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Asexuelle Menschen – Vorurteile und Fehlannahmen

Menschen, die asexuell sind, haben keine oder kaum Lust auf Sexualität, wobei hier Sexualität breit verstanden wird (also neben Geschlechtsverkehr auch Küssen, Petting, Oralverkehr, Analverkehr, BDSM, Frottage, Selbstbefriedigung). Asexuelle Menschen verlieben sich in andere Menschen und können schwul, lesbisch, bi, hetero oder pan sein. Das heißt, dass viele asexuelle Menschen eine romantische Partner*innenschaft führen möchten bzw. führen und ihre Partner*innen auch lieben, aber eben keine Lust auf Sexualität verspüren. Viele asexuelle Menschen bevorzugen den Begriff „Romantik“ und sprechen von „Heteroromantik, Homoromantik, Panromantik oder Biromantik“.

Asexuelle Menschen haben normalerweise von Kindheit an keine oder kaum sexuelle Bedürfnisse und es fällt asexuellen Menschen bereits in der Pubertät auf, dass sie anders als ihre Peers empfinden. Allerdings ist Asexualität keine Phase, die irgendwann wieder vorbei geht, sondern sie besteht dauerhaft. Auch nicht-asexuelle Menschen erleben Zeiten oder Lebensphasen, in denen sie keine oder kaum Lust auf Sexualität spüren, allerdings bleibt ihre Libido im Kern erhalten und meldet sich immer wieder.
Asexuellen Menschen fällt es nicht leicht zu erklären, was sie fühlen, weil sich die Abwesenheit eines sexuellen Bedürfnisses schwer in Worte fassen lässt. Sie empfinden aber Druck, Stress, Verkrampfungen, Anspannung und körperliche Enge, wenn sie sich selbst zum Sex zwingen. Hingegen wird es für sie freier, körperlich erleichternder, fließender, muskulär lockernder und emotional stimmiger wenn sie ihrem Bedürfnis nachgehen können (etwa Kuscheln, Zärtlichkeit, ohne dass sie die Erwartung an sich selber haben, Sex haben zu müssen). Dieses Spüren ist subjektiv und damit immer richtig. Gefühle und Bedürfnisse sind – Punkt!
Allerdings gibt es Menschen, bei denen sich Asexualität erst im Laufe des Lebens entwickelt. Die Sexualität lässt sich zwar nicht bewusst erlernen, es gibt jedoch Entwicklungsprozesse. Manche Menschen spüren in jüngeren Jahren noch sexuelle Bedürfnisse und entwickeln sich dann dauerhaft asexuell oder auch umgekehrt. Dies lässt sich u.a. mit der Plastizität unseres Gehirns erklären. Sexualität ist nicht nur ein Trieb (Sigmund Freuds Triebtheorie und Triebmodell ist zwar immer noch populär, allerdings schon lange überholt), sondern unterliegt Lern- und Entwicklungsprozessen. Wie wir Sexualität leben, worauf wir sexuell stehen, wer unser Typ ist und was wir als lustvoll erleben, unterliegt Prozessen der Sozialisation, der Kultur und des Zeitgeistes. Hier ist allerdings anzumerken, dass Sexualität zwar der Sozialisation unterliegt, es aber nicht möglich ist, Menschen zur Sexualität oder Asexualität bewusst zu erziehen.

Asexuelle Menschen sehen sich mit folgenden Vorurteilen konfrontiert:

Heteroromantischen Männern wird oft unterstellt, dass sie gar nicht asexuell seien. Ihre Partnerinnen fühlen sich mitunter sehr gekränkt und zurückgewiesen, wenn ihr männlicher Partner asexuell ist, und als Frau nicht begehrt. In unserer Gesellschaft besteht immerhin das Vorurteil, dass Männer immer und überall Lust auf Sex hätten. Umso befremdlicher erscheint es vielen Menschen, wenn ein Mann asexuell ist. Auch Frauen haben dieses stereotype Männerbild verinnerlicht und reagieren mit Unglauben, tiefer Kränkung, Hilflosigkeit oder Angst, wenn ihr männlicher Partner asexuell ist.
Schwule/biromantische asexuelle Männer sehen sich mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert. Gerade in der kommerziellen Schwulenszene (mit ihren Bars, Discotheken, Darkrooms, Sex-Saunen, Cruising-Areas, Sexkinos etc.) wird Sexualität oft vermarktet und es findet sich mindestens derselbe sexuelle Leistungsstress wie unter heterosexuellen Menschen. Ein schwuler/biromantischer Mann erfährt dann mitunter gleich eine doppelte Diskriminierung: wegen seiner romantischen Orientierung und wegen seiner Asexualität. Mitunter wird er auch von anderen schwulen und bisexuellen Männern als auffällig oder psychisch krank pathologisiert, wenn er der asexuellen Minderheit angehört.
Es existiert nach wie vor das stereotype Vorurteil, dass Männer häufiger Sex bräuchten als Frauen. Ob dies tatsächlich so ist, ist für die Sexualtherapie und Paartherapie nicht von Interesse, da hier immer das subjektive Erleben des jeweiligen Menschen im Vordergrund steht. Der Unterschied bezüglich sexueller Bedürfnisse innerhalb der Geschlechter ist jedenfalls viel größer als zwischen den biologischen Geschlechtern. Es gibt Männer, die brauchen dreimal am Tag Sex, manche nur einmal im Monat und manche gar nie. Und genauso ist es bei Frauen. Hat ein Mann weniger Lust auf Sex als sein/seine Partner*in, so wird er rasch (auch vom/von der/dem Partner*in) als psychisch krank erklärt.

Asexuellen hetero- und biromantischen Frauen wird unterstellt, dass sie frigide oder traumatisiert seien. Hierbei handelt es sich um verletzende Vorurteile, da Asexualität nichts mit sexueller Gehemmtheit zu tun hat und sie sich auch nicht aufgrund von sexuellen Traumata entwickelt. Nicht-asexuelle Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten und traumatisiert sind, spüren sexuelle Lust, Leidenschaft und sexuelles Begehren. Sie leiden unter der Traumatisierung, und die Traumatisierung kann einer erfüllten Sexualität im Weg stehen. In fast jeder heterosexuellen Sexualtherapie erlebe ich es, dass die Frau in ihrem bisherigen Leben zumindest einmal bereits sexuelle Gewalt erleben musste. Ein sexuell traumatisierter Mensch hat normalerweise Lust auf Sex, allerdings hat sich bei ihm häufig das sexuelle Trauma fest in den Körper eingeschrieben. Kommt es dann während sexueller Handlungen zu Auslösereizen (so genannten „Triggern“), so erinnern sich Körper und Psyche schlagartig an das sexuelle Trauma. Der Körper versteift sich dann, wird starr, völlig angespannt, es kommt zu einem körperlichen Totstellreflex, Einfrieren („Freeze“) oder Fluchtimpulsen. Emotional erleben die betroffenen Menschen Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein, Ohnmacht bis hin zu Todesangst. Es wird ersichtlich, dass dieser Trauma-Zustand nicht mit sexueller Lust, Leidenschaft und Begehren einhergehen kann. Das sexuelle Trauma kann dann verschiedene Symptome bewirken, etwa Schneidekrampf, massive Schmerzen in den inneren oder äußeren Geschlechtsorganen, Schmerzen im ganzen Körper, körperliche Schockzustände und verständlicherweise keine Libido.
Übrigens: Heterosexuelle Männer erleben sexualisierte Gewalt eher selten. Homo- und bisexuelle Männer hingegen werden häufiger Opfer von sexueller Gewalt, allerdings ist sexualisierte Gewalt unter Männern ein großes Tabu und führt dazu, dass die männlichen Opfer ihren Missbrauch verschweigen.

Autor: Florian Friedrich
Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision
(Logotherapie und Existenzanalyse)

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