Im Interview
Stadtpfarrer träumt von Kirchen ohne Hürden

Pfarrer Alois Dürlinger will die Kirchen für alle Menschen öffnen.
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Der Salzburger Stadtpfarrer Alois Dürlinger spricht über die Herausforderungen für die Kirche in Zeiten von Corona.

SALZBURG. Seit dem Herbst 2019 ist Pfarrer Alois Dürlinger für die vier Stadtpfarren Herrnau, Morzg, Gneis und Nonntal verantwortlich. Im Stadtblatt-Interview spricht der 62-Jährige über die Herausforderungen in dieser Zeit, warum digitale Angebote den Gottesdienst in der Kirche nicht ersetzen können und wie für ihn die Kirche der Zukunft sein sollte.

Herr Dürlinger, Sie sind seit Anfang Oktober für vier Stadtpfarren im Süden Salzburgs zuständig. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Alois Dürlinger:
Es waren besondere und herausfordernde Monate. Es ändert sich natürlich etwas in den Pfarren, wenn ursprünglich vier Priester auf nunmehr einen zusammengeführt wurden. Aber das Leben ist Veränderung, sie ist ein fester Begleiter unseres Lebens. Und nach und nach ist ein Gefühl des Miteinanders entstanden.

Und dann kam Mitte März die Corona-Pandemie. Diese hat auch für das kirchliche Leben große Einschnitte mit sich gebracht, Gottesdienste waren in der Form nicht mehr machbar, große kirchliche Feste konnten nur via Livestream stattfinden. Was hat das für Sie und Ihre Pfarren bedeutet?
Alois Dürlinger
: Es war ein sehr großer Einschnitt, genau vor dem Osterfest. Das hat sozusagen den Hauptnerv des Kirchenjahres getroffen. Für viele Menschen war es gerade in dieser ohnehin schwierigen und vielfach von Sorge geprägten Zeit bedrückend, dass auch das kirchliche Leben kaum möglich war. Für Menschen, die daheim eine Familie hatten, war es sicher einfacher. Jene, die auch zuvor schon einsam waren, hatten es noch einmal schwerer. Der Mensch braucht Menschen, um Mensch zu sein und der Christ braucht Christen, um Christ zu sein. Das Leben an sich ist grundlegend auf Gemeinschaft hin angelegt.

Die Erzdiözese hat eine Online-Plattform eingerichtet, mittels derer Menschen auf ihren Computern oder Tablets Gottesdiensten beiwohnen und kirchliche Angebote nutzen konnten.
Alois Dürlinger:
Die digitalen Angebote waren eine spontane Hilfe, auf Dauer aber sehr ungenügend. Menschen haben mir erzählt, dass sie sich lieber mit einem Radio an einen schönen Platz in der Natur gesetzt und dort dem Gottesdienst gelauscht haben als zuhause vor dem Computer zu sitzen. Ein Bildschirm ist nicht die große Blickrichtung. Stattdessen sollte sich die Kirche mehr mit der Abhaltung von Gottesdiensten im Freien beschäftigen, auch wie man das technisch handhaben kann.

Sie selbst sind schon lange ein großer Befürworter von Messen unter freiem Himmel. Seit Mitte Mai sind die Gottesdienste unter speziellen Auflagen in der Kirche wieder möglich. Halten Sie Ihre dennoch im Freien ab?
Alois Dürlinger
: Ich habe fast alle unter freiem Himmel gemacht, auf dem Vorplatz der Pfarre oder auf einem Platz in unmittelbarer Umgebung. Und wir hatten dort auch ein deutliches Mehr an Besuchern. Es ist für mich ein Zeichen der Öffnung der Kirche nach außen. Man tut nicht Gutes, wenn man die Feier des Glaubens abgrenzt vom pulsierenden Leben draußen. Ich träume auch von einer Kirche, die befreit ist von den einengenden Kirchenbänken. Stattdessen braucht es eine lockere Bestuhlung und die Möglichkeit, dass sich die Menschen in der Kirche frei bewegen können.

Wie haben Sie persönlich die letzten Wochen und Monate während der starken Corona-Maßnahmen erlebt?
Alois Dürlinger
: Für mich war es eine sehr bedächtige Zeit, es gab viel zum Nachdenken. Für die Gemeinschaft an sich habe ich es als sehr bedrückend empfunden. Und leider ist durch die Corona-Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen eine neue Form der Armut entstanden. Wir haben daher bei uns im Pfarrhof bei der Garage mit der Ausgabe von Lebensmitteln begonnen, die wir teils von Lebensmittelmärkten geschenkt bekommen oder durch Spenden zukaufen. Mittlerweile kommen 130 Familien in der Woche, um sich Lebensmittel zu holen. Da sind sehr viele Menschen, die vor zwei Monaten noch nicht daran gedacht haben, in so eine Situation zu kommen.

Spüren Sie da eine große Hemmschwelle bei den Menschen?
Alois Dürlinger
: Bei manchen natürlich. Aber es geht um Solidarität. Wir achten auf die Würde der Menschen und empfangen sie mit Gastfreundschaft, wenn sie kommen, um für ihre Familien die Lebensmittel zu holen. Es heißt ja immer, im reichen Süden der Stadt gibt es keine Armut, das halte ich schlichtweg für eine Legende. Armut und Einsamkeit sind überall zu finden, und manchmal auch im prachtvollsten Haus.

Viele Menschen entfernen sich immer mehr von der Kirche. Wie muss die Kirche von heute sein?
Alois Dürlinger:
Leider hat sich die Kirche in den letzten Jahren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie muss viel näher zu den Menschen, und zwar zu jenen, die der Kirche ferner sind. Die Menschen leben in dichten Siedlungen, dort spielt sich das reale Leben ab und dorthin muss sich auch die Kirche entwickeln. Sie darf nicht in einem Elfenbeinturm verharren. Für die Zukunft der Kirche sehe ich nur zwei mögliche Wege: Entweder sie rückt näher an die Menschen oder sie gerät aufs Abstellgleis. Da gibt es nicht viel dazwischen.

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