Schubhaft: Mitten in Salzburg und doch ganz woanders

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Der Raum ist erfüllt vom Geruch ungewaschener Körper. Die meisten der sieben Männer sitzen schweigend da, einer hält sich krampfhaft an einem Koran fest, ein anderer macht gerade seinem Ärger Luft. „Everything is bad“, schimpft er. Hinter der Glastüre rauscht der Kammerjäger vorbei. Er soll der Krätze in Zelle 17 den Garaus machen.

SALZBURG. Der braunrote Fliesenboden in dem schmalen Gang zwischen öffentlich zugänglichem Teil des Polizeidirektionsgebäudes und dem Polizeianhaltezentrum glänzt noch feucht vom morgendlichen Reinigungswischen. Die Wände sind weiß – abgesehen von Kritzeleien in schwarz und grau. Seelsorger Julius Hanak kommt mit zwei Frauen und einem Mann – allesamt aus evangelischen Kirchen – auf Besuch. Er läutet an der Glocke. Dann geht die Tür zwischen hier und dort, zwischen Freisein und Schubhaft auf.

Durch die Gitterstäbe blitzt der blaue Himmel durch
Drinnen wird nicht viel geredet. Man kennt sich, weiß, wer welche Aufgaben hat – die Beamten und die kleine Gruppe Seelsorger begrüßen einander knapp. Wer an dem Tag mit ihnen sprechen will, wissen die Besucher nicht. Früher haben sie am Tag vor den Treffen eine Liste mit Namen, Nationalitäten und Sprachen erhalten. Aber das gibt es jetzt nicht mehr. Warum, weiß man nicht.

Ein Polizeibeamter führt zwei Insassen in das Besprechungszimmer mit der Glastrennwand. Dort wartet ein Besucher auf sie. Ein anderer Polizist sperrt den Besprechungsraum für Julius Hanak und seine Begleiter auf. Hinter den beiden Glasfenstern sind Gitterstäbe angebracht, dazwischen blitzt der blaue Himmel durch. Die Wände sind mit Namen, Daten und Wörtern in fremdländischen Sprachen beschrieben. Was dort steht, verstehen die Seelsorger ebenso wenig wie die Polizisten.

Die Besucher packen aus: Kakao-getränke, Honigwaffeln, Bücher und Zeitungen sowie Papiere in verschiedenen Sprachen wandern aus den Rucksäcken auf den Tisch in der Mitte des Raumes. Die Arbeit der Seelsorger geht weit über ihren eigentlichen Bereich hinaus. Sie sind Anlaufstelle für alles: Beschwerden ebenso wie für rechtlichen Fragen; sie vermitteln auf Wunsch eine Rechtsberatung. Denn über das eigene Verfahren wissen die meisten fast nichts.

Der Schlüssel dreht sich hörbar im Türschloss
Nicht wissen oder nicht verstehen nimmt einen Großteil des Denkens der in Schubhaft Sitzenden ein. An dem Tag sind sieben Männer gekommen. Sie treten hintereinander in den Besprechungsraum ein, stellen sich entlang der Wand auf. Der Polizeibeamte schließt die Tür und selbst wenn man nicht durch die Glastür durchsähe, hörte man, wie er von außen den Schlüssel im Schloss dreht. Jetzt sind alle eingesperrt.

„Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich habe nichts gemacht, ich bin kein Krimineller“, sagt ein 63-jähriger Kosovo-Albaner resigniert und zuckt mit der Schulter. Was ihn dort drinnen – in der Schubhaft – momentan viel mehr aufregt, ist, dass er nur einmal pro Woche duschen und sich rasieren darf. „Das Handtuch ist nur so groß“, schimpft der Mann und hält zur Verdeutlichung ein Heft im DIN A4-Format hoch. Und dann: „Wir sind doch Menschen, bitte!“

Vielleicht nächste Woche, vielleicht nächstes Monat
Viele Schubhäftlinge werden von der Straße weg verhaftet und kommen nur mit dem, was sie auf dem Leib tragen, in das Polizeianhaltezentrum. Wer Bargeld mithat, dem werden pro Tag 24 Euro für die Unterbringung abgezogen. Dabei würden viele – zumindest alle, die an dem Tag das Gesprächsangebot der Seelsorger angenommen haben – Österreich lieber heute als morgen verlassen.

„Maybe next week, maybe next month“, sagt ein 26-jähriger Georgier. So genau weiß das keiner, auch nicht die Beamten, die er gefragt hat. Nur eines ist ziemlich sicher: Der als Fußballspieler in die EU eingereiste Georgier wird nach Ungarn abgeschoben, weil er von dort nach Österreich gekommen und dann nach Deutschland gefahren ist. Dort war er schon 20 Tage in Schubhaft, jetzt sitzt er in Österreich „I would like to do soccer training here. But I cannot. No football“, sagt er. Nach Ungarn könnte noch Rumänien folgen, weil das seiner – umgekehrten – Reiseroute durch Europa entspricht. Bis er die EU endgültig verlassen hat, könnten – wer weiß das schon? – noch Wochen oder Monate vergehen.

Die Privilegierten, das sind jene, die schon länger als zwei Wochen in Schubhaft sind und sich in der Zeit „anständig“ benommen haben, sind im offenen Vollzug: Sie dürfen ihre Zellen verlassen und bescheidene Freiheiten – wie einen Aufenthaltsraum mit Sofas, die schätzungsweise schon vor 20 Jahren Sperrmüll-Status erreicht haben, oder eine mit einem Wasserkocher ausgestattete Teeküche nützen. Eine kleine Gruppe von Algeriern und Marokkanern steht auf dem Gang. Sie wissen nicht, warum die Tür zu Zelle 17 geschlossen bleibt. „Nicht öffnen. Krätze“, steht dort auf der Tafel.

Dazwischen: stundenlanges Nichtstun
Viel ist nicht los im Salzburger Polizeianhaltezentrum. Dort, wo Platz für bis zu 140 Schubhäftlinge ist, sind derzeit nur 39 Personen untergebracht, und zehn davon sind „normale“, österreichische Verwaltungshäftlinge. Zu den fixen Regeln: einmal pro Woche duschen (auf ausdrücklichen Wunsch sogar zwei Mal, wie die Beamten versichern), drei Stunden täglich Bewegung im Innenhof, dort vielleicht Tischtennis spielen oder Schach. Einmal pro Woche wird die mit zwei Kästchen voller durcheinander geworfener Bücher bestückte „Bücherei“ aufgemacht. Außerdem: drei Mahlzeiten, dazwischen: stundenlang nichts tun, zu zweit in der Zelle sitzen.

Die beiden Insassen von Zelle 17 sind mit dem Duschen fertig, ihr einziges Gewand ist zwar gewaschen worden, aber noch nicht trocken. Sie müssen nackt, nur mit um die Hüfte gewickeltem Leintuch herumgehen – und auch zum Essen so erscheinen. Denn für nur die eine Stunde – die der Trockner benötigt – zahlt es sich nicht aus, frisches Gewand aus dem Kleiderdepot zu holen.

Im Besprechungsraum teilt Julius Hanak Wertkartenbons für das Wertkartentelefon am Gang aus – fünf Euro Gesprächsguthaben für jeden. Über das Gesicht eines 35-jährigen Serben huscht ein Lächeln. „Danke. Da kann ich zu Hause anrufen, ich bin vor sieben Tagen Vater geworden“, sagt er und schiebt den Bon in die Tasche seiner schwarzen Hose, die er nun schon zehn Tage lang trägt.

Wenn ein trauriges Lied Energie spenden soll
„Namki, give us some power! Sing us a song!“, fordert Julius Hanak seinen koreanischen Kollegen Namki Lee auf und zündet ein mitgebrachtes Teelicht an. Namki Lee steht auf und erzählt von dem Lied, das er gleich singen wird. Es ist ein trauriges Lied, das von einer Frau handelt, die trauert, weil ihr Mann sie verlässt, um in den Krieg zu ziehen. Dann ist es still und gleich hört man nur noch die kräftige Stimme des Koreaners. Der Geruch des Kerzenparaffins verdrängt kurz jenen der ungewaschenen Menschen.

Nach zwei Stunden und einem Gebet, bei dem sich alle die Hände reichen, ist der Besuch vorbei, Julius Hanak und seine mitgekommenen Seelsorger verabschieden sich, versprechen, sich um einen Fußball zu kümmern. Ob der georgische Fußballspieler dann noch dort sein wird, wissen sie nicht.

Autor:

Bezirksblätter Salzburg aus Salzburg-Stadt

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