicht, so viele Farben einzubauen – aber die Figur hat das verlangt, die Geschichte ließ sich nur so erzählen, und deshalb habe ich mich in diesen Sog fallenlassen. Heute bin ich froh darüber, denn das hat das Buch besonders gemacht. Und mir die Möglichkeit gegeben, auf eine Weise zu schreiben, die man vielleicht noch nicht kennt.

Im Buch kann man viel zwischen den Zeilen lesen, so wird der Leser bei Marie mit auf eine Reise in ihre Innenansicht genommen. Vieles wird nicht direkt ausgesprochen und doch versteht man diese Figur. War es für Sie von Anfang an klar, dass Sie viel Ungesagtes in der Konstellation Ihrer Figuren lassen?

FALLWICKL: Auch das ist etwas, das sich ergibt. Jede Figur hat ihre eigene Stimme, und wenn der Zeitpunkt kommt, da man auf derselben Frequenz mit den Charakteren ist, kann man sie hören. Im Roman gibt es drei Figuren, und jede klingt anders – die andere verrät mehr, die andere weniger. Generell geht es natürlich um das Ungesagte, es ist essenzieller Teil der Geschichte: die Dinge, die wir nicht aussprechen, die Dinge, die uns genau aus diesem Grund über Jahre hinweg verletzen.

Sie wuchsen in Hallein auf, war es für Sie genauso schlimm wie für Raf?

FALLWICKL: Ich habe eine sehr ausgeprägte Hassliebe zu Hallein. Wie vermutlich jeder zu seiner Heimat: Man schimpft sehr gern, aber wehe, jemand anderer schimpft! Dann verteidigt man seine Stadt. Ich habe den Dürrnberg als Kind geliebt. Ich hätte mir keinen besseren Ort vorstellen können, um aufzuwachsen, als dort – umgeben von Wald, Wiese, Bach. Es war das Paradies.

Die Figur von Raf ist sehr stark, die Aussage am Schluss, in der er erklärt, warum er so ist, wie es ist kommt jedoch leider etwas pauschal daher. Stand für Sie von Anfang an fest, dass Raf so enden wird?

FALLWICKL: An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Mir wurde vorgeworfen, dass ich nicht aufkläre, warum Raf so ist. Ich bin aber der Meinung: Das ist ein Unterhaltungsroman, kein psychologisches Lehrbuch. Andere wiederum finden es gut, dass Freiraum für den Leser und seine eigene Fantasie bleibt. Raf „endet“ nicht. Er ist ein ambivalenter Charakter, er ist nicht von Grund auf „böse“. Er ist ein Mensch, wie ihn jeder von uns kennt: manipulativ, intrigant, anziehend, undurchschaubar. Einer, bei dem man spürt: Der tut mir nicht gut. Und den man genau deshalb umso faszinierender findet.

Welche Figur sehen Sie als Hauptcharakter?

FALLWICKL: Gar keine. Kern des Romans ist eine ungleiche, toxische Freundschaft. Ein Beziehungsgeflecht mit mehreren Menschen, das an einer Stelle krankt, weil da jemand absichtlich die Fäden zieht, Grenzen überschreitet. Das Buch setzt sich aus Splittern zusammen wie ein Mosaik, sie stammen aus der Vergangenheit und der Gegenwart, sie stammen von drei verschiedenen Figuren, die aus ihrer Sicht von Raf berichten: Er ist derjenige, um den alle sich drehen, man könnte ihn als Hauptcharakter sehen – aber der Kniff besteht darin, dass ausgerechnet er keine eigene Perspektive hat.

Was ist für Sie die zentrale Aussage des Buches?

FALLWICKL: Dass manchmal alle guten Intentionen nichts nützen, wenn es da jemanden gibt, der sie ins Gegenteil verkehrt. Der Ursprung von allem ist in diesem Buch die Liebe, doch sie wird verzerrt, sie wird umgeleitet, sie kommt nicht an ihr Ziel. Warum gibt es Kinder, die bereits in jungen Jahren derart hinterfotzig sind? Sind die Eltern schuld daran oder ist das doch angeboren? Und was geschieht, wenn so jemand erwachsen wird? Das waren die Fragen, die mich beschäftigt haben. Der Roman ist eine mögliche fiktive Antwort darauf.

Wie oft kommen Sie in die Innenstadt und welche Plätze sind Ihre liebsten?

FALLWICKL: Ich habe ein Büro in der Stadt und bin regelmäßig hier. Am liebsten mag ich den Sebastiansfriedhof mit seinen alten Gräbern und der Gestaltung eines Campo Santo. Ich mag aber auch den Blick von den Stadtbergen hinunter auf die Dächer Salzburgs. Da denke dann sogar ich: schon schön.

Was schätzen Sie am Dorfleben und was am Stadtleben?

FALLWICKL: Da ich selbst als Draußenkind aufgewachsen bin, liebe ich am Dorfleben, dass man mitten in der Natur ist. Wir haben einen Wald vor der Haustür, den Fuschlsee um die Ecke und das gesamte Salzkammergut vor uns ausgebreitet – was könnte es Besseres geben? Die Stadt hat im Vergleich natürlich ein größeres Angebot an Kultur, Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten.

Empfinden Sie Salzburg manchmal als provinziell? Wenn ja, warum und was würden Sie an der Stadt ändern?

FALLWICKL: Salzburg ist ein wunderschönes Ding in einer Vitrine hinter Glas, das man anschauen – und gern auch fotografieren –, aber bitte nicht angreifen darf. Dies ist eine Stadt für Touristen, für Kameras, für Festspielgäste. Man darf sie bewundern, mehr nicht, weil: Es könnt ja was dreckig werden. Die unbeschwerte Lässigkeit von Graz zum Beispiel, die hat Salzburg nicht. Dafür lockt sie Gäste aus aller Welt an, die garantieren, dass wir unsere hohe Lebensqualität erhalten können. Und das ist freilich nicht zu unterschätzen.

In Salzburg lief heuer das Frauenvolksbegehren. Würden Sie die Frauen in Ihrem Roman als emanzipiert bezeichnen?

FALLWICKL: Nein. Und ich möchte betonen: Das müssen sie auch gar nicht sein. Es ist nicht die Aufgabe eines fiktiven Werks – das noch dazu zum Großteil in den Achtzigerjahren spielt –, die Welt besser zu schreiben, als sie ist. In diesem Fall muss man sogar sagen: Das ist eine Geschichte über Manipulation und Abhängigkeit, in der es ausschlaggebend ist, dass niemand – nicht nur die Frauen! – emanzipiert ist. Das ist genau der Punkt: Die Figuren müssen lernen, sich zu befreien. Und auch wenn schon viele versucht haben, mir daraus einen Strick zu drehen, stehe ich dazu: Es GIBT solche Frauen wie im Buch, es GIBT diese von einem Machtgefälle dominierten Beziehungen. Ich erzähle sie, weil sie zu unserem Leben gehören. Die Hoffnung, dass wir das in Zukunft besser machen werden, ist ja dadurch nicht ausgeschlossen.

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