Einer muss bezahlen
Prächtig gestorben - so lebensnah!

Der 33-jährige in Admont geborene Ingeborg-Bachmann 2017 und Nestroy 2018 preisgekrönte Ferdinand Schmalz alias Matthias Schweiger nähert sich dem spätmittelalterlichen, englischen Mysterienspiel "Everyman" vom Sterben des reichen Mannes auf teils aufgeklärte Weise, dem 21. Jahrhundert geschuldet im Salzburger Schauspielhaus. Ein Tinnitus geplagter Jedermann ist am Ende ein Opfer der konsumorientierten Gesellschaft, an dem sich Schaulustige -auch das Publikum?- am Todeskampf satt sehen können. Damit wird die Opferfrage in das Nachkriegslicht gestellt. Am Ende des Stücks wird Jedermann zum Opferlamm. "Der Tod ist eine Mauer, die immer höher wird."
Regisseur Rudolf Frey versetzt die Handlung in den grasgrünen Park der Villa eines Bankers, wo sich während einer Gartenparty ein ungebetener, körperlich zuckender, weiblicher, schwarz gekleideter Gast - souverän gespielt von Kristina Kahlert- einfindet. Ein guter Schachzug, Tod und Buhlschaft als personifizierte Todessehnsucht darzustellen. Susanne Wende als Jedermanns Frau bleibt ziemlich cool (Vermittlerin zwischen Tod und Jedermann) . Sie und die so genannte teuflische Gesellschaft kennen die Spielchen, die sich auf dem Tanzboden der Börsenspekulation, der"mit Leichen zugepflastert" ist, abspielen. Als der auf der Himmelsleiter von Eros bzw. der Tödin Überwältigte fragt: "Und was jetzt?", antwortet die Tödin prosaisch:"Jetzt wird gestorben." Und Jedermann fleht:"Lass mich jetzt nicht allein", bevor er langsam seines letzten Hemdes entledigt in einem Wiesenloch verschwindet, in das die Hinterbliebenen ihren moralischen Sermon schreiend oder starrend hineingießen. Jedermanns glaubende, lebenstüchtige, wackere Mutter Ute Stamm: "Er hat doch noch Gott gefunden". Jetzt ist ZuseherIn etwas irritiert. Sind wir letztendlich doch gottesfürchtig geworden, können wir mit/trotz Pomp ungeschoren in die Grube fahren? Tröstend die Jedermann-Mutter-GesangsSzene mit Mutters weisem Statement:" Wir sterben von Anfang an". British Humour bzw. Selbstironie manifestiert sich nicht nur an der Aufzählung von diversen Todesarten (vom Toaster in der Badewanne bis zum gebrochenen Herzen), sondern mehr oder weniger treffend an Schmalz' Freude am Form-, Wort-, Sprachspiel: "Wir sind nicht auf den Mund gefallen...Es mundet in uns...ohne Festung auch kein Fest." Klingt gut. Schmalz scheut sich auch nicht obsolete Redewendungen wieder wie Lollipops genüßlich zu lutschen. Jedermans Zaun (aufgebaut aus Leichenhüllen) letztendlich von zu vielen Sicherheitslücken durchsetzt , hat die Wirklichkeit (der Finanzmarkt bricht zusammen) eingeholt. Der Sinn des Fests ist ja per se " Besinnungslosigkeit". Der aus Ensemble-Mitgliedern bestehende Chor kommentiert, reflektiert, erzählt ad libidum die Handlung. Kostümbildnerin Elke Gattinger versucht eine Balance zwischen Mysterien der Vergangenheit (weiße Halskrause für die Nächstenliebe) und Neuzeit (schwarzes Lederoutfit) zu finden. Theo Helm als Jedermann gibt einen differenten, knallharten Börsenhai im Anzug ab, mit vollem Körpereinsatz, amazing! Bülent Özdil als Gott im Erstkommunionkleid mit Brautkranz und als Nachbar (Laus im Pelz) ist einfach authentisch. In der Mammon-Szene geifert Markus Marotte in einer etwas vulgären Moraltirade gegen die Finanzwelt mit erhobenem Zeigefinger. "Geld fickt", wodurch Zinsen (Kinder) und Zinseszinsen entstünden. Simon Jaritz und Antony Connor als tolpatschige, geldgierige, nicht geerdete Vetter machen ihre Sache spritzig mit makaberem Humor: " Der Tod kann nützlich sein, wenn er einen nicht selber trifft." Schließlich muss einer bezahlen! Die Anwesenden würdigten die postmoderne Aufführung gebührend mit angemessenem (langem) Applaus, obwohl der Kopf derjenigen auf der Längsseite der Laufstegbühne (Vincent Mesnaritsch geschuldet) Sitzenden sich oft als Pingpong Ball entpuppte. Aber das ist eine Nebensächlichkeit aufgrund der Ernsthaftigkeit des Themas!

Autor:

Helga Mag. Mühlbacher aus Salzburg-Stadt

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