Psychologie und Psychotherapie
Asexualität – wenn Menschen keine Lust auf Sexualität spüren

Menschen, die asexuell sind, haben keine oder kaum Lust auf Sexualität, wobei hier Sexualität breit verstanden wird (also neben Geschlechtsverkehr auch Küssen, Petting, Oralverkehr, Analverkehr, BDSM, Frottage, Selbstbefriedigung). Es gibt jedoch viele Zwischenstufen auf dem Kontinuum zwischen sexuellen Bedürfnissen und Asexualität. Es gibt etwa asexuelle Menschen, die zwecks Kinderwunschs mit ihren Partner*innen Geschlechtsverkehr haben, es gibt asexuelle Menschen, die keine Lust auf Sexualität mit anderen Menschen verspüren, sich jedoch selbst befriedigen und asexuelle Personen, die nicht einmal das Bedürfnis nach Selbstbefriedigung fühlen.
Wie immer ist auch Asexualität ein buntes und vielfältiges Phänomen. Schätzungen zufolge sind etwa ein Prozent aller Menschen asexuell. Allerdings gibt es keine aktuellen aussagekräftigen Studien. Asexualität ist somit ein Forschungsdesiderat – vermutlich, weil das Phänomen ein Tabu in einer leistungsorientierten, übersexualisierten Gesellschaft darstellt.
Lange Zeit war das Thema Asexualität auch nicht in den Medien. In der Psychologie und Psychotherapie wurde (und wird) Asexualität sogar als eine psychische Auffälligkeit und Erkrankung dargestellt. In der Psychologie existiert nach wie vor das Dogma, dass jeder Mensch sexuelle Lust haben müsse, um psychisch gesund zu sein.
Asexualität wird in den letzten Jahren immer mehr diskutiert. Dies mag daran liegen, dass asexuelle Personen einen starken gesellschaftlichen Druck zu spüren bekommen, sich „normal“, d.h. sexuell zu verhalten. Dieser Druck erzeugt Gegendruck und bewegt asexuelle Menschen, sich zu solidarisieren, sich zu organisieren und Netzwerke zu bilden. Auch in Schulklassen mache ich als Sexualpädagoge immer wieder die Erfahrung, dass Asexualität junge Menschen beschäftigt und bewegt.
Oft wird der Begriff „asexuell“ falsch verwendet. So darf etwa die mangelnde Gelegenheit zur Sexualität oder freiwillige Enthaltsamkeit nicht mit Asexualität verwechselt werden. Auch das Bedürfnis, nur Sex mit Menschen zu haben, die mir sehr vertraut sind, hat nichts mit Asexualität zu tun.
Sexuelle Funktionsstörungen (Erektionsschwäche, vorzeitiger oder verzögerter Orgasmus, Scheidenkrampf, mangelnde Libido, Schwierigkeiten beim Orgasmus, Schmerzen beim Sex u.v.m.) haben rein gar nichts mit Asexualität zu tun. Hierfür gibt es vielfältige paardynamische, individualpsychologische und gesellschaftliche Ursachen, die oft komplex ineinandergreifen. Auch Schüchternheit, Gehemmtheit oder Scheu vor Sexualität dürfen nicht mit Asexualität verwechselt werden.

Gerade die Psychotherapieschule der Logotherapie und Existenzanalyse nimmt Menschen mit ihren Emotionen, Gefühlen und Bedürfnissen immer ernst. Es geht um das Finden und Bergen der authentischen (personalen) Bedürfnisse, um das Spüren des Eigenen und Wertvollen im Leben. Gerade im Bereich der Sexualität, Transidentität, der sexuellen Orientierungen und der sexuellen Identitäten liefert sie einen wertvollen Zugang, um Menschen zu helfen, zu sich selbst zu finden und ihnen ein authentisches Leben zu ermöglichen. Es geht darum, sich nicht zu sehr von Außen beeinflussen zu lassen und fremdbestimmt zu leben, sondern zu spüren, was mein Eigenes ist und wie ich authentisch (natürlich immer mit Rücksicht auf die Freiheit und Grenzen der anderen) meine eigenen Bedürfnisse (etwa das Bedürfnis nach Aromantik oder Asexualität) leben kann. Dieser Weg kann schwierig und schmerzhaft sein, immerhin sind asexuelle Menschen eine Minderheit. Langfristig wird es aber immer leichter, wenn ein Mensch beginnt, zu sich selbst zu stehen und er selbst zu werden.

Interview und Podcast zum Thema Asexualität:
Mein Interview mit Ursi Zaiser zum Thema Asexualität und asexuelle Menschen

„Asexuelle Menschen werden immer wieder als psychisch krank erklärt“

Asexuelle Menschen begegnen im Alltag immer wieder Vorurteilen. Aber auch vor Partnerschaften machen Stigmatisierungen nicht halt. Der Sexualpsychotherapeut Florian Friedrich spricht über die Pathologisierung einer wenig bekannten Sexualität und über die sexuelle Leistungsgesellschaft, die viele Menschen in ihrer Sexualität einschränke.

TEXT & AUDIO: URSI ZAISER

Autor: Florian Friedrich
Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision
(Logotherapie und Existenzanalyse)

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