Aufruf gegen die Sprachlosigkeit – Fremdenführer erzählen lieber vom im Zweiten Weltkrieg bombardierten Dom als von der Nazikunst in der Mozartstadt

Marko Feingold, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, im Gespräch mit Student Daniel Toporis: „Es ist gut, dass darüber geredet wird“, sagt Feingold zu den seit knapp 70 Jahren unkommentiert in Salzburg aufgestellten Nazi-Kunstwerken.
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  • Marko Feingold, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, im Gespräch mit Student Daniel Toporis: „Es ist gut, dass darüber geredet wird“, sagt Feingold zu den seit knapp 70 Jahren unkommentiert in Salzburg aufgestellten Nazi-Kunstwerken.
  • hochgeladen von Stefanie Schenker

„Das ist Wiederbetätigung und keiner unternimmt etwas“, empört sich ein älterer Herr. „Nein, alleine schon, dass die Statue da steht, ist Wiederbetätigung“, antwortet Student Daniel Toporis und erklärt: „Wir wollen Nazikunst sichtbar machen.“ Er und sein Kollege Oliver Gogl sind ein Teil des Uni-Projekts „Abgestellt?“, das sich mit den unkommentiert in der Stadt Salzburg stehenden Skulpturen nationalsozialistischer Künsterstars beschäftigt.

Damit sorgen die insgesamt acht an dem Projekt beteiligten Studenten für einen Eklat, denn: Thematisiert werden auch Max Rieders frühe Werke – unter anderem steht die Statue „Mutter und Kind“ im Park des Landeskrankenhauses. Sie wurde zumindest digital in eine „Vater und Kind“-Statue verwandelt. Damit und auch mit dem gesamten Projekt haben Max Rieders Töchter Waltraud Kowarik und Eleonore Tinzl kein Problem, ganz im Gegenteil: „Ich finde es wichtig, dass es solche Projekte gibt“, sagten beide. Aber: „Unser Vater war kein nationalsozialistischer Künstlerstar“, empören sie sich.

Statuen aus der Nazizeit stehen heute noch unkommentiert da
„Ja, er hat in seinen jungen Jahren Werke für die Nationalsozialisten gemacht, aber der weitaus größte Teil seiner Arbeiten entstand erst nach dem Nazi-Regime. Und die-se Arbeiten haben ihn zu einem anerkannten Salzburger Künstler gemacht – und deshalb kann man ihn nicht als Nazi-Künstlerstar bezeichnen.“ Ein Zusatzblatt mit einer entsprechenden Ergänzung im Prospekt zum Projekt hat die Gemüter wieder beruhigt.

Dass es einen Nachholbedarf in Sachen Nazikunst in der Mozartstadt gibt, zeigen nicht nur die über die Jahrzehnte unkommentiert gebliebenen Statuen einstiger NS-Künstler, sondern auch das Selbstverständnis mancher Fremdenführer. „Auf eine Nachfrage meinerseits bei einer Fremdenführerin, ob sie denn ihre Gruppen auf die Thorak-Statuen im Mirabellgarten hinweise, habe ich die Antwort bekommen, sie erzähle lieber davon, wie die Domkuppel von den Alliierten bombardiert worden sei“, erzählte „Abgestellt?“-Projektleiterin Hildegard Fraueneder.

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